Gedenken in Deutschland: 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

Botschafter Grinin bei seiner Ansprache im Berliner Dom.

Botschafter Grinin bei seiner Ansprache im Berliner Dom.

Russische Botschaft
Mit Gedenkveranstaltungen ist am Mittwoch in Berlin an den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion vor 75 Jahren erinnert worden. Die Botschaft der Russischen Föderation in der Bundesrepublik Deutschland lud am Abend zu einem Gedenk-Orgelkonzert in den Berliner Dom ein.

Beim Gedenkkonzert anlässlich des 75. Jahrestags des Überfalls Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion bezeichnete es der Vorsitzende des Domkirchenkollegiums Volker Faigle als eine große Ehre und Verpflichtung, dass die russische Botschaft zum Gedenken in den Berliner Dom eingeladen hat.

Faigle verwies auf die aktuelle Bedeutung der „Stuttgarter Schulderklärung“ des Rats der Evangelischen Kirchen in Deutschland vom Oktober 1945. Erstmals hatte sich darin die evangelische Kirche zu einer Mitschuld am Krieg und an den nationalsozialistischen Verbrechen bekannt.

Wladimir Grinin, Botschafter der Russischen Föderation in der Bundesrepublik, betonte in seiner Ansprache, die Menschheit habe vor 75 Jahren am Rande einer Katastrophe gestanden. Durch den heldenhaften Kampf des sowjetischen Volkes sei diese verhindert worden. Unter den 27 Millionen Toten und zahllosen Verletzten seien Vertreter vieler Volksgruppen gewesen, deren Andenken in Ehren gehalten werden müsse.

Der Botschafter unterstrich, dass auch die Deutschen der Krieg sehr viel gekostet habe. Deshalb sei die gemeinsame Kriegsgräberfürsorge von so großer Bedeutung. Er rief zur Bewahrung der Gedenkkultur auf und zitierte aus der Rede des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 im Deutschen Bundestag: „Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen. (…) Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“ Das sei, so sagte Grinin, „die Weltanschauung des russischen Volkes heute, das offen und gleichberechtigt gutnachbarschaftliche Beziehungen aufbauen und in Frieden leben will“.

Gemeinsame Verantwortung für die Erhaltung des Friedens

Stanislaw Tillich, Ministerpräsident des Freistaats Sachsen und aktueller Präsident des Deutschen Bundesrats, verwies in seiner Ansprache darauf, dass es die Sowjetunion war, die die größte Zahl an Opfern zu beklagen hatte. Deutschland und Russland hätten den Weg der Versöhnung eingeschlagen, den es zu bewahren gelte.

Tillich erinnerte daran, dass am 9. November 1990 der erste völkerrechtliche Vertrag des wiedervereinigten Deutschlands mit der damaligen Sowjetunion geschlossen worden war, der Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit. Es gebe eine gemeinsame Verantwortung für die Erhaltung des Friedens, ein Europa ohne Russland sei nicht denkbar. Man müsse aufeinander zugehen. „Wir waren selbst im Kalten Krieg miteinander nicht sprachlos“, betonte Tillich. Differenzen gelte es auf politischem und diplomatischem Weg zu lösen.

Im Anschluss erklangen Orgelwerke von Bach, Mendelssohn Bartholdy, Brahms, Schostakowitsch und Jantschenko in der Interpretation von Rubin Abdullin.

Zudem fanden auf Initiative der russischen Botschaft am gleichen Tag an den Ehrenmalen im Treptower Park und im Tiergarten Kranzniederlegungen zum Gedenken an die Millionen sowjetischer Opfer des Vernichtungskrieges statt. Geladen waren Vertreter der anderen GUS-Botschaften, des Auswärtigen Amtes sowie von Parteien und Organisationen. In einer Debatte gedachte auch der Deutsche Bundestag des 75. Jahrestags des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion.

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