Einarmig in Moskau. Der Tragödie zweiter Teil

Foto: Reuters

Foto: Reuters

Adele erlebt die Welt der Moskauer Gesundheitsfürsorge.

Einarmig in Moskau. Der Tragödie erster Teil

Eingeschnürt, groggy und glücklich, dass es vollbracht sei, lauschte ich den Hinweisen des in Gedanken noch im Urlaub weilenden Arztes und der Anweisung, in zwei Wochen wieder zu erscheinen, um den Beugewinkel fachgerecht verändern zu lassen. Wenn es zu heiß sei, Kunststück bei über dreißig Grad im Schatten und einem schwarzen Teil aus Kunstfasern, könne ich es abnehmen und waschen, natürlich nur, wenn ich jemanden finde, der mir das Ding wieder anlegen kann.

Eine sofortige Anmeldung schlug fehl, weil man am 21. Juli noch keine Anmeldungen für Anfang August machen kann. Und Röntgentalons gäbe es da auch noch nicht. Ich solle wieder die Hotline malträtieren. Also trollte ich mich davon.

Zu früh gefreut! Die Schmerzen ließen nicht nach, der Arm schwoll an, besser gesagt das, was rausguckte und ich schwitzte wie verrückt unter dieser blöden Decke. Und der Gedanke, dass ich in nicht so guten Händen war, ließ mir keine Ruhe. Das verstärkte mein Unwohlsein noch. Als ich dann endlich wagte die Bandage abzunehmen, erblickte ich Hämatome und Schwellungen. Alles sah ziemlich gefährlich aus und tat höllisch weh. Ich musste einen anderen Arzt suchen. Aber wo? Im Internet?

Da ich in Moskau kaum zum Onkel Doktor gehe, von ein paar altersbedingten Routineuntersuchungen und dem Zahnarzt mal abgesehen, hatte ich keine Kennung, wohin ich mich wenden konnte. Also fragte ich einen guten alten Bekannten, der mich in seiner Einrichtung leider nicht mehr behandeln darf, weil sie wegen der enormen Verschlechterung des internationalen Klimas für mich als Ausländerin tabu ist, was ich sehr schade finde. Er suchte einen vertrauenswürdigen Doktor in einer für alle zugänglichen Klinik.

So lernte ich das zentrale Unfallkrankenhaus und einen reizenden armenischen Arzt kennen, der gekonnt diagnostizierte und mich zum CT schickte. Wie immer in Russlands Einrichtungen aus der Vergangenheit ist so etwas mit vielen weiten Wegen verbunden. Als ich mich endlich durchgefragt hatte, schauten mich Kaffee trinkende Schwestern mit großen Augen fragend an. CT? Jetzt gleich? Sie schütteten sich aus vor Lachen. Meine Bemerkung, mich schicke ja ein hiesiger Arzt, schmetterten sie glatt ab. „Die haben ja alle keine Ahnung, wie überlastet wir hier sind. Ohne Voranmeldung läuft hier gar nichts. Außerdem ist Urlaubszeit und kaum einer da, der das CT machen könnte."

Sie boten mir einige Termine an und erkundigten sich beiläufig nach meiner Staatsbürgerschaft. Als Bürger eines anderen Landes, besser gesagt wohl

eines westlichen Landes, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass das auch für Weißrussen oder Kasachen gilt, muss ich das Doppelte löhnen. Das ist zwar nicht ganz legal, aber wer fragt schon danach, wenn er Hilfe braucht. Ich sammelte meine Unterlagen ein und verließ die Registratur, laut meinem Ärger freien Lauf lassend. Der Arzt meinte nur lakonisch, dass er ja nicht alles wissen könne und ich dann eben in ein paar Tagen vorbei kommen solle, wenn ich das CT gemacht habe.

Um dem Ärger Luft zu machen rief ich den guten Bekannten an, der mir das alles vermittelt hatte. Er konnte meinen Unmut nicht verstehen und meinte, an der Gesundheit solle man nicht sparen. Guter Ansatz, vor allem für geldgierige Mediziner.

Ein Gutes hatte der Besuch der Unfallklinik allerdings. Ich machte einen kleinen morgendlichen Ausflug mit der Vorortbahn und war schon in neun Minuten vor Ort. Anstelle mit der Metro erst ins Zentrum und dann wieder zurück zu fahren, nahm ich den kurzen Weg. Der Fahrpreis gleicht dem einer Metrofahrt. Außerdem sah ich bekannte Orte aus einer anderen Perspektive, was mein Moskaubild wieder erweiterte. Die Vorortbahn, die gute alte Elektritschka, setzt Langmut und Leidefähigkeit voraus. Holzbänke, maximal zwei Toiletten pro Zug, von denen keiner weiß, wo sie sich befinden, quietschende und klappernde Türen – alles wie früher.

Letztendlich fand ich mit Hilfe eines guten Freundes, der kein Mediziner ist, eine gute Adresse. Eine moderne Poliklinik, sauber, mit freundlichem und

kompetentem Personal, in der man sich ohne Warteschlangen und überflüssige Fragen anmelden kann. Ich wurde zügig behandelt, musste nicht ewig warten und erhielt kompetente Antworten. Die Toiletten, eine Achillesferse in vielen „alten" medizinischen Einrichtungen, beeindruckten durch Sauberkeit und angenehme Düfte. Trinkwasser gratis, Kaffee aus dem Automaten. Die Apotheke gleich mit im Haus. Bei der brütenden Hitze möchte man sich dort häuslich einrichten, denn das gesamte Gebäude wird gut gekühlt.

Wieder einmal hat sich gezeigt, dass selbstverständliche Dinge hier eben nicht selbstverständlich sind. Kann ich nur sarkastisch feststellen: einfach kann jeder.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland