Mai auf dem Balkon

Ein Abschleppfahrzeug  auf den Straßen von Moskau. Foto: ITAR-TASS

Ein Abschleppfahrzeug auf den Straßen von Moskau. Foto: ITAR-TASS

Adele berichtet über ihre erlebnisreiche Maifeiertage.

Die zahlreichen Maifeiertage nutzte ich in diesem Jahr sehr ungewöhnlich. Ungeachtet der politischen Hitzewellen stürzte ich mich in die Hausarbeit. Erster Schritt: Küche renovieren. Das schieb ich ja schon seit den Ferien zum Jahreswechsel erfolgreich vor mir her. Farbe und allen Zubehör zu kaufen ist ja jetzt kinderleicht. Natürlich bricht sofort das Chaos aus, wenn in einem Zimmer renoviert wird. Das verursacht immer so ein leichtes Kribbeln. Während die Küche gestrichen wird, krame und räume ich in Schränken und fördere längst vergessene Dinge zutage. Gleichzeitig wird alles ordentlich geputzt, bis dann die Küche mit großem Aufwand gereinigt und wieder eingeräumt wird. Alles, was sich nicht wehren kann, wird gewaschen.

Danach stolziere ich mit geschwellter Brust und hochzufrieden durch die Wohnung. Das Wetter spielt auch relativ gut mit und verheißt richtigen Frühling. Deshalb machte ich mich auch gleich noch über den Balkon her. Nach dem langen Winter musste er erstmal abgeschrubbt werden. Meine vorher bestellten Geranien waren auch schon früher eingetroffen, so dass ich ordentlich loslegen konnte. Zwei bisher noch kleine Nadelgehölze stehen als Wächter und Windabhalter an den Seiten. In diesem Jahr gibt es erstmals zwei kleine Balkonkästen mit Petersilie, Dill und Lauchzwiebeln. Kleine grüne Triebe bohren sich nach oben ans Licht.

Nachdem ich alles bepflanzt hatte, setzte wildes Schneetreiben ein. Mein Herz rutschte in die Hose. Hatte ich es etwa zu eilig gehabt? Zum Glück ging der Spuk schnell vorbei. Es war wie eine sehr genaue Inszenierung der ersten Zeilen des Osterspaziergangs vom guten alten Goethe. Zum Schluss holte ich noch die Zimmerpflanzen auf den Balkon, allen voran natürlich meine riesige Jukkapalme, die ich seit ungefähr zehn Jahren wachsen sehe. Im Sommer auf dem Balkon legt sie immer richtig zu. Da sie immer ausladender wird, bleibt wenig Platz zum Sitzen und Genießen.

So habe ich auf engstem Raum all das gemacht, was die Moskauer auf ihren Datschas getrieben haben. Ich hab es allerdings nach den Feiertagen nicht im Kreuz wie die meisten Datschniki. Nur einen Schaschlykgrill stellte ich nicht auf. Kein Platz und zu gefährlich. Die aufmerksamen Rentnerinnen, die ich ja bekanntlich Speznas, Spezialeinheit, nenne, weil sie alles wissen und den Hof tagtäglich im Auge behalten, würden sofort Alarm schlagen.

Zwischendurch nutzte ich die Leere der Stadt, um mit dem Auto etwas umherzufahren. Es ist richtig unwirklich, ohne Staus, Gehupe und Geschimpfe vorwärts zu kommen. Am letzten Tag der freien Tage aktivierten sich allerdings die Verkehrspolizisten und kontrollierten viele Fahrzeuge. Vielleicht in der Hoffnung, dass es ein paar Datschniki mit der Nullpromille-Grenze nicht so ernst nehmen. Im Schlepptau hatten die Ordnungshüter gleich noch Abschleppfahrzeuge, die vor den neu eingerichteten Halte- und Parkverboten in der Innenstadt reiche Beute

machten. Die Leute kamen von der Datscha und wollten schnell noch etwas einkaufen. Natürlich haben sie es eilig wie immer und stellen das Auto genau vor den Laden, so wie sie es gewohnt sind. Die neuen Schilder haben sie wahrscheinlich übersehen und sofort, rollt der Abschlepper an.

Wenn sie das mitkriegen, stürmen sie aus dem Laden und versuchen die Evakuierung zu verhindern. Das Auto ist voll beladen und sie haben keine Lust, auf den entlegenen Strafparkplätzen ihr Auto zu suchen. Da gerät die Idylle der vergangenen Tage schnell in Vergessenheit, emotional und lautstark diskutieren sie mit den Ordnungshütern. Dabei werden sie von der Großfamilie aktiv unterstützt. Manchmal haben sie Glück und kriegen ihr Gefährt wieder frei. Auf diese Weise hat sie der hektische und unberechenbare Alltag der Großstadt gleich wieder. Schocktherapie auf moskowitisch.

Die in der Stadt Verbliebenen begingen die Feiertage unterschiedlich, manche mit viel zu viel Wodka, der auf den Jahrestag des Sieges und aus vielen anderen Gründen getrunken wurde. Da kam es dann doch zu verschiedenen Zwischenfällen, auch in unserem Hof. Die Speznas hatte

schon die Beobachtungsposten aufgegeben, die Spielkarten eingepackt und war in den Wohnungen verschwunden, während der harte Kern der unverwüstlichen Hoftrinker weiter lautstark über das Leben philosophierte. Einer widersetzte sich massiv den Versuchen der Ehefrau, ihn nach Hause zu bugsieren. Unter reger Anteilnahme der Mitfläschler kam es zum handfesten Streit, den herbei gerufene Polizisten beizulegen versuchten.

Nach einer zerbrochene Glasscheibe und ein paar Veilchen zog Ruhe ein. Ich konnte dann auch beruhigt meinen schönen gemütlichen Balkonplatz verlassen und mit der Gewissheit schlafen gehen, dass nichts mehr passiert in unserem Moskauer Innenhof.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland