Sankt Petersburg: Neue Ausstellung über die Blockade von Leningrad eröffnet

Goethe-Institut St. Petersburg/ Valery Smirnov
„900 und weitere 26 000 Tage“ heißt eine Ausstellung, die jüngst im Sankt Petersburger Neuen Museum eröffnet wurde. Es ist ein russisch-deutsches Kunstprojekt über die Blockade von Leningrad. 2014 wurde die Ausstellung im Hamburger Kunstverein präsentiert, in diesem Jahr wird sie nun anlässlich der 60 Jahre wehrenden Partnerschaft der beiden Hafenmetropolen erstmals auch in Sankt Petersburg gezeigt.

Die Blockade von Leningrad ist eine der schlimmsten Tragödien des Zweiten Weltkriegs. Man würde erwarten, dass eine Kunstausstellung zum Thema den Besucher durch die Tragik des Kriegshorrors vereinnahmt: Orden und Medaillen am Eingang, Ehrfurcht einflößende Hintergrundmusik in den Ausstellungsräumen. Doch schon auf den ersten Blick wird klar, dass „900 und weitere 26 000 Tage“ eine grundlegend andere Kriegsausstellung ist.

Erinnerung aus der Kunstperspektive

Im Jahr 2014, als die 900-tägige Blockade von Leningrad 26 000 Tage zurücklag, bereiteten junge Künstler aus Sankt Petersburg, Moskau und Hamburg auf Initiative des Goethe-Instituts eine Ausstellung vor, um die Erinnerung an die Tragödie von Leningrad ohne den für ein Kriegsthema üblichen Pathos zu erhalten.

„Deutsche und russische Künstler wurden zu einem großen Workshop nach Sankt Petersburg eingeladen“, erzählt Sneschana Winogradowa, Projektkoordinatorin am Goethe-Institut in Russlands zweitgrößter Stadt. „Sie haben sich mit Historikern und Wissenschaftlern getroffen, Denkmäler besichtigt, Eindrücke ausgetauscht und daraus Ideen für das eigene Schaffen entwickelt.“

Der maßgebliche Impuls für die gemeinsame Ausstellung war, dass die Blockade von Leningrad in Deutschland weit weniger thematisiert wird als andere Naziverbrechen. Russische und deutsche Künstler sahen sich berufen, diese Lücke zu füllen. Entstanden ist eine Reflektion zur Frage, wie die Erinnerung an eine der schlimmsten menschlichen Tragödien der Geschichte an künftige Generationen weitergegeben werden kann.

„26. Dezember. Unsere Truppen haben mehrere Ortschaften eingenommen, darunter…“ Eine Stimme aus dem Off erstattet plötzlich Bericht von der Front, auf Deutsch und auf Russisch. Es ist ein künstlerischer Trick, eine Sound-Intervention. Sie soll die unterschwellige Wahrnehmung beeinflussen, in den persönlichen Raum des Besuchers eindringen, ihn dazu zwingen, das Kriegsecho aufzunehmen. Die künstlerische Kernidee ist eine Kollision mit der Kriegserfahrung, mit der Blockade.

Die&nbsp;Installation&nbsp;&bdquo;Hungerk&uuml;che&ldquo; von Anastasia Kizilova beruht auf den Notizen&nbsp;der Leningrader Familie Zhilinsky.\nGoethe-Institut St. Petersburg/ Valery Smirnov<p><strong>Die&nbsp;Installation&nbsp;&bdquo;Hungerk&uuml;che&ldquo; von Anastasia Kizilova beruht auf den Notizen&nbsp;der Leningrader Familie Zhilinsky.</strong></p>\n
Auf dem Tisch liegen die Tagesrationen der Familie: heute drei H&auml;ufchen Salz und zwei Brotkrusten, morgen etwas Grie&szlig;, &uuml;bermorgen nichts.&nbsp;\nGoethe-Institut St. Petersburg/ Valery Smirnov<p><strong>Auf dem Tisch liegen die Tagesrationen der Familie: heute drei H&auml;ufchen Salz und zwei Brotkrusten, morgen etwas Grie&szlig;, &uuml;bermorgen nichts.&nbsp;</strong></p>\n
Alexey Grachevs &bdquo;Das Echo&ldquo; zeigt eine Warnung aus der Zeit der Blockade: &bdquo;B&uuml;rger! Bei Artilleriebeschuss ist diese Stra&szlig;enseite besonders gef&auml;hrlich!\nGoethe-Institut St. Petersburg/ Valery Smirnov<p><strong>Alexey Grachevs &bdquo;Das Echo&ldquo; zeigt eine Warnung aus der Zeit der Blockade: &bdquo;B&uuml;rger! Bei Artilleriebeschuss ist diese Stra&szlig;enseite besonders gef&auml;hrlich!</strong></p>\n
Wadim Leukhin ist der Erschaffer der Installation &quot;Schwarzes Licht&quot;.&nbsp;Aufgrund der Verdunkelungspflicht war die belagerte Stadt am Abend und in der Nacht stets in Finsternis geh&uuml;llt. Die Menschen bewegten sich in dieser totalen Dunkelheit mithilfe von &nbsp;Luminophorplaketten durch die Stra&szlig;en. Die &Uuml;berlebenden bezeichneten die Dunkelheit im Nachhinein als eine der gr&ouml;&szlig;ten Einschr&auml;nkungen der Blockade.&nbsp;\nGoethe-Institut St. Petersburg/ Valery Smirnov<p><strong>Wadim Leukhin ist der Erschaffer der Installation &quot;Schwarzes Licht&quot;.&nbsp;Aufgrund der Verdunkelungspflicht war die belagerte Stadt am Abend und in der Nacht stets in Finsternis geh&uuml;llt. Die Menschen bewegten sich in dieser totalen Dunkelheit mithilfe von &nbsp;Luminophorplaketten durch die Stra&szlig;en. Die &Uuml;berlebenden bezeichneten die Dunkelheit im Nachhinein als eine der gr&ouml;&szlig;ten Einschr&auml;nkungen der Blockade.&nbsp;</strong></p>\n
Die Ausstellung im Neuen Museum l&auml;uft vom&nbsp;7. Februar bis zum 5. M&auml;rz 2017.\nGoethe-Institut St. Petersburg/ Valery Smirnov<p><strong>Die Ausstellung im Neuen Museum l&auml;uft vom&nbsp;7. Februar bis zum 5. M&auml;rz 2017.</strong></p>\n
 
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Die Blockade ist zum Greifen nah

Die Künstler haben unterschiedliche Aspekte der Blockade aufgegriffen: Hunger, Finsternis, Tod, Trennung. Diese sind für das Publikum in verschiedenen Formaten aufbereitet.

Im heutigen Russland ist die Blockade ein wesentlicher Teil des kollektiven Gedächtnisses, das größtenteils mündlich überliefert wird. Die Schrecken der Blockade sind in den Familien, in den Schulen und im Fernsehen ein dauerhaft präsentes Thema. Den Kuratoren von „900 und weitere 26 000 Tage“ war es besonders wichtig, visuelle Formen des belagerten Leningrads darzubieten.

Eine solche Installation ist die „Hungerküche“ von Anastassia Kisilowa. Die Künstlerin Studentin der Kunst hat in einer Sankt Petersburger Kochschule die Ernährungsnotizen einer Leningrader Familie aus der Zeit ausfindig gemacht. Auf einem weißen Tisch liegen die Tagesrationen der Familie: heute drei Häufchen Salz und zwei Brotkrusten, morgen etwas Grieß, übermorgen nichts. Nach Ansicht der Künstler ist dies ebenso ein Kriegsdenkmal wie das Tor von Auschwitz, die Mutter-Heimat-Statue in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, oder das Holocaust-Denkmal in Berlin – mit dem einzigen Unterschied, dass Anastassias Mahnmal nicht aus Marmor oder Stahl errichtet wurde. Echte Erinnerungsarbeit, die Auseinandersetzung mit der Geschichte, geschehe nicht, wenn der Mensch vor einem statischen Stein stehe, ist die Künstlerin überzeugt. Sie müsse Teil eines lebendigen Ganzen sein, das jedem Menschen vertraut ist: ein Krümel Brot, ein Häufchen Grieß.

#PRAYFORLENINGRAD

Die deutschen Künstler Tobias Muno und Tim Theo Geissler interpretieren die Erinnerung an Leningrad mit einem ganz eigenen Ansatz. Ihr Denkmal der Blockade sind drei Smartphones, die permanent Meldungen im Twitter-Format anzeigen. Die Geräte berichten je über eine historisch wichtige umkämpfte Stadt: Troja, Leningrad, Aleppo. „Diese Installation zeigt eindringlich, wie wichtig es ist, Klischees und vorgefertigte Muster bei der Rezeption der Tragödie zu vermeiden“, sagt Anastassia. „Drei belagerte Städte, drei Mal Hölle auf Erden. Wir haben uns an Tweets wie #prayforSyria inzwischen derart gewöhnt, dass wir sie nicht mehr beachten. Wenn man nun auf einem Smartphone eine Meldung über die Belagerung Leningrads oder Trojas sieht – das zerstört die Klischees und löst ganz andere Handlungsstränge im Kopf und im Herzen aus."

Fragen und Antworten

Dr. Angelika Eder, Leiterin des Goethe-Instituts in Sankt PetersburgWarum ist das Thema der Blockade Leningrads in Deutschland im Vergleich zu den anderen Verbrechen des NS-Zeit weniger bekannt?Unter deutschen Geschichtswissenschaftlern ist das Thema der Blockade selbstverständlich gut bekannt und es liegen auch zahlreiche einschlägige Veröffentlichungen, zum Beispiel von Jörg Ganzenmüller, sowie viele Zeitzeugenberichte und literarische Zeugnisse, so zum Beispiel „Lenas Tagebuch“, auf Deutsch vor. Im öffentlichen Bewusstsein ist das Verbrechen der Schoah aber wesentlich präsenter, was sicher auch mit der Zugänglichkeit von Archiven im letzten Jahrhundert und der unterschiedlichen Intensität des Austauschs unter russischen und deutschen Historikern zusammenhängt. Meiner Meinung nach verlaufen die öffentlichen Diskurse über Erinnerungskultur immer etwas zeitversetzt, und ich bin überzeugt, dass das Thema der Blockade in den nächsten Jahren auch in Deutschland intensiver behandelt und diskutiert wird, weil es mehr und mehr Fachliteratur und Materialien auf Deutsch gibt. Auch unser Ausstellungsprojekt in Hamburg 2015 hat dazu gemeinsam mit dem Begleitprogramm einen Beitrag geleistet.Welche Bedeutung hat in diesem Fall die deutsch-russische Zusammenarbeit im Kulturbereich?Man muss um die gemeinsame Vergangenheit wissen, um gemeinsam die Zukunft gestalten zu können. Das deutsch-russische Projekt „900 und weitere 26 000 Tage“ ist dafür ein besonders gutes Beispiel: Junge deutsche und russische Künstler haben sich 2014 in einem Seminar in Sankt Petersburg intensiv mit dem Thema der Blockade befasst, miteinander diskutiert, einander zugehört, voneinander gelernt – und dann ihre künstlerischen Ideen für die Erinnerung an dieses Verbrechen, diese Tragödie, entwickelt und gemeinsam präsentiert.Auch in schwierigen Zeiten miteinander im Gespräch zu bleiben – und dabei auch heikle Themen nicht auszusparen – halte ich für sehr wichtig. Die Zusammenarbeit und der Dialog im Kulturbereich sind dabei besonders hilfreich. Plant das Goethe-Institut weitere Projekte dieser Art in Sankt Petersburg? Das Goethe-Institut hat sich bereits im Januar 2014 mit der öffentlichen Podiumsdiskussion „Wessen Erinnerung? Das Gedenken an die Blockade Leningrads gestern und heute“ aktiv mit dem Thema befasst. Die Veranstaltung fand im Rahmen der deutsch-russischen Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages in Sankt Petersburg und Berlin statt – unter Einbeziehung russischer Jugendlicher in das Seminarprogramm. Die jetzt im Neuen Museum gezeigte Ausstellung resultiert aus einem seit 2014 vorbereiteten Austausch deutscher und russischer Künstler. Auch in Zukunft wird sich das Goethe-Institut mit Fragen der Erinnerungskultur unserer beiden Länder befassen.

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