Kaliningrader Rock und Beresuzki-Tor: Drei Tage Russland in Berlin

Die Party-Band DawaiDawai überzeugte das Publikum mit russischem Folklore-Pop.

Die Party-Band DawaiDawai überzeugte das Publikum mit russischem Folklore-Pop.

Dmitrij Vachedin
Die Gäste der zehnten Deutsch-Russischen Festtage in Berlin-Karlshorst wurden gewiss nicht enttäuscht. Auch in diesem Jahr boten das bunte kulturelle Programm und die Übertragung des russischen Auftaktspiels bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich Unterhaltung für Jung und Alt. Berlin rockte, tanzte und feierte auf russische Art.

Am Wochenende fanden in Berlin-Karlshorst zum zehnten Mal die Deutsch-Russischen Festtage statt. In diesem Jahr spielte das Wetter mit: Von einer gewaltigen Hitzewelle wie im Vorjahr blieben die Besucher verschont – nur für die russischen Eisverkäufer dürfte das von Nachteil gewesen sein.

Dafür sorgte der Berliner Nahverkehr für Probleme: Wegen eines S-Bahn-Ausfalls war der Weg nach Karlshorst lang und umständlich. Doch für die Tausende Gäste, die kamen, um russisch zu essen, zu tanzen oder an den Kulturveranstaltungen teilzunehmen, war das kein Hindernis.

Kulinarische und literarische Feinkost

Anders machte es Wladimir, der jedes Jahr mit seinen Freunden aus Erfurt mit dem Auto anreist und direkt auf dem Gelände der Festtage campt. „Ich finde hier alles super! Ich liebe die Freiheit und die Festtage geben mir das Gefühl, frei zu sein“, sagt er, der die Deutsch-Russischen Festtage wohl als eine Alternative zu Open-Air-Festivals betrachtet.

Auch Igor aus Berlin-Friedrichshain fühlte sich sichtlich wohl auf den Festtagen. Foto: Dmitrij VachedinAuch Igor aus Berlin-Friedrichshain fühlte sich sichtlich wohl auf den Festtagen. Foto: Dmitrij Vachedin

Ich lasse Wladimir vor der Bühne feiern und spreche mit Igor, der im Berliner Stadtteil Friedrichshain lebt. Mit seiner Ray-Ban-Sonnenbrille sieht er ein bisschen aus wie ein Friedrichshainer Hipster. Wie findet er es hier? „Eine super Atmosphäre, Danke dafür an die Organisatoren. Ich hätte mir mehr trendige russische Bands wie On-the-Go gewünscht, ansonsten mag ich es hier“, sagt Igor.

 Überall auf den Festtagen konnten Besucher typische russische Speisen probieren. Überall auf den Festtagen konnten Besucher typische russische Speisen probieren. Foto: Dmitrij Vachedin

Dann gibt er mir zwei kulinarische Geheimtipps: feines armenisches Schaschlik – Feinkostliebhaber stehen hier den ganzen Tag Schlange – und das Zelt der Klosterküche des orthodoxen Sankt-Georg-Klosters in Götschendorf. Die Mönche sind nicht nur für ihre Entenfleischgerichte, sondern auch für ihren Pflaumenbranntwein bekannt, der herrlich schmeckt.

Die Nahrung für den Geist, also für literarische Spezialitäten, wird von der Stadt Moskau geboten, die als langjähriger Partner des Festes in jedem Jahr berühmte Autoren nach Deutschland schickt. Diesmal war ein prominentes Trio aus Sergej Lukjanenko, Jurij Poljakow und der Kinderbuchautorin Anna Gontscharowa vor Ort.

Der Bestsellerautor Sergej Lukjanenko avancierte zum kulturellen Star der Festtage. Seine Bücher – vor allem die „Wächter“-Reihe – sind auch in Deutschland sehr beliebt. Foto: Dmitrij VachedinDer Bestsellerautor Sergej Lukjanenko avancierte zum kulturellen Star der Festtage. Seine Bücher – vor allem die „Wächter“-Reihe – sind auch in Deutschland sehr beliebt. Foto: Dmitrij Vachedin

Vor allem Lukjanenko, der als erfolgreichster russischer Science-Fiction- und Fantasy-Autor der Gegenwart schon längst auch in Deutschland Bestsellerzahlen schreibt, wurde herzlich von den Fans empfangen – seine Autogrammstunde dauert am längsten.

„Neben dem russischen ist das deutsche Lesepublikum für mich am wichtigsten“, erzählt er. „Vor allem die Romane aus der ‚Wächter‘-Reihe verkaufen sich in Deutschland ganz gut. Aber alles, was ich schreibe, wird sofort ins Deutsche übersetzt. Mit den deutschen Lesern stehe ich im direkten Kontakt.“

Frischer Wind aus Kaliningrad

Die Deutsch-Russischen Festtage sind gewissermaßen zu einer Geisel ihrer eigenen Popularität geworden. Das erfolgreiche Format einer Mischung aus Kultur, Sport und Unterhaltung wurde vor zehn Jahren eingeführt und seitdem nicht mehr neu konzipiert, sondern in abgewandelter Form wiederholt.

Viele Gäste und Partner reisen jedes Jahr an. So schaffen sie Tradition und sichern Qualität. Was dabei jedoch auf der Strecke bleibt, ist der Überraschungseffekt. Deshalb ist es besonders wichtig, Platz für Newcomer im Programm zu lassen. In diesem Sommer sorgten Künstler und Sportler aus Kaliningrad für diesen frischen Wind.

Julia Serdonbintseva organisierte die Teilnahme der Kaliningrader Delegation von Künstlern und Sportlern. Foto: Dmitrij VachedinJulia Serdonbintseva organisierte die Teilnahme der Kaliningrader Delegation von Künstlern und Sportlern. Foto: Dmitrij Vachedin

Julia Serdobintseva hat die bunte Gruppe aus Kaliningrad organisiert und nach Berlin gebracht. „Kaliningrad war mal deutsch, die Spuren davon sind überall zu sehen. Wir leben in Europa als eine russische Enklave, ohne direkte Grenze zu Russland. EU-Staaten liegen direkt vor unserer Tür“, erzählt die sympathische Kaliningraderin.

Doch vielleicht ist genau das der Grund, warum die europäischen Sanktionen dem westlichsten Gebiet Russlands mehr geholfen als geschadet haben: „Wir essen jetzt lokale Produkte, kaufen viel weniger in Polen ein.“ Dennoch laufe in der Zukunft nichts ohne die Kooperation mit Deutschland, von der beide Seiten profitieren könnten.

Hochstimmung mit Fußball und Punk

Die Kaliningrader Band HelloDay um Frontmann Alexandr hielt ihr Versprechen und heizte dem Publikum ordentlich ein. Foto: Dmitrij VachedinDie Kaliningrader Band HelloDay um Frontmann Alexandr hielt ihr Versprechen und heizte dem Publikum ordentlich ein. Foto: Dmitrij Vachedin

Kaliningrad hat anlässlich der Einladung nach Berlin eigens einen Musikwettbewerb organisiert: Der Gewinner, die Band HelloDay, darf in Karlshorst rocken. „Wir bieten euch eine Show“, verspricht Sänger Alexandr und löst wenig später sein Versprechen ein – auf der Bühne springen die Gitarristen locker einen Meter hoch in die Luft. „Wir lieben Die Toten Hosen, sie sind eine großartige Band mit coolem Sound, und das Lied ‚Hier kommt Alex‘ spielen wir heute für euch“, kündigt Alexandr dem begeisterten Publikum an.

Der poppige Punk sei eigentlich zu soft für Kaliningrad, wo man mehr auf härtere Sachen wie Metal stehe, erzählt mir der Sänger. Schließlich liegt das für Metal-Musik bekannte Skandinavien ganz in der Nähe. Alexandr hofft dennoch auf volle Säle in Russland und Europa. Karlshorst sei nur der Anfang.

Auch die Kleinsten trugen zum Erfolg der diesjährigen Festtage bei. Foto: Dmitrij VachedinAuch die Kleinsten trugen zum Erfolg der diesjährigen Festtage bei. Foto: Dmitrij Vachedin  

Die Rocker AnimalJazz hatten es am schwersten. Sie mussten mit der Übertragung des Spiels Russland gegen England konkurrieren und schafften es dennoch, mehrere Hunderte Zuschauer vom Fußball abzulenken.

Alle anderen saßen vor der großen Leinwand im Sportbereich und hielten den Atem an. Die Sbornaja spielte schlecht, das englische Team war kaum zu bändigen. Doch dann, in der 93. Minute, wurde es richtig laut in Karlshorst – Kapitän Wassili Beresuzki traf für Russland und sorgte für den späten Ausgleich. Damit hatte niemand gerechnet, doch nun hegten erst recht alle in Karlshorst die Hoffnung bis zum Schluss. So endete ein perfekter Samstag. Der Sonntag brachte noch mehr Kultur, Tanz, Spaß und köstliche Klosterküche.

Jahr des deutsch-russischen Jugendaustauschs in Moskau eröffnet