So lief mein Austausch: Rucksacktour durch die Sowjet-Geschichte

Artjom Skrynnik
In der RBTH-Serie „So lief mein Austausch“ erzählt Lena Burkamina, wie sie als Teilnehmerin des Projekts „ProStory“ sich mit jungen Russen und Deutschen in Sibirien auf eine Wanderung in die sowjetische Vergangenheit begab.

1. Berge und Steppe, Städte und Dörfer, Häuser und Menschen – überall sind in Russland Spuren der sowjetischen Vergangenheit sichtbar. Eine Gruppe junger Leute aus Hamburg sowie aus fünf sibirischen Städten erkundeten in diesem Sommer, wie sich Russland in den 25 Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt hat, forschten nach, was aus den Sowjets geworden ist, und wollten herausfinden, wie die postsowjetische Generation zu dieser Phase der Geschichte ihres Landes steht.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

2. Die Bildungsreise „ProStory“ knüpfte thematisch an das Projekt „Velosophie“ an. Vor zwei Jahren radelten 30 junge Leute aus Krasnojarsk und verschiedenen deutschen Städten 700 Kilometer von Dresden nach Hamburg. Im Gepäck die Frage, wie sich Deutschland in den 25 Jahren seit dem Fall der Mauer entwickelt hat.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

3. „ProStory“ startete am 25. Juli in Abakan, der Hauptstadt der Republik Chakassien. Die Gruppe machte sich von hier auf den Weg zum Nationalpark Jergaki, dem Gebirgskamm des berühmten West-Sajans.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

4. Der Tag begann jeweils mit einem Impulsvortrag – einem 15-minütigen Eintauchen in ein Thema. Die russischen und deutschen Teilnehmer erarbeiteten Referate zu Themen wie „Orte der Religionsausübung in der UdSSR“, „Russisch-Deutsche Beziehungen“ oder „Jugendpolitik“. Dieses Format ermöglichte es, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und war immer wieder ein produktiver Rahmen für Diskussionen.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

5. Im salzhaltigen Wasser des Medweshje Osero (zu Deutsch „Bärensee“) wurde fröhlich gebadet. Zugleich war es die einzige Möglichkeit, sich in den Bergen zu waschen.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

6. Jeden Tag standen Wanderungen zu Naturattraktionen der Umgebung auf dem Plan: zum Gipfel des Ptiza (2 200 Meter), den Wasserfällen des Marmorsees, dem Felsen „Hängender Stein“. Das Abendessen wurde gemeinsam beim Lagerfeuer zubereitet.

Die Unterschiede überwinden

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

„Die Abende am Lagerfeuer habe ich besonders warm und herzlich in Erinnerung. Die Trennlinien zwischen Russen und Deutschen waren verschwunden, auf unterschiedliche Weise fanden wir eine gemeinsame Sprache. Das erste deutsche Wort, das ich lernte, war ‚Sternschnuppe‘. Der Satz ‚Deine Augen leuchten wie eine Sternschnuppe‘ / ‚Твои глаза блестят как звездопад‘ wurde in den deutschen und russischen Grundwortschatz unserer Gruppe aufgenommen“, erzählt Lena Burmakina.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

7. In der Sowjetzeit entstanden in der Region Krasnojarsk und in der Republik Chakassien beeindruckende Bauwerke. Eine Station der Gruppe war das Sajano-Schuschensker Wasserkraftwerk, das größte Kraftwerk Russlands. Die Bauarbeiten an der gigantischen Anlage wurden 1963 aufgenommen, offiziell jedoch erst im Jahr 2000 abgeschlossen. Beim Anblick der 241 Meter hohen Staumauer, die zu den höchsten der Welt zählt, stockte dem ein oder anderen der Atem.  

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

8. Im historisch-ethnografischen Museumskomplex Schuschenskoje machte die Gruppe sich mit der Lebensweise der sibirischen Bevölkerung am Ende des 19. Jahrhunderts und dem beginnenden 20. Jahrhundert vertraut. Auf dem Foto ist ein typisches Holzspielzeug von Bauernkindern zu sehen.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

9. Das Dorf Schuschenskoje hatte einen berühmten Bewohner. Wladimir Lenin verbrachte hier mit seiner Frau Natalja Krupskaja drei Jahre in der Verbannung. In diesem Zimmer widmete er sich intensiv wissenschaftlicher Arbeit und seinen Korrespondenzen. In den Lehrbüchern von Nadezhda Krupskaja versteckten sie zahlreiche Briefe.   

Neue Sichtweisen erschließen

Foto: Artjom SkrynnikFoto: Artjom Skrynnik

„Im Laufe des Projekts wurde mir klar, dass ich vom Zerfall der UdSSR nur sehr vage Vorstellungen hatte. In der Schule wurde uns das übliche trockene Wissen vermittelt, das mich nicht interessierte. Das Projekt eröffnete mir neue Sichtweisen auf diesen historischen Prozess. Zum Beispiel begriff ich, dass Deutschland in diesem Geschehen bei Weitem keine unwichtige Rolle gespielt hatte und dass der Zerfall des Staates angesichts dieser Politik unvermeidlich gewesen war. Oft entfachten während unserer Diskussionen über die sowjetische Politik lebhafte Kontroversen über die derzeitige Lage unserer Länder. Und oft trat eine geradezu absurd unterschiedliche Haltung zu bestimmten Problemen zutage. Es war ungemein interessant, die Gedanken der anderen zu hören und zu analysieren“, berichtet Lena Burmakina.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

10. Ein Bewohner des Freilichtmuseums Kasanowka auf einem Spaziergang. Das Museum stellt Gegenstände der Kultur und der traditionellen Lebensweise der Chakassen dar. Die Ausstellung beeindruckte nicht nur die deutschen, sondern auch die russischen Teilnehmer, denen die Traditionen Chakassiens nicht vertraut waren.

Grenzen überschreiten

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

11. Abschiedsabend. „Ich musste jeden Tag auf irgendeine Weise mit mir selbst kämpfen, und dieser Kampf brachte mich dazu, meine Grenzen zu überwinden, er zwang mich zum Nachdenken und zu neuen Einsichten. Ich freute mich wie ein Kind, wenn man mich verstand. Noch wichtiger war es für mich zu verstehen, was man zu mir sagte. Dieses Projekt ist unbedingt einer der spannendsten und farbenreichsten Momente dieses Jahres“, sagt Lena Burmakina.

 Foto: Artjom Skrynnik Foto: Artjom Skrynnik

12. Die Reise in Zahlen: 31 Teilnehmer, 18 Tage,100 Kilometer Fußmarsch. Was haben die deutschen Teilnehmer mitgenommen? Antworten in den Fragebögen: „Die Erfahrung, lange aus einem Rucksack zu leben“, „Dass man sich auch mit weniger Komfort wohl fühlen kann“, und vor allem: „Hoffnung für Deutschland und Russland“.

RBTH-Check:

Die Bildungsreise „ProStory“ konnte dank der langjährigen Zusammenarbeit zweier sozialer Organisationen stattfinden: Interra aus Russland und der deutschen Organisation MitOst Hamburg.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland