Einmal Fernost und zurück im Eiltempo: Teil 2

Foto: Adele Sauer

Foto: Adele Sauer

Adele reist in den Fernen Osten: Nächste Haltestelle ist die Hafenstadt Wladiwostok.

Einmal Fernost und zurück im Eiltempo: Teil 1

Auf dem kurzen Flug von Chabarowsk nach Wladiwostok schafften wir es gerade mal, unser gereichtes Brötchen hinunterzuwürgen und ein bisschen mit dem Nachbarn zu plaudern. An meiner Seite saß eine junge Frau aus dem mit einem schlechten Ruf behafteten Magadan. Raues Klima und zu früheren Zeiten von Lagern umgeben. Ihre Eltern sind nach Kaliningrad gezogen, die Schwester lebt in Sankt Petersburg. Nur sie hält dort aus, nicht zuletzt weil sie eine gute Arbeit hat und fangfrischen Fisch sehr liebt, den sie nach ihren Worten in großen Mengen verzehrt. Ihre Firma hat ihr gerade eine Kurzreise nach Japan, zu den Geschäftspartnern, gesponsert.

Nach dem großen Summit hat Wladiwostok ja nun zwei neue Brücken und einen modernen und schönen Flughafen. Es gibt sogar einen Airportexpress, der den Moskauer Airportshuttles aufs Haar gleicht. Nur den Fahrplan haben offensichtlich die Taxifahrer geschrieben. Die Abfahrtszeiten passen nicht so recht mit den Flügen zusammen. Dafür kann man aber gleich mal die neuen Brücken ausprobieren. Die Droschkenkutscher erzählen bereitwillig über die Großbauten. Stolz mischt sich mit Unmut über Geldverschwendung und Korruption, ohne die hier offensichtlich nichts gebaut werden kann.

Zum Glück blieb ich in der Zeitzone, an die ich mich gerade zu gewöhnen begann, so dass ich mich nicht im Hotel ausruhen musste, sondern die Stadt aus neue erkunden konnte. Wladiwostok ist von allen Seiten von Wasser umgeben, deshalb weht ein angenehm frischer Wind, für Moskowiter nahezu ein Luxus. Neue Restaurants sind hinzugekommen, viele neue Chinesen haben eröffnet. Natürlich darf die deutsche Küche nicht fehlen, aber wie immer ist sie bayerisch angehaucht. Zwei deutsche Gaststätten kennen wohl alle, sie heißen „Hans" und München". Im „Hans" gibt es selbst gebrautes süffiges Bier zu sehr zivilen Preisen und im zweiten Stock mitten in der Woche ein stark besuchtes Livekonzert. Da trafen Teenager auf reifere Herrschaften, die Stimmung war großartig und entspannt.

Aus Wladiwostok kommt übrigens die bekannte Rockgruppe Mumiy Troll, die seit 1983 existiert und mit ihrem eigenwilligen Stil nach wie vor viele

Anhänger hat. Wer allerdings in die gleichnamige Bar geht, um dort einen von den Mumiy Trollen zu finden, wird vergeblich warten. Sie sind meist in Moskau oder im Land unterwegs.

So schön die Stadt ist, mit den Hotels habe ich kein Glück. Im vorigen Jahr hatte ich ein Hotel gebucht, was ich für den Gipfel an Zumutung hielt. Dieses Jahr wurde ich eines besseren belehrt, denn ich war in einem anderen Gipfel gelandet. Das war nicht zu erwarten, denn es handelt sich um eine landesweite Kette, die zwar nicht den besten Ruf hat aber als mittelmäßig durchgeht.

Das Hotel steht an einem begnadeten Platz mit Blick aufs Wasser, alle Zimmer schauen dorthin, keines auf den Hinterhof. Aber dann hört es auch schon auf. Um ins Hotel zu kommen, muss man mehrere Treppen nach unten steigen, Lift gibt's in diesem Segment nicht. Die sich abschleppenden Gäste werden von Muskel bepackten Wachleuten mitleidig betrachtet. Die Halle ist in bester Sowjethotelmanier groß und ungemütlich. Immerhin hat die Lobbybar ständig offen, denn es gibt in der mittleren Klasse keine Minibar, nicht mal Trinkwasser im Zimmer. Das erste Zimmer verließ ich unter Protest wegen des penetranten Fäkaliengeruches. Mit Mühe fand man ein anderes Zimmer, ebenfalls für ausgemachte Extremreisende. Die Badezimmertür geht nur ein wenig auf, dann kommt ein Stopper. Wer es vergisst, kriegt die Tür jedes Mal vor den Latz. Der Duschkopf hält nicht, sondern fällt einem auf den Kopf. Fön gibts nach Nachfrage an der Rezeption, Steckdose dafür gibt es allerdings im Bad nicht.

Beim wenig erfreulichen Frühstück sucht die Reinemachefrau im zweifelhaften Kittel mit Argusaugen den abgelatschten Teppichboden nach Krümeln ab, um sie mit ihrer Hightechschaufel zu beseitigen. Dabei

kollidiert sie oft mit den Hotelgästen, die ihre Teller bis zum Rand gefüllt haben. So hat sie also immer Arbeit.

Aus dem überdimensionalen Flachbildfernseher, ohne den man offensichtlich in Russland nicht frühstückt, zumindest in Hotels nicht, rieselte auf mich „Du hast den schönsten Arsch der Welt" in voller Lautstärke. Die am Nebentisch eifrig mampfenden Chinesen hielten inne und versuchten hinter den Grund meiner Heiterkeit zu kommen. Aber das blieb mein Geheimnis!

Der Rückflug dauerte ganze neun Stunden! Mittags abgeflogen und am frühen Nachmittag in Moskau. Da wusste mein armer Biorhythmus schon wieder nicht, woran er war.

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