Mehr als Schall und Rauch: Nachnamen in Russland

Bild: Nijas Karim

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Der Familienname weist in Russland meist auf die genealogischen Wurzeln hin. In vielen Fällen kann man aber auch die Nationalität am Namen erkennen. Und manchmal, ob gewollt oder nicht, verrät der Familienname auch etwas über den Charakter des Namensträgers.

Familiennamen gibt es in Russland seit dem 16. Jahrhundert. Sie entstanden zuerst in der Oberschicht. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1860 gaben sich auch die Bauern Familiennamen. Ein typischer russischer Familienname zeichnet sich durch die Endung „ow", „jew", „jow" oder „in" aus.

So bedeutete zum Beispiel „Iwan Petrow" ursprünglich „Iwan, Sohn des Peters". Ab der nächsten Generation wurde der auf diese Weise gebildete Familienname dann unverändert weitergegeben, für den Verweis auf den Vater wurde dagegen der Vatersname verwendet: „Wasilij Iwanowitsch Petrow" bedeutet also „Wasilij, Sohn des Iwans aus dem Geschlecht der Petrows".

In den heutigen Familiennamen wurden Vornamen konserviert, die in Russland längst schon aus der Mode gekommen sind: Makarow (von „Makarius"), Matwejew (von „Matthias"), Lukin (von „Lukas") und viele andere. Als typischster russischer Familienname gilt gemeinhin „Iwanow", obwohl er gar nicht der verbreitetste Name ist, sondern lediglich den zweiten Platz belegt. Angeführt wird die „Hitliste" von „Smirnow" (vom Wort „smirnyj" – „ruhig", „fromm"): Die Smirnows machen in Russland 1,8 Prozent der Bevölkerung aus, die Iwanows dagegen nur 1,3 Prozent.

 

Berufe und Tiernamen

Anders als in Deutschland gibt es in Russland nur wenige Familiennamen, die von einem Beruf abgeleitet wurden. Verbreitet sind unter anderem Kusnezow (von „Schmied"), Rybakow (von „Fischer") oder Melnikow (von

„Müller"). Wesentlich verbreiterter sind Ableitungen von Tiernamen, wie Medwedjew (von „Bär"), Wolkow (von „Wolf") oder Bykow (von „Bulle"). Besonders häufig kommen „gefiederte" Familiennamen vor: Sokolow (von „Falke"), Orlow (von „Adler") oder Sorokin (von „Elster").

Zwei berühmte russische Poeten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tragen Familiennamen, die aus der Bezeichnung kirchlicher Feiertage gebildet wurden: Andrej Wosnesenskij (von „wosnesenije" – „Himmelfahrt") und Robert Roschdestwenskij (von „roschdestwo" – „Weihnachten"). Die Endung „-skij" dient in der russischen Sprache als Antwort auf die Frage „Wessen?" oder „Woher?", ist aber vor allem typisch für die westlichen Regionen Russlands und stammt wohl eher aus dem Polnischen.

An der Endung eines Familiennamens kann man oft nicht nur die Nationalität der Person erkennen, sondern häufiger noch dessen Geschlecht. Die meisten russischen Familiennamen haben in der weiblichen Form eine eigene Endung. Es wird der Buchstabe „а" angehängt (Iwanowa, Sorokina), und „-skij" wird zu „-skaja" (Moskowskaja).

Bei den russischen Einwanderern wurden die Namen häufig dem Sprachgebrauch des neuen Heimatlandes angepasst. So wurde zum Beispiel „Ali" zu „Alijew" und „Rachmon" zu „Rachmonow". In Lettland

dagegen wird an alle Familiennamen die Endung „-s" hinzugefügt – bei dem lettischen Staatsbürger Iwanow steht deshalb im Ausweis „Ivanovs".

Personen des öffentlichen Lebens wie Politiker oder Schriftsteller ändern ihren Familiennamen nicht selten in einen markanteren Künstlernamen ab. Wladimir Uljanow unterschrieb vor der Revolution im Jahre 1917 einige Zeitungsartikel mit dem Pseudonym „Lenin", welcher der Legende nach vom Namen des sibirischen Flusses Lena abgeleitet ist. In die Geschichte ging er als Wladimir Lenin ein. Seine Kampfgefährten aus der Partei der Bolschewiki wählten sich Namen, die Härte und Stärke ausstrahlen sollten: So wurde Josef Dschugaschwili zu Josef Stalin (von „Stahl") und Wjascheslaw Skrjabin zu Wjascheslaw Molotow (von „Hammer").

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