Auf die Radeln hüpft!

In Moskau findet man jetzt Citybikes, die man sich ausleihen kann, allerdings nur, wenn man über ein modernes Handy verfügt. Foto: Pressebild

In Moskau findet man jetzt Citybikes, die man sich ausleihen kann, allerdings nur, wenn man über ein modernes Handy verfügt. Foto: Pressebild

Die Radfahrer machen sich langsam im Stadtbild von Moskau bemerkbar. Zudem fehlt aber noch die entsprechende Infrastruktur.

Radfahren in Moskau? Und in allen großen Städten des Landes? Das wäre in den vergangenen Jahren ordentlich belacht worden! Mit dem Rad durch die Stadt zu fahren war auch zu Sowjetzeiten nicht unbedingt der Renner. Dafür leistete das Fahrrad in ländlichen Gegenden gute Dienste. Damit jagten die Kinder durch die Gegend, Erwachsene fuhren zur Arbeit in die Kolchose oder in den Dorfladen. Zum Tanz in den Dorfklub lud man die Angebetete ein, auf der Stoßstange mitzufahren. Welch ein erhebendes Gefühl!

Die Städter nutzten das Fahrrad in ihrer aktiven Datschenzeit, also in den Sommermonaten, zu denselben Zwecken wir die Dorfbewohner. Abenteuerliche Drahtesel waren da unterwegs. Ohne Licht sowieso, aber auch Schutzbleche und Kettenschutz fehlten häufig. Wir haben bei unserem Einsatz in der Studentenbaubrigade ganz schön gestaunt, was da alles herumradelte, forsch an den Milizionären vorbei. Das wäre bei uns nicht durch gegangen. Hauptsache der Rahmen hielt, denn die Dorfstraßen und Feldwege waren ganz schön holprig.

In den 90ern sah ich in Moskau erste moderne Fahrräder, allerdings nicht im Stadtbild. An den Wochenenden drehten Enthusiasten zum Beispiel ihre Runden auf der Radrennstrecke, die zu den olympischen Spielen 1980 gebaut worden war. Das Vehikel transportierten sie auf ihrem Autodach dorthin. In den Parks radelten vor allem die Kleinen vor sich hin, mit oder ohne Stützräder.

Dann machten sich die Radfahrer auch langsam im Stadtbild bemerkbar. Auf teuren Rädern und gestylt wie die Jungs von der Tour de France. Natürlich mit angesagten Helmen und kosmischen Sonnenbrillen. Damals gab es keine Radwege und auf den breiten Bürgersteigen zu fahren war und ist verboten. Also stürzten sie sich todesmutig in das raue Verkehrsgetümmel. Ich nannte sie unfreiwillige Organspender. Radfahren war also mit super sportlichem Outfit und hohem Risiko verbunden.

Als ich einige Zeit in einer Agentur arbeitete, die ihren Mitarbeitern moderne Räder kostenlos zur Verfügung stellte, damit sie sich schon auf dem Weg zur Arbeit sportlich betätigten, wollte ich auch eins ausleihen und in normaler Kleidung damit fahren. Homerisches Gelächter meiner Kollegen hielt mich dann von meinem Vorhaben ab. Außerdem wollte ich natürlich nicht mit Auspuffgas geschwärztem Gesicht zum Dienst erscheinen. Das wäre ja bei der Verkehrsdichte unvermeidlich gewesen.

Später machte ein unorthodoxer Fernsehsender viel Werbung für ein Fahrrad freundliches Moskau, startete viele attraktive Aktionen im Gorki-Park und drumherum. Allen voran die jungen Leute nahmen den Gedanken auf und kauften Fahrräder. Der Handel reagierte auf die Nachfrage, sogar im traditionellen Kaufhaus GUM am Roten Platz standen in den breiten Gängen unzählige Räder für jeden Geschmack. Allerdings nicht für jeden Geldbeutel.

Langsam macht sich der Gedanke breit, dass Radwege geschaffen werden müssen. An einigen wenigen Stellen gibt es sie schon. Dort wurde von den überdimensional breiten Fußgängerwegen etwas abgezweigt. Nun beabsichtigt die Stadtregierung von den Straßen etwas wegzunehmen, um Radwege anzulegen. Wütend machen sich die staugeplagten Autofahrer in den sozialen Netzen Luft.

Im Stadtbild findet man jetzt Citybikes, die man sich ausleihen kann, allerdings nur, wenn man über ein modernes Handy verfügt und dort auch noch Geld drauf ist. Das System ist ähnlich schwer zu durchschauen wie die hypermodernen Parkautomaten.

In den Parks siedeln sich Fahrradverleihe an, wo es nicht so kompliziert ist, sich ein Gefährt auszuleihen. Man hinterlegt eine bestimmte Summe oder

den Ausweis bzw. den Führerschein. Die Preise sind moderat, das Vergnügen groß. Wer allerdings ein eigenes Rad haben möchte, hat gleich mehrere Probleme auf einmal. Wohin damit? In die Wohnung, da ist es sicher. Platz dafür hat aber nicht jeder. Fahrradräume in den ungenutzten Kellern sind noch ferne Zukunftsmusik. In den teuren Neubauten mit elektronischer und Personalbewachung stehen sie gut behütet im Eingangsbereich, neben Kinderwagen und Dreirädern.

Die Bauten aus früheren Zeiten haben erstens keine Eingangsbereiche und zweitens keine Überwachung. Schwierig wird es auch, wenn ein Fahrradfreak in den Supermarkt oder in ein Amt will. Mit hinein nehmen darf er es auf keinen Fall. Also anschließen. Aber wo? Gibt es eine Möglichkeit, bleibt die Zitterpartie, ob das gute Stück noch da ist, wenn man wieder herauskommt. Schritt für Schritt erobern sich Fahrrad freundliche Ständer und spezielle Parkplätze das Terrain.

An den Wochenenden herrscht in meinem Lieblingspark ein solches Getümmel von Rädern, Innlinern, Rollern und Kinderwagen, dass Verkehrsschilder an den Wegkreuzungen aufgestellt wurden, die aber eher in die Irre führen als helfen. Sie werden aber genauso ignoriert wie die Schilder auf den richtigen Straßen. Sonst wird es ja langweilig!

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