Gute Tschetschenen – böse Tschetschenen

Tschetschenien-Chef Ramsan Kadyrow. Foto: Said Zarnajew/RIA Novosti

Tschetschenien-Chef Ramsan Kadyrow. Foto: Said Zarnajew/RIA Novosti

Das Medienbild der Tschetschenen ist ein markantes Beispiel der Doppelmoral, meint der Ulenspiegel.

Sind Tschetschenen eigentlich gut öder böse? Eine blöde Frage, sollte man meinen. Natürlich gibt es auch unter den Angehörigen dieses Volkes solche und solche. Ein Blick auf die Berichterstattung in Ost und West über die Jahre hinweg präsentiert ein etwas anderes Bild. Tschetschenen sind entweder gut oder böse, und zwar ausschließlich. Und sie fallen von einem Extrem ins andere. Glaubt man den westlichen Medien, dann waren sie früher liebenswerte, friedfertige Lämmchen, die von grausamen russischen Wölfen gerissen wurden. Dann aber haben sie sich plötzlich in böse Wölfe verwandelt und fallen nun harmlose ukrainische Patrioten an. 

In Russland ist es genau anders herum. Früher waren die Tschetschenen teuflische Terroristen, weil sie, nun ja, weil sie ihr Land aus der Russischen Föderation herauslösen wollten. Das ist natürlich verboten. Schließlich gilt ja das Prinzip der territorialen Integrität – außer es handelt sich um Ostukrainer, die der Knute der Unterdrücker in Kiew entfliehen wollen. Inzwischen haben die Tschetschenen ihre schlechten Gewohnheiten aber abgelegt und sind somit gut geworden.

Im Westen hatte man früher viel Verständnis für den Freiheitswillen des kleinen unbeugsamen Bergvolkes. Auch, wenn dabei mal etwas Blut floss. So ist das nun mal im Kampf um Selbstbestimmung. Verständnis, das heute fehlt für die Ostukrainer, die auf Befehl des Kremls ein friedliches und demokratisches Staatswesen sabotieren wollen. 

Natürlich ist das nur ein scheinbarer Widerspruch. In Wahrheit ist alles ganz logisch und lediglich eine Frage des Standpunktes. Aus der einen Sicht ist jeder gut, der sich gegen Russland stellt. Wer es hingegen unterstützt, ist ein Bösewicht. Die Frage, ob dabei Waffen eingesetzt werden, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist nur, auf wen sie gerichtet sind. Umgekehrt gilt das natürlich genauso. Schlecht sind Separatisten, die kein Teil Russlands mehr sein wollen. Gut sind Separatisten, die kein Teil der Ukraine mehr sein wollen. Und gut sind ihre Unterstützer, auch wenn sie gestern noch schlechte Separatisten waren. 

Die Schönheit, so sagt man, liegt im Auge des Betrachters. Die Wahrheit, soviel ist sicher, liegt auf der Zunge des Beschreibers. Dieselben Journalisten, die einst die Tschetschenen als hilflose Opfer darstellten, portraitieren sie heute als blutrünstige Täter. Der Unterschied zwischen „die selben“ und „die gleichen“ ist mir übrigens bekannt. Ich will sagen, dass es teilweise dieselben Personen sind. 

Das Praktische an den Tschetschenen ist ja, dass im Westen kaum jemand eine Vorstellung davon hat, was das für Leute sind. So kann man die Tschetschenen, je nach Bedarf, in leuchtenden oder düsteren Farben

malen. Die Bürger haben ja eh keine Gelegenheit, die Berichte mit der Realität abzugleichen. Die Amerikaner verwechseln die Tschetschenen bekanntlich sogar bisweilen mit den Tschechen, warum nicht, liegt ja so ungefähr in derselben Ecke.

Ob wirklich Tschetschenen in der Ostukraine kämpfen, muss nicht bewiesen werden. In den Medien lässt sich jeder als ein solcher präsentieren, der einen Bart trägt – zur Not tut es auch eine Flasche Pilsener Urquell im Marschgepäck. Falls es Budweiser sein sollte, und zwar nicht das tschetschenische, pardon tschechische Original, sondern die minderwertige US-Raubkopie, dann könnte es sich bei den betreffenden Kämpfern allerdings auch um zufällig anwesende US-Söldner handeln.

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