Keine Panzer-Panik am Brandenburger Tor

Sowjetisches Ehrenmal in Berliner Tiergarten. Foto: Alamy/Legion Media

Sowjetisches Ehrenmal in Berliner Tiergarten. Foto: Alamy/Legion Media

Eine wachsende Abneigung gegen Russland ist in Deutschland derzeit nicht festzustellen, meint der Ulenspiegel.

„Russische Panzer bedrohen an der ostukrainischen Grenze das freie, demokratische Europa. Deshalb starten Bild und B.Z. eine Petition: Wir wollen keine russischen Panzer am Brandenburger Tor!"

Die Panzer, um die es geht, stehen wirklich dort. Seit 1945. Sie sind Teil des sowjetischen Ehrenmals am Tiergarten in Berlin und, wie vorauszusehen war, hat die Bundesregierung das Ansinnen bereits zurückgewiesen. Unser Land hat sich vertraglich verpflichtet, die sowjetischen Ehrenmäler und Soldatenfriedhöfe auf deutschem Boden zu

erhalten. Das ist kein Geheimnis. Die Verantwortlichen bei Bild hätten es mit ein bisschen Recherche selbst herausfinden können. Aber vielleicht war ihnen das egal, es ging nur um die Publicity? Trotzdem, keine besonders gelungene Aktion, auch nicht nach Bild-Maßstäben.

Normalerweise sind die Macher der größten deutschen Boulevardzeitung Meister darin, Stimmungen im Volk zu erspüren und zu artikulieren. Gerne unter dem sarrazinischen Motto „das wird man doch wohl noch sagen dürfen..." Eine wachsende Abneigung gegen Russland ist derzeit jedoch nicht festzustellen, im Gegenteil. Ich habe an dieser Stelle schon viele Gründe dafür genannt. Vielleicht ist ein weiterer die simple Erkenntnis, dass Deutschland stets von einem intakten Verhältnis zu Russland profitiert hat. Konflikte mit dem Riesenreich sind uns hingegen nie gut bekommen.

Russische Truppen vertrieben Napoleon aus deutschen Territorien. Bismarck konnte Deutschland vereinigen, weil Russland wohlwollende Neutralität bewahrte. Auch Helmut Kohl hätte ohne sowjetisches Einverständnis Deutschland nicht „gewuppt", wie es die Bildzeitung seinerzeit ausdrückte. Jedes Mal erhoffte sich Russland von Deutschland Dankbarkeit, will sagen politische Unterstützung. Jedes mal sah sich Russland getäuscht. Darum bin ich skeptisch, wenn von deutsch-russischer Annäherung oder gar Freundschaft die Rede ist. Historisch gesehen war es immer so: wenn der eine wollte, war der andere gerade nicht in Stimmung.

Das postsowjetischen Russland hat lange und vergeblich um Deutschland geworben. Gerade auch Putin, der „Deutsche im Kreml". Er sah sich ein ums andere Mal abgewiesen. Ob ein deutscher Sinneswandel jetzt in Moskau auf Gegenliebe stößt? Ob er überhaupt wahrgenommen wird? Russland befindet sich in einer Phase des nationalen Überschwangs. Nach zwei Jahrzenten der Schwäche ist das Land jetzt wieder in der Lage, sich

international durchzusetzen. Keine Stimmung, in der man verzweifelt nach Freunden sucht. Schäubles historische Exkurse und die Panzer-Petition der Bildzeitung werden von der russischen Diplomatie jedenfalls ganz bewusst hochgehängt.

Natürlich bestehen zahlreiche Verbindungen zwischen beiden Ländern und Traditionslinien der politischen Annäherung. Aber es gibt auch das Gegenteil, in Deutschland wie in Russland. Alle russischen Herrscher, die Deutschland entgegenkamen, trafen auf erhebliche Gegenwehr. Stets gab es in Russland Kreise, die Deutschland gegenüber sehr kritisch eingestellt waren. Für die einen war es einfach die Heimat ungehobelter Langweiler. Anderen sahen im geschäftigen, disziplinierten Deutschen den Gegenpol zum tiefgründigen, großzügigen Russen. Wieder andere betrachteten Deutschland als einen unzuverlässigen Verbündeten, der einen am Ende verrät. Solche Strömungen gibt es auch heute.

In Deutschland jedenfalls hat die Aktion der Bild-Zeitung der Sache Russlands eher genützt. So plump war die Idee, dass sich sogar ausgewiesene Russland-Kritiker davon distanzieren.

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