Der Schädel von Gogol

Bild: Natalia Michalenko

Bild: Natalia Michalenko

Der Schriftsteller Nikolai Gogol war eine überaus mysteriöse und rätselhafte Persönlichkeit. Die Realität war nicht seine Welt. Ebenso rätselhaft ist auch das Schicksal seines Schädels: Wer hat den Kopf gestohlen?

Viele Jahre lang waren Russland und die Ukraine nicht in der Lage sich zu einigen, zu welchem Volk der berühmte Schriftsteller Nikolai Wasiljewitsch Gogol, Verfasser der „Toten Seelen“, des „Revisors“, „Taras Bulbas“ und des „Mantels“, nun eigentlich gehört. Zur Welt gekommen ist er in der Ukraine, im Dorf Sorotschinzy im Gouvernement Poltawa. Aber gelebt hat er in Russland und geschrieben hat er auf Russisch. Die Ukraine ist in seinen Büchern ein fiktives, märchenhaftes Land. Das meiste, was er über sein Geburtsland wusste, erfuhr Gogol aus dem Briefwechsel mit seiner Mutter, die in Kleinrussland lebte – so hieß damals der nördliche Teil der Ukraine des Russischen Kaiserreichs.


Hippie, Abenteurer und Geschichtenerzähler

Es ist bestimmt kein Zufall gewesen, dass er am 1. April, dem Tag des Humors, zur Welt kam. Manch einer glaubt sogar, dass dieser Tag im Angedenken an Gogol zelebriert wird. Tatsächlich hätte zum Geburtstag des Schriftstellers aber auch Allerheiligen oder die Walpurgisnacht gepasst, eben etwas Mystisches, Geheimnisvolles, Zauberhaftes. Denn Mystik ist genauso in ihm und seinen Büchern wie Lustiges. Auf unvergleichbare Art und Weise war er in der Lage, diese beiden Grundstimmungen miteinander zu verknüpfen und zu vermischen.

Der langhaarige und schwächliche Gogol würde mit seiner markanten Nase heute wohl eher an einen Hippie erinnern. Eine Zeit lang war es unter den Moskauer Hippies äußerst angesagt, einen selbstgebastelten Button mit einem Porträts Gogols, auf dem er eine runde Brille aufhat, zu tragen. Darunter stand dann „John Lennon“, zu dessen Markenzeichen die Rundbrille gehörte. Übrigens dient das Denkmal des Schriftstellers auf dem Gogol-Boulevard seit Mitte der Siebzigerjahre den Hippies als Treffpunkt. In Moskau gibt es viele herrliche Denkmäler, aber ausgewählt wurde ausgerechnet das Gogol-Denkmal.


Wie richtige Hippies führte auch Gogol das Leben eines Nomaden, er war ein Mensch ohne eigenem Heim. Nirgends hielt er es über einen längeren Zeitraum aus, wohl fühlte er sich nur, wenn er auf Reisen war. Deshalb entbehrt der Streit zwischen Russland und der Ukraine jeglicher Grundlage. Ja, er ist ein Russe. Und ja, er ist ein Ukrainer. Aber genauso kann er als Deutscher, Italiener und sogar als Israeli bezeichnet werden, da er sich auch in Rom, München und Nazareth aufhielt.

Nahezu nichts von dem, was er auf seinen Reisen sah, fand sich in seinen Büchern wieder. Viele seiner Helden sind Abenteurer wie Gogol selbst – Chlestakow, Tschitschikow, Iwan Fjodorowitsch Schponka. Je schneller sich die Räder seiner Kutsche drehten, desto tiefer taucht der Leser ein in eine Parallelwelt, in der Tote wiederauferstehen, in der Truthennen von der Größe eines Kalbs vorkommen, und 35 000 Boten durch die ganze Welt eilen, um eine frohe Meldung zu überbringen. 

Ein Realist war Gogol nie. Mit etwas Übertreibung könnte man ihn vielleicht als den Begründer der alternativen Geschichte und historischen Rekonstruktion bezeichnen. Vor allem kann man ihm die ukrainische und die Sankt Petersburger Stadtfolklore zuschreiben. Das Genre ist ihm so überzeugend gelungen, dass man die Gogolschen Stadtlegenden und Erdichtungen sogar teilweise heute noch für bare Münze nimmt. Wissenschaftler haben aber schon längst nachgewiesen, dass die Ereignisse in Gogols Roman „Taras Bulba“, weder unter den Kosaken noch bei den Ukrainern oder den Polen wirklich geschehen sind. Aber die Gogolsche Version der Geschichte ist so einleuchtend, dass es schwerfällt, ihr nicht zu glauben.


Mystik vor und nach dem Tod

Als die Öffentlichkeit der damaligen Zeit sein Werk „Revisor“ als ein revolutionäres Stück bezeichnete, das die zaristische Bürokratie bloßstelle, fand das Gogol alles andere als lustig. Er hatte nichts dergleichen beabsichtigt. Er brachte lediglich die von ihm ausgedachte Welt, bewohnt mit fantastischen Wesen, zu Papier. Für alle Fälle schrieb er die Idee des „Revisor“ dem großen Puschkin zu. Dieser inspirierte ihn zu seinen Romanen „Revisor“ und auch „Toten Seelen“. Und Puschkin war immerhin ein Klassiker, ein unanfechtbarer Schriftsteller und Poet – wer würde da schon etwas Übles unterstellen wollen?

Puschkin war für ihn ein Gott. Nachdem er nach Sankt Petersburg gekommen war, suchte Gogol gleich den Kontakt zum russischen Nationaldichter. Als er jedoch tatsächlich vor dessen Tür stand, war er wie versteinert. Deshalb lief Gogol erst einmal zu einem nahegelegenen Caféhaus und trank sich mit einem Gläschen Likör etwas Mut an. Danach kehrte er zurück und erkundigte sich schüchtern bei dem Bediensteten: „Ist Alexander Sergejewitsch zu Hause?“ – „Ja“, antwortete man ihm, „er ist zu Hause, aber er pflegt um diese Zeit zu ruhen“. Gogol wurde von noch größerer Verehrung gegenüber dem Poeten erfasst. „Bestimmt“, so sprach er, „hat er die ganze Nacht damit verbracht, Gedichte zu verfassen?“ Daraufhin erwiderten die Bediensteten jedoch: „Wie man’s nimmt, er hat sicher gearbeitet. Er hat die ganze Nacht Karten gespielt.“


Am Ende seines Lebens führte der ultraorthodoxe Geistliche, Vater Matthäus, mit Gogol lange erzieherische Gespräche. Er versuchte ihn davon zu überzeugen, sich von der Literatur loszusagen und sich ganz dem Glauben zu verschreiben. Vater Matthäus wollte ihn auch überreden, Puschkin zu verleugnen, denn Puschkin verkörperte für den Geistlichen alles Dämonische und Ketzerische. Gogol leistete lange Widerstand, aber letzten Endes gab er nach. Er sagte sich von Puschkin los, verabschiedete sich vom Leben und von allem, was ihm heilig war.


Kopfloses Rätsel

Die Literatur Gogols ist reine Mystik, ein Teufelswerk: auferstandene Tote, Hexen, verzauberte Porträts. Die Mystik begleitete ihn in seine letzten Tage und sie begleitete ihn auch noch nach dem Tod. Beerdigt wurde er auf dem Danilow-Friedhof. In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wurde der Friedhof aufgelöst. Das Grab Gogols wurde geöffnet, um die Gebeine auf den Neujungfrauenfriedhof überführen zu können, aber der Schädel befand sich nicht im Grab. Gogols Kopf, sein Schädel, war nicht aufzufinden.

Nach der Exhumierung wurde festgestellt, dass noch andere Dinge und Teile der Gebeine fehlten. Offenbar hatten sich die Schriftsteller, die bei der Öffnung des Grabes anwesend waren, diverse Souvenirs mitgenommen. Valentin Katajew nahm sich auf dem Friedhof eine Schere und schnitt ein Stück von Gogols Gehrock ab. Aus dem ließ er sich später einen Bucheinband für sein Exemplar der „Toten Seelen“ anfertigen. Wsewolod Iwanow steckte eine Rippe Gogols ein, und der Friedhofsdirektor, der Komsomolze Araktschejew, ließ die Stiefel des Schriftstellers mitgehen. Der Vorfall wurde Stalin zugetragen, der sich der Angelegenheit persönlich annahm: Allen Zeugen wurde aufgetragen, strengstes Stillschweigen zu bewahren. Aber Gerüchte waren trotzdem im Umlauf. Und diese Gerüchte hatten ihre Wirkung auf Michail Bulgakow, der in seinen Roman „Der Meister und Margarita“ die Geschichte von einem verloren gegangenen Kopf einfließen ließ – eine Geschichte ganz im Stile Gogols.

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