Performance-Gruppe „Quadrat“: „Kunst ist das Streben nach Harmonie“

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Wissenschaft und Kunst – passt das zusammen? Die russisch-deutsche Künstlergruppe „Quadrat“ ist davon überzeugt. Ob das wirklich geht, lässt sich bald live beurteilen.

Eine junge Tänzerin macht plastische Bewegungen in einem quadratischen Käfig. Sie spielt mit der Form, sie berührt die Kanten. Der Würfel beschränkt ihre räumliche Freiheit, gleichzeitig verleiht die quadratische Form dem Tanz eine Struktur. Ein komisches Bild, doch zugleich ist es faszinierend. Was ist das? Das russische Fernsehen überträgt eine Performance der Künstlergruppe „Quadrat“.

Auf der Suche nach der idealen Form

Ksenia Astrakhantseva, Mitbegründerin dieser außergewöhnlichen Gruppe, erklärt: „Ein Quadrat ist ideal. Alles an einem Quadrat ist ideal. Wenn wir von sogenannten platonischen Körpern sprechen, meinen wir Körper von größtmöglicher Symmetrie. Das ist es, wonach wir streben. Kunst ist das Streben nach Harmonie.“

Ksenia und ich flanieren durch die Straßen von Berlin-Charlottenburg. Es ist sommerlich, die vorbeilaufenden Kinder interessieren sich nicht für platonische Körper. Die einzige geometrische Form, die sie jetzt spannend finden, ist eine Kugel, genauer gesagt, ein Ball – heute spielt Deutschland. Es ist Fußball-Europameisterschaft. Manchmal blickt mich Ksenia sorgenvoll an: Ob der Journalist wirklich alles versteht? Die promovierte Mathematikerin zweifelt.

„‚Quadrat‘ ist eine internationale Künstlergruppe mit Hauptsitz in Moskau und Berlin. Vier Kanten – Musik, Visual Arts, Tanz und Wissenschaft“, erklärt Ksenia mir. Funktioniert das zusammen? „Und ob!“

Ksenia Astrakhantseva. Foto: PressebildKsenia Astrakhantseva. Foto: Pressebild

Dafür haben sich im „Quadrat“ renommierte und experimentierfreudige Künstler zusammengefunden. Für Musik ist hier zum Beispiel der berühmte Komponist und Philosoph Vladimir Martynov zuständig, der moderne Musik mit archaischen Klängen und Elementen aus mittelalterlichen Gottesdiensten vereint.

Den 70-jährigen Martynov nennen sie „Guru“, er hat die Philosophie der Gruppe entscheidend mitgeprägt. „Wir sind so ziemlich die einzige Künstlergruppe, in der alle Generationen vertreten sind – von jung bis alt“, sagt Ksenia stolz. Auch ein Ergebnis der Suche nach der idealen Form.

Was hat die Wissenschaft in der Kunst zu suchen? „Das ist doch ein und dasselbe“, antwortet  die Tänzerin. Die Kunst sei eine praktische und anschauliche Verkörperung der Wissenschaft, sie erkläre die komplizierten Formeln. So inszenierte „Quadrat“ eine Performance, bei der Tänzer mathematische Formeln zur experimentellen Musik von Iannis Xenakis vortanzten.    

Klein, aber sexy

In der Berliner Galerie – ja, „Quadrat“ hat eine schöne Galerie im Osten der Stadt – treffe ich Alexsander Nagaytsev. Der professionelle Balletttänzer verantwortet die Choreografien der Gruppe und tanzt auch selbst. Ist Ksenia eine Akademikerin mit Niveau, so macht Alexander – athletischer Körper, verschwitztes T-Shirt – den Eindruck eines praktisch veranlagten Menschen mit großem Tatendrang.

„Wir haben hier großartige internationale Tänzer, überwiegend aus der Deutschen Oper in Berlin“, erzählt er. „Sie alle sind erfahren und fast schon müde von den großen Bühnen und großen Auftritten. ‚Quadrat‘ bietet ihnen eine kleine Fläche zum Experimentieren, wo sie wirklich frei sein können“, erklärt Alexander das Einzigartige dieser Formation.

Das Talent der Künstlergruppe lässt sich übrigens demnächst live erleben: „Quadrat“ organisiert das Fest der Partnerstädte Berlin-Moskau, das von September bis November stattfindet, und an dem die Gruppe auch selbst teilnimmt. 17 verschiedene Künste werden vorgeführt – vier davon von „Quadrat“ selbst: von Zirkus über Puppentheater bis zu Obertongesang (es kommt die berühmte Band Huun-Huur-Tu).  

Mit dabei sind auch das Wintergarten-Varieté, der Chor der Nikolaikirche sowie Solisten der Deutschen Oper. Manche Performances finden vor seltenen historischen Kulissen statt, zum Beispiel in der Schinkelschen Bauakademie im Stadtzentrum Berlins.

„Quadrat“ ist das Streben nach einem Ideal, das haben wir nun gelernt. Eine Einstellung, von der jedes Fest nur profitieren kann – dabei muss es noch nicht einmal perfekt sein, es soll einfach überraschen. Aber auch das kann „Quadrat“ vorzüglich.  

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