Der Preis der Macht

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel während des Treffens mit dem Emir von Katar Sheik Tamim Bin Hamad al-Thani am 17. September in Berlin. Foto: Reuters

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel während des Treffens mit dem Emir von Katar Sheik Tamim Bin Hamad al-Thani am 17. September in Berlin. Foto: Reuters

Warum der Emir von Katar in Deutschland hochwillkommen ist, wobei Putin unerwünscht bleibt.

„Es sprach der Scheich zum Emir, erst zahl'n wir und dann geh'n wir. Da sprach der Emir zum Scheich – dann geh'n wir lieber gleich." Dieses spaßige Verslein taugt nicht für politische Analysen. Der Emir zahlt gut und pünktlich und ist deshalb überall hochwillkommen. Zum Beispiel in Deutschland, als Investor. Darum versichert auch die Kanzlerin, dass sie keinen Grund hat, dem Emir von Katar keinen Glauben zu schenken, wenn dieser hoch und heilig versichert, sein Land habe niemals terroristische Organisationen unterstützt und werde das auch niemals tun.

Was soll Merkel auch sagen? Etwa „Nö, das glaub ich nicht. Solange die von euch finanzierten und ausgerüsteten IS-Milizen ihr blutiges Treiben nicht einstellen, solange haben wir keinen Beweis dafür, dass ihr nichts mit Terrorismus zu tun habt. Also werden wir Euch verbieten, in Deutschland zu investieren und zur WM kommen wir auch nicht. Bätsch!" Nein, das sagt Merkel nicht. Zumindest nicht in Bezug auf Katar.

Wenn es um Russland geht, argumentiert die Kanzlerinin eben diese Richtung: Die Separatisten sind von Russland gesteuert. Solange sie nicht das tun, was der Westen von ihnen verlangt, solange muss Russland dafür bestraft werden. Wenn Putin behauptet, nur begrenzten Einfluss auf die Kämpfer zu haben, dann ist das eine dreiste Lüge. Gestehe, Putin, und zeige tätige Reue, indem du deine Höllenhunde zurück in den Kreml pfeifst.

Wenn der russische Präsident auf solche Kommandos nicht so reagiert, dann kann das mehrere Gründe haben. Vielleicht sagt er die Wahrheit, und die Separatisten hören nur bedingt auf Signale aus Moskau. Vielleicht kann und will Putin es sich innenpolitisch nicht leisten, als Befehlsempfänger des Westens bereits eingenommene Positionen wieder zu räumen. Vielleicht ist so manche Untat, die hierzulande den Separatisten vorgeworfen wird, in Wahrheit der ukrainischen Seite anzulasten. Vielleicht beeindrucken ihn die westlichen Drohungen auch nicht besonders, weil er weiß, dass Russland auch wirtschaftlich härtere Zeiten überstehen kann. Vielleicht trifft alles zusammen zu, vielleicht gibt es noch andere Gründe.

Ähnliche Überlegungen mögen Angela Merkel bewogen haben, das Terrorismus-Thema mit dem Emir von Katar nicht zu vertiefen. Man braucht das Land, man braucht das Geld, man hat keine Beweise, und im diplomatischen Verkehr ist es eigentlich unüblich, seine Gesprächspartner aus der Hüfte heraus mit solchen Vorwürfen zu überfallen. Außer, der Gesprächspartner heißt Russland.

Putin ist zwar kein Ölscheich, aber auch Russland verfügt über Rohstoffe. Die Zahlungsmoral lässt ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Seine Schulden

bei Deutschland zahlte Russland vorzeitig zurück. Das Land ist auch ein wichtiger Partner in der Außenpolitik. Viele internationale Konflikte sind ohne russische Beteiligung nicht beizulegen, wie sehr das auch andere Akteure wurmen mag.

Katar und andere Ölstaaten sind, so einflussreich sie auch sein mögen, keine Konkurrenz für den Westen. Noch nicht. Also verhält man sich, wie es die internationalen Normen verlangen und ist auch bereit, das eine oder andere Auge zuzudrücken. Wäre Russland auch nur eine unbedeutende Regionalmacht, wie US-Präsident Obama behauptet, dann würde sich keiner aufregen, weder über Pussy Riot, noch über Streitigkeiten mit einem noch unbedeutenderen Nachbarland. Aber Russland ist eben mehr. Dafür soll es, nach dem Willen des Westens, bezahlen. Dazu wird Russland aber ebenso wenig bereit sein wie der eingangs erwähnte Wüstensohn.

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