Jahresende

Der große Weihnachstsbaum am roten Platz in Moskau. Foto: Marina Lyszewa/TASS

Der große Weihnachstsbaum am roten Platz in Moskau. Foto: Marina Lyszewa/TASS

Adele über den fallenden Rubel, Moskauer Weihnachsmärkte und den Weihnachtsfeier in Russland.

Meine letzte Reise in diesem Jahr führte mich wieder einmal nach Kirow, was früher einmal Wjatka hieß und jetzt wieder langsam zum alten Namen zurückkehrt. Die Hindernisse sind eher bürokratischer Natur. Bei einer Umbenennung müssten alle privaten und geschäftlichen Dokumente umgeschrieben werden. Das ist langwierig und teuer, aber ein gewisser neuer Geist, weil es die alte historische Bezeichnung im Bewusstsein der Bürger wachriefe, käme dann ins Spiel. Das würde auch eine stärkere Identifizierung mit dem Wohnort oder mit einem Stückchen Heimat bedeuten. Da braucht es weitaus weniger verbalen und oktroyierten Patriotismus, der ja bekanntlich eher das Gegenteil bei denkenden Menschen bewirkt.

Das ganze Städte nach Funktionären umbenannt werden ist doch wohl ein Zeichen von Überbewertung und Selbstverliebtheit von Systemen. Dafür gibt es sehr viele Beispiele, wie Andropow aus neuester Zeit, oder Molotow, Swerdlowsk, Leningrad, Stalingrad aus der unmittelbaren Vergangenheit. Die alten Bezeichnungen sind viel klangvoller.

Die letzte Reise war eingebettet in viele sehr stressige Situationen, weil ein neues Jahresvisum mit Arbeitserlaubnis und den dazugehörigen Prozeduren auf den Weg gebracht werden musste. Zwischen den Reisen musste ich wieder den Gesundheitstest über mich ergehen lassen, um nachzuweisen, dass ich weder von Lepra, Syphillis, Aids oder Tuberkulose befallen bin. Nun halte ich das neue Arbeitsvisum in der Hand und bin einigermaßen erleichtert.

Das alles vergesse ich immer, wenn ich Trainings im Lande abhalte. Da bekomme ich einen starken Impuls von den Menschen im Land. Sie fühlen die Krise in ihrem Geldbeutel intuitiv, lassen sich aber nicht unterkriegen und sinnen auf Aus- und Umwege, um das Geschäft am Laufen und die Familie am Leben zu erhalten.

Der Rubel fällt und fällt. Was tun? Die Leute rennen in die Geschäfte und kaufen große Fernseher, Kühlschränke und Waschmaschinen, das finden sie effektiver als die Rubel mit Verlust in Euro oder Dollar einzuwechseln. Deshalb gibt es jetzt die vorgezogenen Neujahrsstaus auf Straßen und in der Metro, alles hastet hin und her, bepackt mit großen Tüten und transpirierend in der Masse der Fahrgäste. Die Verkäufer beteuern, dass alles noch mit den „alten" Preisschildern ausgestattet ist und niemand weiß, wie es zum Jahresende und nach den Feiertagen aussehen wird. Die in Krisen und Umbrüchen geübte Bevölkerung ergreift ihre eigenen Antikrisenmaßnahmen.

Dann gibt es wieder Inseln der Ruhe und Beschaulichkeit, so als ob nichts passieren würde. In Moskau machen sich langsam Weihnachtsmärkte breit. Im Zentrum stehen kleine Häuschen, weihnachtlich dekoriert, und bieten

Geschenke und viel zum Naschen an. Dazwischen stehen viele kuschelige Wollschafe, das Symbol des nächsten Jahres, dass das ackernde Pferd ablösen wird. Die langen knusprigen Bratwürste fehlen noch, aber es ist nur eine Frage der Zeit.

Aber der geliebte Glühwein ist schon hier und da zu finden, die Nase führt die Besucher zu den Ständen, wo er ausgeschenkt wird. Und er schmeckt wunderbar. So kommt auch im hektischen Moskau für uns Außerirdische Weihnachtsstimmung auf. Kreative Kletterfiguren, eine Rutschbahn aus purem Eis und Eisfiguren erfreuen die Kinder auf der Prachtstraße Moskaus, der Twerskaja. Die Eltern haben echt Mühe, die Kinder von dort wieder im wahrsten Sinne des Wortes loszueisen..

Im DRH (deutsch-russisches Haus) in Moskau entführte die Weihnachtsfeier die geladenen Gäste in eine andere Welt. Bei schmackhaftem Essen und natürlich bei Glühwein und Stollen sprach man über die Geheimnisse und

Wunder der Weihnachtszeit. Interessant war zu erfahren, wie Russlanddeutsche hier im Lande Weihnachten erlebten und erleben. Das ist eine Mischung aus deutschen und russischen Traditionen. Für die Kinder gibt es den Weihnachtsmann und Väterchen Frost, welch ein Glück. Im Doppelpack sozusagen. Für die Eltern und Großeltern eher anstrengend und belastend für den Geldbeutel. Aber wenn es an die Bescherung geht sind alle Bedenken vergessen.

Die Atmosphäre der Weihnachtsfeier, von der sich auch russische Gäste einfangen ließen, zeigte sehr deutlich, wie gut wir uns alle verstehen und wie sehr wir zusammen leben und arbeiten wollen, egal, wie bestimmte Kreise mit Muskeln, Geld und Waffen spielen. Ob wir es denn schaffen werden, unseren Willen und unsere Meinung so deutlich zu artikulieren, dass wir gehört werden, bis ganz weit nach oben? Das wünsche ich uns für kommende Zeiten.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland