Einarmig in Moskau. Der Tragödie erster Teil

Foto: PhotoXPress

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Adele erlebt die Welt der Moskauer Gesundheitsfürsorge.

Frei nach dem Sprichwort: „ wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen“ holte ich nach einer erlebnisreichen und wunderbaren Urlaubstour mit dem Auto die Innliner aus dem Schrank und rollte in alt gewohnter Manier durch meinen Lieblingspark. Ob es nun mangelnde Konzentration, Urlaubsschlaffheit oder andere widrige Umstände waren, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall stürzte ich und bremste sehr einfallsreich, aber unglücklich. Es tat hinterher alles ein bisschen weh, aber ich war sicher, dass außer ein paar Prellungen nichts passiert sei.

Nach einer unruhigen Nacht mit meinen Wehwehchen suchte ich am anderen Morgen kleinlaut einen Arzt auf. Die Wahl fiel aus logistischen Überlegungen heraus auf das nahe gelegene beinahe legendäre Klinikum der russischen Eisenbahn. Leider ging es schon nicht so gut los mit unserer zeitweiligen Allianz, weil die auf der Website gegebenen vollmundigen Versprechungen nicht eingehalten wurden. Die versprochene 24-stündige Telefonhotline hielt die Anrufer bis gegen 8 Uhr morgens in der Warteschleife, mit der einleuchtenden Begründung, dass alle Leitungen besetzt seien.

Nach 8 ging es dann aber irgendwie vorwärts und ich hatte mich bei einem Unfallarzt und im Röntgenkabinett angemeldet. Nachdem ich bezahlt hatte, war ich auch bald im Behandlungszimmer einer blutjungen Ärztin, die gerade einem Praktikanten ein Schultergelenk aufgemalt hatte. Meinen nun doch schon sehr schmerzenden Arm schaute sie sich kurz an, um dann geschlagene zehn Minuten ihre offensichtlich tiefgreifenden Erkenntnisse in einen leidgeprüften PC einzugeben. Sie hatte keine Fragen, schien also hellseherische Fähigkeiten zu besitzen.

Mit ihrem Schriftstück musste ich erneut zur Kasse, um das Röntgen zu bezahlen. Leider waren die für diesen Tag vorgesehenen Röntgenaufnahmen beinahe aufgebraucht, so dass es ein längeres Telefonpalaver mit allen möglichen Leuten bis hin zur Buchhaltung gab. Irgendwie durfte ich dann doch mein geplagtes Körperteil von mehreren Seiten ablichten lassen. Optimistisch, wenn auch schon leicht gestresst und von Schmerzen geplagt, schaute ich auf die Uhr und war mir sicher, dass ich bis zum Schluss der Sprechstunde mit den Aufnahmen zurück im Behandlungszimmer sein werde.

Nach dem Röntgen wurde ich in einen mehr als depressiven Korridor gesetzt, der von allen möglichen Mitarbeitern laufend frequentiert wurde,

mal mit Kaffeetassen, mal mit aufgewärmtem Essen, mal mit Krankenakten oder einfach so. Die Kommunikation am Arbeitsplatz funktionierte ausgezeichnet. Sogar ich konnte unfreiwillig an Urlaubserlebnissen und Heilerfolgen teilhaben. Nach rund zwei Stunden, ich hatte mehrmals an das Zimmer geklopft und gefragt, wann die Aufnahmen denn nun fertig seien, bekam ich  diese ausgehändigt, zusammen mit mehreren Schriftstücken, die sich die Röntgenärzte unter wortreicher Teilnahme der sie besuchenden Kollegen ausgeschwitzt hatten.

Irritiert las ich die Ergebnisse. Von gar nichts passiert bis doppelter Bruch war alles da, zum Aussuchen sozusagen. Leider war die Sprechstunde der jungen Unfallärztin vorbei, das Zimmer zu und kein Nachfolger in Sicht. Stattdessen sammelten sich schon Patienten für den Arzt der Nachmittagsschicht, die mich argwöhnisch beäugten und mit mitteilten, dass sie bestellt seien und ich mich schön hinten anstellen müsse. Langsam wurde mir schlecht und in mir kämpften Wut und Resignation. Die Nachfrage an der Registratur war auch nicht sehr ergiebig. Es sei die erste Sprechstunde nach dem Urlaub, also wird er sich wohl etwas verspäten. Aber sie wollten ihn bitten, mich doch „einzuschieben“, weil sie sahen, dass es mir nicht besonders gut ging. Mit einer satten Verspätung nahte der

 

Sonnyboy, braun gebrannt und mit vielen schönen bunten Tätowierungen versehen. Gnädig ließen mich die Bestellten vor und er schaute die Röntgenbilder, die vielen Papierchen und dann mich an. „Wollen wir den Arm eingipsen oder soll er so zusammen wachsen?“ Diese Frage knockte mich aus. Gips auf keinen Fall, da kann ich meinen Arm vergessen. Und ohne Hilfsmittel? Na, es gäbe da noch eine Variante, eine Art Armbindemit Gestell, was den Beugewinkel reguliert. Das gefiel mir dann und ich dachte, er legt es mir jetzt an und aus die Maus. „Sehen Sie hier so ein Teil?“ fragte er mich belustigt.

Ich musste in den Sanitätsladen auf dem Gelände der Klinik pilgern und das Ding kaufen, dann zurück zu ihm. Es war nicht mein Tag, denn genau dieses gute Stück war aus. Also ab in die Stadt. Mein Arm war bleischwer und ich obersauer. Zum Glück wurde ich fündig und schon nach knapp zwei Stunden war ich wieder beim Onkel Doktor, der mir außer der Reihe den Arm in das Gestell einpasste. 

 

Die Fortsetzung folgt...

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