Die große Stadt und ich

Foto: Kira Jegorowa/RBTH

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Ein Wohnungsmieter in Moskau soll sich mit Überraschungen versöhnen. Adele erzählt über ihre mühevolle Umzüge.

Seit nunmehr 21 Jahren lebe ich in Moskau und bin mehrmals umgezogen, weil das ja mit dem Mieten von Wohnungen hier ungeheuer schwierig ist. Mieten kann man nur bei privaten Vermietern, die eine Wohnung übrig haben und ihr Budget damit aufbessern. Also Mieterschutz und Mietpreisbindung sind hier total unbekannte Begriffe. Trotz dieser Unbilden habe ich es immer mehrere Jahre in einer Wohnung ausgehalten, diese renoviert und für mich wohnlich gemacht. Ich gehöre nicht zu den Expats, deren Wohnung von der entsendenden Seite bezahlt wird, zusammen mit einer bestimmten Anzahl von Heimatflügen und Versicherungsschutz.

Also lebe ich immer in Anspannung, wie lange das noch gut geht, ob die Miete völlig unbegründet erhöht wird, weil Krise ist oder weil der Vermieter meint, er brauche mehr Taschengeld oder ob ich noch einmal davon komme. Mit dem Sesshaftwerden in dieser unsteten Situation sammelte sich immer mehr Hausrat an, aus Deutschland herbei geschleppt und vor Ort erworben.

In die erste Wohnung zog ich mit zwei Koffern ein. Nach vier Jahren brauchte ich schon einen Kleintransporter, um umzuziehen. Die Tochter der Vermieterin kam nach Moskau zurück und wollte natürlich in ihre Wohnung wieder einziehen. Die ursprüngliche Variante, Tochter zieht zu Mutter, fiel wegen unüberbrückbarere Konflikte aus.

Es fiel mir nicht leicht, die gewohnte Umgebung zu verlassen, deshalb wollte ich in der näheren Umgebung mieten. Nach unzähligen Besichtigungen von mit alten Möbeln vollgestellten Behausungen zu unanständigen Preisen fand ich dann doch eine Bleibe, wo ich mich häuslich niederließ. Leider wollte die Wohnungsverwaltung genau dann die Gasrohre und die Heizungskörper wechseln. Das kam einer mittleren Katastrophe gleich.

Aber auch in den kurzen drei Jahren hatte ich viele soziale Kontakte zu den Nachbarn aufgebaut, was hier nicht unbedingt üblich ist. Als der Vermieter die erste größere Krise von 1998 verspürte, erhöhte er die Miete um das Doppelte. Das war für mich das Signal zum Ausziehen. Wieder ging die Suche los, die mich viele Nerven kostete. Letztendlich fand ich mit Hilfe von Bekannten eine Wohnung in einem ganz anderen Stadtbezirk. Klein, nicht renoviert, vollgestellt mit altem Sowjetmöbel. Ich konnte den Vermieter überreden, viel von dem Kram wegzuschaffen, renovierte, stellte meine Sachen, Waschmaschine, Kühlschrank, Bett und Fernseher sowie einige Regale auf. Bestückte alles mit persönlichen Dingen und fühlte mich wohl.

Das ging so lange gut, bis der Vermieter eine neue Frau kennenlernte. Seine Scheidung hatte ich hautnah und als Seelsorgerin miterlebt. Die Neue hatte nur ein Ziel: so viel wie möglich aus der Wohnung heraus zu holen.

erlegen und drehte fleißig an der Preisspirale mit. Da blieb mir ja nichts anderes übrig, als wieder nach einer bezahlbaren Wohnung Ausschau zu halten, was immer schwieriger wurde. Also musste ich das Spiel noch eine Weile mitspielen und immer tiefer in die Tasche greifen. Für eine Wohnung, die ich renoviert und technisch auf Vordermann gebracht hatte, zum Beispiel neue elektrische Leitungen gelegt sowie Fussboden in Bad und Toilette mit Fliesen versehen hatte.

Dann kam der erlösende Moment! Mein guter Freund hatte eine Wohnung für mich aufgetan, die lange leer stand, weil die Besitzer sich inzwischen eine teure Eigentumswohnung zugelegt, aber Bedenken hatten, sie an Einheimische oder Gastarbeiter aus den sonnigen Republiken zu vermieten. Also fuhr ich los, in einen von meinem bisherigen Wohnort weit entfernten Stadtbezirk, um die Wohnung zu begutachten. Das war wie ein Lottogewinn! Eine schöne Wohnung, die natürlich noch entrümpelt und auf Vordermann gebracht werden musste, aber das war es wert.

Also zog ich wieder einmal um, zum großen Leidwesen der geldgierigen Dame meines alten Vermieters, die gedacht hatte, in mir einen Goldesel gefunden zu haben.

Diesmal zog ich mit einem LKW und einem Kleintransporter um. Erstaunlich,

wieviel sich ansammelt so mit der Zeit. Auch viele Grünpflanzen. Dabei habe ich bei meinen Umzügen und auch zwischendurch immer entrümpelt und vieles entsorgt, dachte ich zumindest.

Auf diese Weise komme ich unfreiwillig ganz schön herum in Moskau im Unterschied zu den unfreiwillig sesshaften Moskauern, die an ihre privatisierten oder zwangsläufig erworbenen Wohnungen bleiben.

Nun wohne ich schon einige Jahre in dieser Wohnung, die mir sehr zusagt. Vor jeder Dienstreise, und ich reise fast jede Woche, stehe ich auf dem nächtlichen Balkon und will eigentlich nicht wegfahren. Ich habe alles Nötige in der Nähe, Zahnarzt, Kosmetik, Nagelpflege, Garage. So fühlt sich angekommen an, glaube ich. Zumindest auf Zeit und nach Gutdünken der Vermieter. Und in einem fremden Land. Was ja im Prinzip eine zweite Heimat geworden ist, nur ohne Wurzeln.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland