Reflexionen über Haselnüsse

Foto: Photoshot

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Was "Nutella-Not" mit Russland-Berichterstattung zu tun hat, erklärt der RBTH-Kolumnist Der Ulenspiegel.

Mögen Sie Nutella? Wenn ja, dann legen Sie besser einen Vorrat davon an. Die Frühstückscreme könnte nämlich teuer werden, vielleicht sogar ganz aus den Supermarktregalen verschwinden. Davor warnt uns jedenfalls die versammelte Weltpresse, vom Schweizer „Blick"" bis hin zur indischen „Hindustan Times". Warum? Hat Russland heimlich den Ferrero-Konzern aufgekauft und will nun das bei Kindern so beliebte süße Schmierpappzeug künstlich verknappen? Rache für Sanktionen?

Nein, das ist nicht der Grund für die „Nutella-Krise" (Berliner Morgenpost). Der Blogger Boris Rosenkranz hat jetzt enthüllt, worum es geht. Kurz zusammengefasst: Weil es in der Türkei im Frühjahr Frost gab, könnte die Haselnussernte schlecht ausgefallen sein. Dies könnte dazu führen, dass die Preise für Haselnussprodukte steigen. Könnte, denn die Hersteller haben sich dazu noch nicht geäußert. Sie verweisen darauf, dass die Preise erst später im Jahr festgelegt werden. Trotzdem spekulieren die Medien über „Nutella-Not" und „Hazelnut Shortage". Einer kupfert vom anderen ab, dreht die Geschichte ein bisschen weiter, lässt sich ein neues Wortspiel rund um das Thema „Nüsse" einfallen. Ja, ja, die Mainstream-Medien, raunen jetzt die, die es schon immer gewusst haben. Ist doch ganz klar, dass unsere gleichgeschaltete Presse einen Wink bekommen hat. Von der Haselnuss-Mafia, von der Bundesregierung, von den Bilderbergern. Quatsch mit Nougatsoße.

Journalisten haben wenig Zeit, stehen unter Druck, sind in den seltensten Fällen dabei, wenn das passiert, was sie berichten. Zum Beispiel bei der Haselnussernte in der Türkei, oder bei der Produktion von Nutella-Creme. Sie verlassen sich meist auf das, was in Kommuniqués steht oder ihnen erzählt wird – sei es vertraulich, „im Hintergrund" oder zitierfähig, bei einer Pressekonferenz. In vielen Fällen schreiben sie ab, was in anderen Zeitungen steht. Die Kollegen sind ja Profis und saugen sich nicht irgendwelchen Bockmist aus den Fingern. Wenn dann doch mal einer nachhakt, und feststellt, dass am Thema vielleicht gar nichts dran ist, dann wird das verschämt am Ende des Berichts erwähnt. „X wollte das auf Anfrage nicht bestätigen" heißt es dann oder „Y streitet den Vorwurf ab". Was soll man denn tun, wenn die Story schon geschrieben ist, und dann behauptet plötzlich der Betroffene oder ein Experte etwas ganz anderes? Eine Geschichte totrecherchieren nennt man das im Jargon. Keine schöne Sache. Lieber walzt man erst mal lang und breit die interessantere Version aus, um dann im letzten Satz leise anzudeuten, dass die Fakten diese Sichtweise unter Umständen doch nicht stützen. Damit ist der journalistischen Sorgfaltspflicht Genüge getan. Auch die andere Seite wurde gehört.

Nun ist das Thema „Nutella" politisch nicht besonders brisant. Hier haben die Journalisten keinerlei Stereotype im Kopf, sind nicht dem Druck

einflussreicher Kreise ausgesetzt. Wie verhält es sich erst, wenn es um ein umstrittenes Thema geht? In solchen Fällen sind die meisten Journalisten ebenfalls nicht Augenzeugen und schreiben von anderen ab. Es gibt eine „Redaktionsmeinung", an die man sich halten sollte. Desinformation, Manipulation und politischer Druck erschweren die Arbeit. Greift man in einer solchen Lage zum Telefon, ruft – zum Beispiel – im Kreml an und lässt sich erklären, was die andere Seite zu sagen hat? Oder hilft man sich lieber mit der in solchen Fällen üblichen Standardphrase? Achten Sie mal darauf, wie oft Sie in diesen Tagen den folgenden Satz hören oder lesen: „Die russische Regierung streitet die Vorwürfe ab". Am Ende des Beitrags.

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