Unterwegs im Süden

Foto: Michail Mordassow/Focus Pictures

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Ruhig aber immer noch gesellig: Spätherbst am Schwarzen Meer ist sehr reizvoll, berichtet Adele.

Von Freddy Quinn und seiner Juanita über Nana Mouskouri und ihrem Schiff, das kommen wird, von Helmut Lotti bis zu solchen Machwerken wie "Stangenfieber in der Lederhose" wird man im gemütlichen Gasthaus "Frau Martha" in Sotschi beschallt. Auch Heintje darf nicht fehlen. Wie alt wohl die Aufzeichnungen sein mögen?

Es ist ein Geheimtipp, den einem jeder halbwegs informierte Einwohner der schönen Stadt am Meer bereitwillig gibt. Alle sind überzeugt, dass eine Deutsche bei ihren Reisen ins Land unbedingt in ein deutsches oder deutsch gefärbtes Restaurant gehen will. Also tu ich Ihnen den Gefallen. Die Speisekarte weist die üblichen Fehler auf, aus dem guten alten Eisbein wird in der Transkription eine Eisbahn und aus Paulaner wird Pauleiner. Das tut dem Vergnügen keinen Abbruch.

Das Essen schmeckt, das Bier ist süffig und die Musik sorgt für gute Laune, obwohl offensichtlich nur ich den Text verstehe. Die anderen Gäste nicken im Takt mit dem Kopf oder klopfen auf den Tisch. Das hab ich bisher noch in keinem deutschen Restaurant in Russland erlebt. Aber die liegen alle nördlicher und in klimatisch rauerer Zone. Das Klima beeinflusst den Charakter, im milden Schwarzmeerklima leben eben auch weicher gestimmte Menschen. Starke Fröste und lange Winter frieren die Emotionen und die gute Laune in nördlichen Gefilden und in Sibirien ein. Da bleibt nur der gute alte Wodka als Spaßmacher, was nicht ungefährlich ist. Für Trinker und Zuschauer gleichwohl.

Spätherbst am Schwarzen Meer ist sehr reizvoll, vor allem sehr ruhig, denn die Touristen sind weg und bis zur Wintersaison in Rosa Chutor dauert es noch. Die Strandpromenade ist verwaist, nur ein paar Leute sitzen in Plaids gehüllt und genießen das grummelnde Meer. Viele Cafés und Lädchen haben dicht gemacht, nur die Unentwegten stellen die Kleiderständer raus und locken mit saftigem Preisnachlass. Man kann in aller Ruhe auswählen und wird sogar fündig, ein paar gute Stücke haben den sommerlichen Ansturm überlebt.

Für die Zigeunerinnen, die die Zukunft voraussagen wollen und ihre lokalen Konkurrenten ist auch Ebbe. Jedes neue Gesicht wird sofort mit einem wahren Wasserfall an Prophezeihungen überschüttet. Da helfen nur flinke Beine, sonst ist man rettungslos verloren.

Das bis vor einigen Jahren als Superhotel geltende Zhemtschuzhina, was auf Deutsch die Perle heißt, hat zur Sauregurkensaison nicht viele Gäste, ist aber ein absoluter Geheimtipp. Hier stimmt das Preis-Leistungsverhältnis. Das Personal ist zuvorkommend und zu jeder Hilfe

bereit. Ein großer Pool mit aufgeheiztem Meerwasser lädt die Gäste zum Schwimmen ein, egal ob am Tage oder abends. Die Sauna gehört gleich mit dazu.

Leider musste ich diesen schönen Ort verlassen, um weiter nach Krasnodar zu gelangen. Das tat ich mit der Lastotschka, der Schwalbe. Das ist ein Zug, der während und nach der Olympiade die Leute beförderte, vorrangig natürlich aus Sotschi in die Berge. Vier Stunden lang dauert die Reise von Sotschi nach Krasnodar, bis Tuapse am Ufer des Schwarzen Meeres entlang. Dann geht es über die Berge. Die Reisenden sitzen eng beieinander und kommen natürlich ins Gespräch. Wohltuend, wie viele Nationalitäten sich mischten und mischen und im großen Lande umherreisen. Es ist eine wahre Freude, sich im Zug zu unterhalten. Kaffee wird gereicht, alles ist sehr entspannt.

Die Einwohner Sotschis hatten mich gewarnt, dass ich in Krasnodar frieren würde. Das kommt mir so vor wie die Eifersucht zwischen Chabarowsk und Wladiwostok. Beides sind schöne Städte im Fernen Osten und sie wetteifern miteinander. Das wollte ich, aus dem kalten Moskau kommend,

nicht so recht wahr haben wollen. Sie hatten aber Recht. Und nicht nur, was die Temperaturen angeht.

In der Stadt fand eine große Ausstellung statt, also waren bezahlbare Hotelzimmer rar. Ich fand noch eine bezahlbare Unterkunft und sehnte mich sofort nach Sotschi zurück. Ich fand ein Hotel, das mit Preisen aufwartete, die denen in Sotschi glichen, aber mit keinerlei vergleichbarem Service aufwarten konnten. Das betrifft aber eher die Inhaber solcher Herbergen, als die Mitarbeiter, die alles taten, um das Manko auszugleichen.

In dieser Region, in der südlichen, leben Menschen, die das Leben und ihre Mitmenschen lieben. Am Ende kommt heraus, daß ich für die mehr als peinliche Unterkunft genau so viel bezahlt habe wie für die Übernachtungen in Sotschi. Aber die Hilfsbereitschaft und die Offenheit der Menschen, Taxifahrer und Flughafenpersonal eingeschlossen, machen negative Erfahrungen wieder wett. Das Land ist nur komplex zu verstehen und zu lieben.

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