Wie viel Deutschland steckt in Sankt Petersburg?

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Sankt Petersburg wurde im 18. und 19. Jahrhundert nach westeuropäischem Vorbild errichtet. Zahlreiche Ingenieure und Baumeister aus Deutschland prägten das Stadtbild. Noch heute sind die Spuren dieser deutschen Vergangenheit in der Stadt an der Newa allgegenwärtig.

Der Große Palast in Peterhof. Foto: Larry Koester / flickr.com

Wer Sankt Petersburg besucht, dem fallen die zahlreichen Werke deutscher Architekten buchstäblich ins Auge. Zu den berühmtesten Klassikern, die bei keiner Reise an die Newa auf der Besichtigungsliste fehlen dürfen, zählt auch der Große Palast in Peterhof, der Sommerresidenz der Zarenfamilie. Die Abschlussarbeiten leitete Andreas Schlüter, ursprünglich preußischer Baumeister unter Kurfürst Friedrich III. Schlüter hatte 1701 auch das sagenumwobene Bernsteinzimmer entworfen.

Der preußische Baumeister Andreas Schlüter. Foto: Wikipedia.org.

Die Neue Eremitage im Zentrum Sankt Petersburgs erbaute zwischen 1839 und 1852 Leo von Klenze – neben Karl Schinkel der deutsche Hauptvertreter des Klassizismus – auf direkten Auftrag des Zaren Nikolaus I. und vollendete damit die weltberühmte Kunstgalerie. Mit der Wiederherstellung der Fassade des Mariinsky-Theaters nach einem Brand wurde 1880 der baltendeutsche Baumeister Victor Schröter betraut. Die Liste könnte weiter fortgesetzt werden.

Aber es gab auch Vertreter, die sich abhoben und statt einzelne Bauten zu schaffen, gleich ihr ganzes Berufsleben an der Newa verbrachten. Viele von ihnen brachten neben Barock und Klassizismus auch die Moderne nach Russland. Zu ihnen gehörte Carl Schmidt. Sein Name ist eher unbekannt, sein Stil jedoch weit verbreitet. Er setzte den Grundstein für die sogenannte Ziegelmoderne und verband einerseits pragmatische, andererseits ästhetische Ansprüche der Jahrhundertwende mit der günstigen und schnell zu bewerkstelligenden Ziegelsteinbauweise. 

Die Schule der Deutschen

Die Petrikirche. Foto: Lori/LegionMediaDie Petrikirche. Foto: Lori/LegionMedia
Schmidts Vater kam als Schiffsbauer aus Norddeutschland nach Sankt Petersburg und schickte seinen Sohn auf die renommierte Petrischule, die bis heute zum „deutschen” Vorzeigeviertel der Stadt gehört. Zusammen mit der deutsch-lutherischen Petrikirche, der Kanzlei des Erzbischofs, einem Goethe-Denkmal und dem Deutsch-Russischen Begegnungszentrum bildet sie das sogenannte „Deutsche Quartal” am Newskij-Prospekt.

Der Architekt Carl Schmidt. ArchivbildDer Architekt Carl Schmidt. ArchivbildDie Petrischule wurde 1709 gegründet und entwickelte sich schnell zum Zentrum der deutschen und baltendeutschen Gesellschaft. Vor Beginn des Ersten Weltkriegs war die Unterrichtssprache Deutsch, bis zu 2 000 Schüler lernten hier. Zu den berühmtesten Absolventen gehören der Polarforscher Leonid Breitfuß, der Schriftsteller Daniil Charms, der Literaturwissenschaftler Jurij Lotman, Komponist Modest Mussorgskij und auch der Architekt Victor Schröter, der das Mariinsky-Theater später neu verkleiden sollte. Nach der Revolution wurde das Schulprofil „russifiziert”, Deutsch blieb als Spezialisierung erhalten. Nach einer Umbenennung zu Sowjetzeiten bekam die Einrichtung 1996 ihren ursprünglichen Namen zurück und unterrichtet bis heute über 500 Schüler – auch in Deutsch.

Laut seiner Enkelin, der Historikerin Erika Voigt, war Schmidt ein zielstrebiger Mensch. Und so verwundert es nicht, dass er noch zu Schulzeiten Kontakt zu seinen späteren Professoren an der Stieglitz’schen Zeichenschule aufnahm. Sie ist eine weitere wichtige, mit Deutschen und besonders deutschen Technikern und Architekten verbundene Bildungseinrichtung in Sankt Petersburg, die sich in nahezu ursprünglicher Form bis heute halten konnte. Baron Alexander von Stieglitz folgte 1843 auf seinen Vater als Direktor des Bankhauses Stieglitz & Co. und galt als Bankier des Zaren. Er wurde Vorsitzender des Börsenkomitees und später Gouverneur der von Zar Alexander II. gegründeten Staatsbank. Der Kunstmäzen Stieglitz gründete 1867 die angesehene Zentral-Schule für Technisches Zeichnen, die heutige Stieglitz-Kunstgewerbe-Akademie, sowie das dazugehörige Museum. Mit Unterbrechung als allgemeinbildende weiterführende Schule zwischen 1922 und 1994 hat sie bis heute ihr Profil als Schnittstelle zwischen Kunst- und Technikhandwerk behalten.

Die Revolution markierte einen Wendepunkt

Foto: TassDie Stieglitz-Kunstgewerbe-Akademie. Foto: Tass

Mit 30 Jahren bekam Schmidt den ersten großen Auftrag als selbstständiger Architekt. Von 1897 bis 1899 baute er das evangelische Alexandrinische Frauenhaus auf der Wassilij-Insel. Es folgten das Geschäfts- und Wohnhaus des Goldschmieds Fabergé, Mietshäuser für verschiedene Geschäftsleute sowie die Telefonfabrik Ericsson.

Baron Alexander von Stieglitz. Archivbild.Baron Alexander von Stieglitz. Archivbild.Er selbst und seine Familie lebten derweil in einem eigenen Haus in Pawlowsk, etwas außerhalb der Stadt – bis mit der Oktoberrevolution der Bruch kam: Viele Deutsche verließen das Land. Schmidt reiste 1918 nach Deutschland aus und lebte bis zu seinem Tod 1945 als Briefmarkensammler bei Berlin.

Die meisten dieser deutschen Namen in Sankt Petersburg findet man heute an einem Ort wieder: auf dem evangelisch-lutherischen Smolensker Friedhof, eröffnet 1947 unweit der Wassilij-Insel, wo traditionell viele ausländische, zumeist nicht orthodoxe Wissenschaftler, Militärs und Handwerker lebten. 20 000 bis 30 000 Menschen sollen hier begraben sein, darunter viele Deutsche, weswegen die Ruhestätte oft auch als „deutscher” Friedhof bezeichnet wird.

Er wurde 1919 verstaatlicht und 1939 geschlossen. Nachdem die wertvollsten Grabstätten auf das Territorium des Alexander-Newskij-Klosters umgebettet worden waren, entstand auf einem Teil der Anlage eine Feuerwache, am anderen Ende eine Tankstelle.

Die übrigen unbeschadeten Gräber stehen heute unter staatlichem Denkmalschutz. Dazu gehören unter anderen das Grab eines Inspektors der bereits erwähnten Petrischule, Heinrich Witte, eines Verwandten des Architekten Victor Schröter und ebenso die letzten Ruhestätten mehrerer Vertreter aus dem Bankier-Geschlecht Stieglitz.

 

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Gabriele Kötschau, Vertretung der Handelskammer Hamburg in Sankt Petersburg

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