Nur keinen Stress vermeiden!

Mit Moskaus Aeroexpress fährt man bequem zu den Flughäfen, aber auch hier gibt es Schwierigkeiten. Foto: ITAR-TASS

Mit Moskaus Aeroexpress fährt man bequem zu den Flughäfen, aber auch hier gibt es Schwierigkeiten. Foto: ITAR-TASS

Adele über Moskaus künstliche Barrieren.

Immer wieder wird die Frage gestellt, warum die Menschen hier so finster dreinschauen und auf den ersten Blick so mufflig wirken. Ausländer kann man an einem anderen Gesichtsausdruck erkennen. Gründe dafür gibt es viele. Einer davon ist, dass sich die Leute das ohnehin nicht leichte Leben durch künstliche Barrieren noch schwerer machen.

Will man zu den großen Moskauer Flughäfen entspannt, pünktlich und ohne Staus gelangen, nimmt man den Airportexpress, das ideale Verkehrsmittel in der von Verstopfungen übelster Art geplagten Metropole. Damit diese bequeme Art zu reisen den Leuten nicht zu Kopf steigt, werden das Vergnügen bremsende Mechanismen in Gang gesetzt. Der schmucke rote Zug steht schon auf dem Bahnsteig, aber die Passagiere dürfen erst kurz vor Abfahrt hinein. Sie werden hinter einer Absperrung wie eine Herde

Schafe eingepfercht und müssen ausharren. Natürlich gibt es dann, wenn sie losgehen dürfen, Gedrängel und Geschubse. Hier reist man gewöhnlich mit viel Gepäck, das dann den Mitreisenden auf Füße und in Mägen gedrückt wird. Natürlich wäre es einfacher, die Reisenden tröpfchenweise, so wie sie ankommen, durchzulassen. Aber einfach kann ja bekanntlich jeder.

Der Airportexpress hält unterwegs nicht an, es können keine Schwarzfahrer zusteigen. Deshalb ist es unklar, warum ausgerechnet am Ausgang im Airport das Ticket mit dem Strichcode auf einen Sensor gedrückt werden muss, damit sich das Türchen öffnet. Die Züge sind immer voll und es kommt wieder zu Drängeleien und recht mürrischen Meinungsäußerungen, denn nicht jeder findet das dünne Papierticket beziehungsweise zieht es zerknautscht aus der Tasche. Das gefällt dem Sensor an der automatischen Sperre gar nicht und er weigert sich die Tür zu öffnen. Ein Diensthabender kann helfen, wenn er in der Nähe ist. Die nachdrängenden und oft mit knappem Zeitvorrat ausgestatteten Passagiere reagieren ungehalten.

Um das alles etwas abzufedern, werden im Terminal schnell ein paar Stimmungsaufheller getrunken. Dann gehts gleich wieder besser.

Lärm ist auch Stress. Und Lärm gibt es hier gratis und an jeder Ecke. Angesagte Ruhezeiten sind nur fiktiv. Auch die geliebte Moskauer Metro mischt kräftig mit beim Lärmmachen. Die meisten Wagenzüge sind von Anno Dutt und rattern laut durch die Tunnel. Wenn gleichzeitig zwei Züge in die Staion ein- oder ausfahren, kommt das dem Lärmpegel eines Düsenjägers gleich. Die Menschen bleiben äußerlich ruhig, vibrieren aber

im Inneren. Unterhaltung ist in solchen Momenten nicht möglich. Manche machen sich gleich Luft, durch Knurren und Schubsen zum Beispiel, andere schlucken es erst einmal runter.

Für Dauerstress sorgen Besuche auf verschiedenen Ämtern. Damit meine ich nicht nur die Wartezeit, sondern die Masche, dass man nie auf Anhieb gesagt bekommt, welche Papierchen beigebracht werden müssen. Beim jedem weiteren Besuch zieht der Beamte einen neuen Joker aus dem Ärmel. Wieder geht das Gerenne und Besorgen los. Das zermürbt und reibt einen auf. Man könnte wahrscheinlich das Verfahren abkürzen und ein Scheinchen rüberwachsen lassen. Aber wer will und kann das schon auf die Dauer.

Letztendlich entlädt sich die stressgeplagte Seele in den eigenen vier Wänden, und die Fliege an der Wand wird zum Anlass genommen, ein reinigendes Gewitter vom Zaun zu brechen. Das wiederum bereitet den Nachbarn in den hellhörigen Wohnhäusern ziemlichen Stress und verdirbt die eigene Stimmung.

Gewinner in dieser ewigen Stressmühle sind die Schnapsbrenner. Der gute alte Wodka wird ja weithin als Stresskiller angepriesen. Der seinerseits immer wieder zu neuem Stress verschiedener Art führt. So schaukeln sich alle mehr oder weniger nüchtern durch das Stresslabyrinth. Und da wundern wir uns noch über finstere Alltagsgesichter?

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