Großstadtcowboys

Lichtinstallation an der Fassade des Bolschoi-Theaters. Foto: AP

Lichtinstallation an der Fassade des Bolschoi-Theaters. Foto: AP

Adele erlebt das Festival "Kreis des Lichts" in Moskau.

Fest des Lichtes in der Stadt. Viele, sehr viele haben sich mit Kind und Kegel aufgemacht, um die Lichtshow im Stadtzentrum zu sehen. Da kann es in der Metro schon mal zu Menschenaufläufen schlimmer als in der rush hour kommen. Alle bewahren Ruhe, Kinder werden behutsam durch die Menge bugsiert, auch kleine Hunde überleben.

Eine unglaubliche Lichtshow mit Exkursion durch die Menschheitsgeschichte entsteht am Gebäude des Bolschoi Theaters. Atemberaubend! Danach schleuse ich mich durch die Menge und versuche in die Petrowka zu entkommen. Alles geht trotz der Menschenmenge unaufgeregt über die Bühne. Danach wird es nicht leichter, denn im Zentrum finden Konzerte statt, wo auch alle hinwollen. Kontrolle und Durchleuchtung der Taschen, was ja in Anbetracht der angeheizten Lage sinnvoll ist, halten Menschenstrom auf. Wie gut, dass es im Kammerherrengäßchen viele Cafes gibt zum Ausruhen und Leute begucken. Zum Glück haben viele Cafes ihre Sommerveranden noch nicht abgebaut, denn das Wetter meint es gut mit uns und wir können noch im Oktober draußen sitzen.

Das ist die Stunde der Großstadtcowboys. Radler, Innliner und die dieses Jahr angesagten Roller schmuggeln sich durch die Menge und geben auf kurzen freien Streckenabschnitten richtig Gas. Man sieht ihnen die unbändige Freude an, die sie dabei haben. Weiter weg von den Ereignissen wird es leichter für sie und sie preschen über die Prachtstraße, die Twerskaja. Das gelingt ihnen am Tage nur schwer wegen des dichten Autoverkehrs. Es sind zwar noch immer viele Autos unterwegs, aber durch die teilweisen Absperrungen gibt es Lücken im Autostrom und sie können ihrem Affen Zucker geben.

Um den Ansturm der Kultur begeisterten Moskauer etwas zu kanalisieren, gibt es auch Lichtshows außerhalb des Zentrums, zum Beispiel im Park von Zarizyno. Ich bin mir sicher, dass auch dort die Bewohner der Außenbezirke in Massen hinströmen.

Die jungen Wilden, die Stadtzentren unsicher machen mit ihren phantasievollen Fortbewegungsgeräten gibt es inzwischen landesweit. Futuristische Frisuren und legere Klamotten sind ihr Erkennungszeichen. Sollten allerdings die Drohungen wahr werden, dass Import von ausländischer Kleidung verboten wird, geht es ihnen an den Kragen oder besser an die Hose oder an den eigenwilligen Rock. Sanktionen von innen und außen. Eine heiße Zeit. Das hatten wir ja alles schon einmal. Über bestimmten weiblichen Dessous und hochhackigen Schuhen schwebt ja auch das Damoklesschwert. Dann wieder Einheitsbrei?

Ich konnte in Woronesch, einer interessanten und blühenden Stadt, gleiche Bilder beobachten. Bewegung ist angesagt und läuft dem drögen Herumsitzen in Bars ein wenig den Rang ab. An der Uferpromenade der Stadt, die sich sehr an Petersburg anlehnt, weil dort die Fregatte von Peter I. ankert, rollt und braust es. Und die Anhöhen rauf und runter. Sogar die Hochzeitspaare unterwerfen sich dem Sportsgeist.

Es ist ja jetzt nahezu ein Muss, an Brücken ein Schloss anzubringen mit dem Namen der Verliebten und den Schlüssel wegzuwerfen, um die Liebe sozusagen zu fixieren. Da macht Woronesch keine Ausnahme. Nur ist an der Stelle, wo die Schlösser angebracht werden, kein Fluss in der Nähe. Wohin sie die Schlüssel werfen bleibt ein Rätsel. Dafür müssen die frisch gebackenen Ehemänner ihre Auserwählte über eine Brücke tragen, die allerdings nur eine Straße und keinen Fluss überquert. Da würde ich vorsichtshalber die Braut vor der Eheschließung auf Diät setzen.

Kazan, die wunderbare Stadt an der Wolga, bildet mit den jungen Wilden ebenfalls keine Ausnahme. Ich war das letzte Mal 2011 in der Stadt und sah die intensiven Vorbereitungen auf die Universiade 2013. In diesem Jahr fand

ich eine andere, erneuerte Stadt vor. Die Fußgängerzone kann mit Moskau durchaus mithalten. Und auch die Radfahrer, die es vorher nicht gab, treiben ihre Späße im Strom der Flanierer. Hier kommen noch phantasievoll verkleidete Studenten hinzu, die mit unerwarteten Späßen die Vorübergehenden unterhalten. Und vor jedem Geschäft mit den örtlichen Mitbringseln stehen große Figuren aus der tatarischen Geschichte.

Es gibt wohl kaum eine andere Stadt im großen Lande, die so tolerant mit dem Zusammenleben verschiedener Konfessionen umgeht wie Kazan. Geistliche Würdenträger aus der ganzen Welt kommen nach Kazan, um diese Toleranz an Ort und Stelle zu studieren. Es gibt hier sogar eine kleine protestantische Kirche, die auf Anweisung von Katarina II. gegründet wurde. Muslime Tataren leben friedlich neben orthodox getauften Tataren und gläubigen Russen. Diese durchaus nachahmenswerte Lebensform sucht leider ihresgleichen, auch im großen Lande!

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland