Sommerloch auf Russisch

Moskau ist am Wochenende im Sommer praktisch leer. Auf dem Bild: Kamergerskij-Gasse.  Foto: Alexander Sucharew

Moskau ist am Wochenende im Sommer praktisch leer. Auf dem Bild: Kamergerskij-Gasse. Foto: Alexander Sucharew

Es nähert sich wieder, das Schreckgespenst der Medien. Das mediale Sommerloch ist hier nicht weiter tragisch, denn es passieren immer so eine Menge Dinge im Sommer, so dass sich die Journalisten nichts aus den Fingern saugen oder vor irgendwelchen Promibehausungen Stallwache schieben müssen.

Das Sommerloch ist hier physisch zu spüren und handfester Natur. Es beginnt praktisch schon mit den ersten Maifeiertagen, wenn sich nahezu die gesamte Stadtbevölkerung aus Russlands Städten aufmacht, die Datschas aus dem Winterschlaf zu holen. Inzwischen bilden sich auch in den Gebietshauptstädten dicke Staus aus überzeugten Datschniki, wie die Besitzer der Häuschen im Grünen genannt werden.

In Moskau spürt man es besonders drastisch, denn die Stadt ist am Wochenende schön leer. Dafür sind Donnerstag und Freitag hektisch, denn es müssen die Besorgungen, die in den Nicht-Datschen-Monaten in aller Ruhe am Wochenende erledigt werden, nach der Arbeit und zwischendurch eingeschoben werden. Man spürt sie regelrecht, die Unruheenergie, die in Kassenschlangen oder vorm Geldautomaten aus den Leuten bricht. Da fällt dann schon schnell mal ein böses Wort und vergiftet die Atmosphäre. Hitze und Ströme von Schweiß unterstreichen die mulmige Stimmung noch.

Montag und Dienstag sind relativ ruhig, der aktivste Arbeitstag in der Datschensaison ist wohl der Mittwoch. Da sind sie alle da! Anfang der Woche zögern sie noch, die Idylle zu verlassen, um in die Stadt zu fahren

und ab Donnerstag scharren sie schon wieder mit den Hufen, um auf die Scholle zu kommen. Es ist also ein ewiges Hasten, das den Erholungseffekt mächtig ins Hintertreffen geraten lässt. Dazu kommt noch die permanente Nervenmühle Stau hinzu, die das ohnehin schon dünne Nervenkostüm ordentlich belastet. Das kann man dann an den verkniffenen oder erregten Gesichtern in den Autos erkennen. So aufgeladen kommen sie endlich auf den Datschas an und spülen den erlebten Stress mit einem großen Schluck Wodka hinunter.

Während in den Laubenkolonien, richtiger gesagt in den Datschensiedlungen das Leben pulsiert, dämmert die Stadt vor sich hin. In den Geschäften sitzen die Verkäufer nasebohrend in den Ecken herum und halten nach Kunden Ausschau. Die Verkäufe gehen in nahezu allen Branchen zurück. Samstagmorgen kann es noch zu Kundenanhäufung kommen, wenn die Nachzügler noch schnell etwas einholen müssen, unter anderem ganze Eimer mit schon fertig mariniertem Schaschlyk.

In Cafes, Bars und Restaurants kriegt man mühelos und ohne Vorbestellung einen Platz. Es ist relativ still, das laute Stimmengewirr und Besteckgeklapper fehlt irgendwie. Das Bedienungspersonal nutzt die Sommerpause und schaltet einen Gang herunter. Für Stammkunden haben sie sogar Zeit für einen Plausch. Im Moment beschäftigt vor allem die Raucher und die Gaststättenbesitzer das in Kürze In Kraft tretende Rauchverbot in Gaststätten und öffentlichen Einrichtungen. Wenn das Wetter im Sommer mitspielt, können sie es ein wenig mit den Tischen, die vor fast jedem Restaurant stehen, abfangen. Aber dann wird's ernst. Ich bin sehr gespannt, wie die pfiffigen und durch unzählige Verbote gestählten Raucher das Problem hier umschiffen werden. Über besonders gute und ausgefallene Ideen werd ich unbedingt berichten.

Vor Flughäfen, Bahnhöfen und anderen öffentlichen Gebäuden darf man sich in einem Abstand von 15 Metern ein Pfeifchen anzünden. Das ist natürlich immer außerhalb des Vordaches und stählt die Gesundheit der

Raucher gewaltig. Auf Flughäfen und Bahnhöfen ist allerdings vom Sommerloch nichts zu spüren. Da schieben sich rund um die Uhr unglaubliche Menschenmassen durch die Hallen. Die Urlaubsflieger sammeln halbnackte, vorfreudige und mit exotischen Gummitieren behängte Touristen ein und im Inlandsverkehr boomt der Verwandtenbesuch und die Heimkehr von langfristigen Dienstreisen oder vom Studium. Heim an Muttis Kühlschrank und Herd ist weltweiter studentischer Trend.

Die viel beschriebenen Moskauer Höfe dösen auch durch den Sommer. Die Klettergerüste sind verwaist, die Hoftrinker und Dominospieler in Personalunion wurden teilweise auf Datschen verschleppt, auch die Reihen der bestinformierten Omis, die ich ja bekanntlich Speznas, also Spezialeinheit oder special forces nenne, haben sich gelichtet. Nur eine Handvoll inspiziert die gepflanzten Blumensträucher und Bäumchen, um sie bei Regenmangel zu gießen.

Diese Großstadtidylle hält jetzt bis Ende August an, wenn die übermächtige Welle zurückkommt, um den landesweiten Schul- und Studienbeginn organisatorisch vorzubereiten. Nach drei Monaten Sommerferien passt den Heranwachsenden nichts mehr. Die Kassen in den Geschäften klingeln wieder.

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