Krokus City – Stadt der Krokusse?

Foto: ITAR-TASS

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Adele zu Besuch beim gigantischen Moskauer Ausstellungszentrum.

Ist Krokus City die Stadt der Krokusse?Aber nein, weit gefehlt, obwohl es auf dem großen Areal schon merkwürdige Blüten treibt. Krokus City ist nicht nur sprachlich etwas daneben, man könnte den Namen als neurussisch bezeichnen, so wie in Deutschland unnötige Anglizismen veräppelt werden. Aber das überdimensionale Ausstellungszentrum, weit draußen am Autobahnring gelegen und nicht gerade bequem zu erreichen, sieht sich als eines der größten in der Welt. Nummer 1 zu sein, wenn es um Gigantomanie geht, ist hierzulande ein Muss.

Mit der Eröffnung einer Metrostation auf dem Gelände scheinen die Regierenden zu denken, dass sie die Hausaufgaben gemacht hätten und dass sie nun nicht weiter über Verkehrsanbindung nachdenken müssten. Busse und Richtungstaxis ab Metrostation Tuschinskaja fahren tröpfchenweise und gänzlich ohne Fahrplan. Besonders ätzend ist es, nach einem anstrengenden Ausstellungstag ewig an der Bushaltestelle stehen zu müssen, umbraust vom Verkehr des Autobahnrings. Keine Freude für Nase und Lungen. Wer mit dem Auto kommt, muss sich erstmal durch die städtischen Staus kämpfen und dann für einen Parkplatz ordentlich löhnen. Viel Fläche da, aber nicht jeder darf drauf. Einfach kann jeder, ich sags ja immer wieder. Sogar das Taxi, was zum Hotel gerufen wurde, stand hinter der Absperrung, so dass die Gäste ihre Koffer durch die beweglichen Metallzäune jonglieren durften.

An die riesigen gläsernen Ausstellungshallen wurde ein kleines Hotel angepappt, das den treffenden Namen „Aquarium“ verpasst bekam. So fühlen sich die Gäste denn auch, wie ins Aquarium gequetscht. Viele Zimmer schauen auf Messehallen und in sie hinein. Wenige Privilegierte haben einen Blick auf den hoch frequentierten Autobahnring und ein bisschen Wasser vom Moskwakanal. Abends noch einmal ausfliegen ist für Orts- und Sprachunkundige nahezu unmöglich. Also träumen alle in ihren Hotelzimmerchen vom Moskauer Nachtleben oder sie beißen in den sauren Apfel und gehen in die Restaurants und Cafes vor Ort. Das sind nur wenige und für Dienstreisende außerhalb der Chefetagen kommen sie nicht in Frage, denn sie sprengen das Budget.

In der sündhaft teuren Shoppingmeile „Crocus City Mall“, die Bezeichnung schwebt in riesigen kyrillischen Lettern über dem Einkaufszentrum, was mehr als lustig aussieht, sieht man wenige Käufer, denn die Preise in den luxuriösen Läden sind ganz schön gepfeffert. Es ist eine in sich abgeschlossene Spielwiese der Reichen und Schönen, die sich dann zwischen anstrengenden Einkäufen erschöpft in tiefe Sessel fallen lassen

und einen Cocktail oder schlicht und einfach Schampus schlürfen können. Es macht ja nichts, dass nur vereinzelte Käufer hier einfallen. Es ist ja eine wunderbare Möglichkeit, sauberes Geld zu produzieren.

Die Restaurants, nach den russischen Inlandssanktionen müssen sie ganz schöne Kopfstände machen, um die Speisekarte zu gewährleisten, sind auch nur mäßig besucht. So geht es übrigens auch den Gaststätten in der Stadt. Die Lebensmittel werden teurer und knapper, demzufolge die Preise höher. Japanische, italienische, französische Restaurants zum Beispiel müssen ihre Pforten schließen, weil sie die entsprechenden Produkte nicht mehr einkaufen können bzw. die vorhandenen überteuert sind. Die Gäste bleiben aus, die Angestellten verlieren ihre Arbeit. Dazu kommt noch das äußerst restriktive Antitabakgesetz, was die Raucher davon abhält, ihr Bier in einer Kneipe zu trinken.

Die teuren Restaurants in der Krokusstadt sind aber dem aufgerufenen Preisniveau nicht gewachsen. Unsere kleine Gesellschaft bekam die Vorspeisen zu sehr gedehnten Zeiten. Die ersten schielten schon auf die kommende Hauptspeise, als die letzten noch hungrig auf ihre Vorspeise

warteten. Dem üppigen Brotkorb gab man weder Kräuter-oder Knoblauchbutter bei. So knabberten alle verschämt trockenes Brot, um die Wartezeit zu überbrücken.

Die Hauptgerichte teilten die Truppe in Hungrige und Satte, weil wir wieder lange warten mussten, bis alle einen gefüllten Teller vor sich stehen hatten. Die Fischgerichte reichte man ohne Fischbesteck. Weinbestellung Glückssache. Mehr als eine Flasche von einer Sorte war wohl nicht vorhanden. Vielleicht war der Wein deshalb so teuer, weil er Seltenheitswert besaß? Um etwas den Anspruch des teuren Ladens zu halten, fragte uns der Kellner, ob wir roten oder weißen Wein trinken würden, damit er die passenden Gläser bereitstellen könne. Wie haben wir uns gewundert, dass er doch nur eine Sorte Gläser brachte.

Nach diesen Erlebnissen beim sehr teuren Abendessen anläßlich der Messe wunderten wir uns tags darauf fast gar nicht, als wir in einem Cafe im Messepavillon Mittag essen wollten und ein volles Fiasko erlitten.

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