Ein wenig aus der Zeit fallen und einfach im Park laufen

Foto: Lori/Legion Media

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Adele versucht Nordicwalking in einem der Moskauer Parks.

Nach dem Crash mit den Innlinern muss ich etwas kürzer treten, schließlich sind die Knochen gerade erst wieder zusammen gewachsen. Also kramte ich die Nordicwalking-Stöcke hervor und suchte meinen alten MP3-Player, um mehr Spaß am Walken zu haben. Nun musste ich nur das Gerät noch laden. Der neue PC grunzte abfällig und weigerte sich, den Oldtimer zu speisen. Also musste ich den alten Computer anwerfen, um mit Musik laufen zu können. Es hat sich gelohnt! Die Musik überspielen mir in Deutschland Verwandte und gute Bekannte, die mich aufheitern wollen. So habe ich einen kunterbunten Mix von den Stones über Udo Lindenberg, Gitte Henning und viel Blues. Aber auch die 7000 Rinder fehlen nicht. Großartig. Mein Sohn hatte mir 1993 eine Audiokassette bespielt, die mich in Russland begleiten sollte. Das war auch ein Volltreffer. Grönemeyers „Land unter" ist seit dem mein Fest-und Durchhaltelied.

Als ich das Haus verließ, sonnte sich die betagte Damenriege, die ich gerne Speznaz, also Spezialtruppe nenne, weil sie über alles Bescheid weiß, auf den Bänken im Hof. Bei dem schönen Herbstwetter hält es keinen im Haus. Sie guckten verwundert auf die Stöcke, sagten aber vorsichtshalber nichts. Anders die Riege der Hoftrinker, die mir nachriefen „Mensch Mädel, wer hat Dir die Skier geklaut?" Bei Gelegenheit kläre ich sie mal auf. Sie haben es ja auch nicht leicht, der Schnaps wird teurer, das Geld verfällt rasend schnell. Um zum Rausch zu kommen, werden sie wohl wieder selbst brennen müssen. Kartoffeln wird's ja wohl trotz innerrussischer Gegensanktionen geben. Man hat mich sogar schon gefragt, ob ich einen Destillierapparat aus Deutschland mitbringen kann. Ich habe geraten aufs Dorf zu fahren. In den unergründlichen Lagern der Dorfläden wird sich so etwas sicher noch finden lassen.

Um in den großen Park zu kommen, muss ich den Kanal überqueren und am Campus der amerikanisch-englisch-kanadischen Schule vorbei, wo auch viele Moskauer Kinder lernen, die in dicken Schlitten chauffiert werden. Darunter sind sicher Kinder betuchter Beamter, die laut Antiamerikanismus predigen und selbst gegen den Strich leben. Wie die so genannte Elite überhaupt, die ihre Sprösslinge im bösen Westen studieren lässt, aber alles Westliche verteufelt und rigide Gegensanktionen erlässt, die in die eigenen Reihen schießen.

Im Park kam mir eine Kindergartengruppe vom Campus entgegen. Ein bunter fröhlicher Nationenmix, flankiert von einer dunkelhäutigen Schönheit, die die quirligen Kinder beisammen zu halten versuchte. Hinter ihnen

schlenderte gelassen ein russischer Polizist mit Walky-Talky, damit die Kleinen keiner belästigt. Weiter drinnen tobten Halbwüchsige mit ihrem amerikanischen Sportlehrer, wir kennen uns schon und begrüßen uns lässig. Dann wurde es wesentlich ruhiger. Auf einem Baumstamm saß ein merkwürdiges Pärchen, hatte eine Kerze und eine Flasche vor sich stehen. Kerze bei dieser Trockenheit! Vielleicht wollten sie stilvoll einer verstorbenen Seele gedenken.

An den Teichen sonnten sich ausdauernde Sonnenanbeter, einige schwammen sogar eine Runde. Es steht zwar da ein Schild, wo „Baden verboten" draufsteht, aber auch die Nummer des Notdienstes, für Notfälle, was heißen soll, mach wie du denkst. Angefeuert von der Musik flitzte ich in den menschenleeren Teil des Parks. Da kommt kaum jemand vorbei, in der Ferne dröhnt der Verkehr der Leningrader Chaussee. Dann muss ich wohl eine Abbiegung versäumt haben, denn ich war plötzlich in einem unbekannten Teil des Parks, stand vor hohen Zäunen und Schlagbäumen. Hohe Zäune sind ja hier nichts ungewöhnliches, sogar im Park haben sich gewisse Typen mit Kohle und Beziehungen Stücke abgezwackt und sie mit über zwei Meter hohen Metallzäunen, die obendrauf mit Stacheldraht und Kameras gespickt sind, umgeben. Das sah aber anders aus. Also ging ich

zum Schlagbaum und lass am Postenhäuschen, dass hier eine Eliteeinheit der Spezialtruppen stationiert ist, die garantiert jeden Terrorismus besiegt. Da machte ich mich lieber schnell von dannen, bei der gegenwärtigen Hysterie und Spionomanie wollte ich nicht ohne Ausweis angehalten werden. Da landet man schnell mal für ein paar Stunden auf dem Polizeirevier. Ich sah nur noch grüne Männchen durch die Büsche robben. Nichts wie weg!

So angeregt kam ich recht schnell wieder in den belebten Teil des Parks und walkte zufrieden nach Hause. Die Hoftrinker ließen sich zu einem Applaus hinreißen, nicht ohne nochmal nachgefragt zu haben, ob ich die Skier vielleicht unterwegs gefunden hätte. Solange sie zu Scherzen aufgelegt sind, passt noch ein Schlückchen rein!

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