Gesichter der Revolution: Alexander Balck, Verteidiger von Petrograd

Frauen demonstrieren für ihr Stimmrecht – eine von vielen Protestaktionen während der Februarrevolution 1917 in Petrograd.

Frauen demonstrieren für ihr Stimmrecht – eine von vielen Protestaktionen während der Februarrevolution 1917 in Petrograd.

TASS
Er war der letzte Bürgermeister des zaristischen Petrograd: Alexander Balck. Konflikte und Skandale versuchte der 50-Jährige mit deutschen Wurzeln diplomatisch zu lösen. Doch bei den Umwälzungen in seiner Stadt half ihm diese Taktik nicht – am Ende gewann die Revolution die Überhand.

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Mit dem Sturz der Romanow-Monarchie endete auch Balcks Karriere in Petrograd.&nbsp;\nGlobal Look Press<p>Mit dem Sturz der Romanow-Monarchie endete auch Balcks Karriere in Petrograd.&nbsp;</p>\n
 
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„Und so ging es den ganzen Tag überall weiter. Die Menge stöhnte immerzu: ‚Brot! Brot!‘ Dabei waren ihre Gesichter lebhaft, lustig und scheinbar zufrieden mit dieser, wie es ihnen schien, Protestidee“, schrieb Alexander Balck, letzter Bürgermeister von Petrograd, wie Sankt Petersburg damals hieß, in seinen Erinnerungen an die ersten Tage der Februarrevolution 1917. Bis zum letzten Tag sollte er sich seinen Zweckoptimismus erhalten.

Von der Weichsel an die Newa

Alexander Balck. Fotoquelle: Bulla's Studio
Im Herbst 1916 wurde im noch zaristischen Petrograd die Stelle des Bürgermeisters frei. Es gab vier Kandidaten für die Nachfolge des bei der Zarenfamilie in Ungnade gefallenen Fürsten Obolenskij: der Bürgermeister und General Meier aus Rostow, der Kiewer Sicherheitsbeauftragte Spiridowitsch, der Militärgouverneur Chogondokow des Amur-Gebiets und besagter Generalmajor Alexander Balck, bislang Assistent des Oberpolizeimeisters in Warschau, wo er nicht selten auch Aufgaben seines Chefs übernahm. Chogodonkow gefiel der Zarin nicht, Spiridowitsch versagte aus Zarensicht in seiner Funktion als Leiter der Kiewer Wachschutzabteilung. Und „ein deutscher Nachname, das brauchen wir nicht“, hieß es von Zar Nikolaj als Absage an Meier. Blieb also nur Balck aus altem Petersburger Adelshause. Am 9. November trat er seinen neuen Posten in der Hauptstadt an.

Über die Wurzeln von Balck – Jahrgang 1866 – gibt es zweierlei Theorien unter Historikern: Einerseits soll er dem schwedischen Militäradel entstammt sein. Ein Vorfahre soll demnach in russischer Gefangenschaft den orthodoxen Glauben angenommen haben und geblieben sein. Die zweite – weiter zurückführende und besser belegte – Theorie besagt, dass er aus dem westfälischen Adelsgeschlecht von Balcken stammte. Als Angehörige der schwedischen Armee siedelten dann seine Vorfahren ins baltische Livland um und wechselten im 17. Jahrhundert ins russische Heer.

Balck selbst gehörte dem Petersburger Militäradel an. Aber leicht war ihm der Weg dorthin nicht gefallen: Wie Historiker belegen konnten, hat er ein gutes Dutzend Anstellungen überstehen müssen, um gerade mal Kapitän und Kommandant seiner Einheit zu werden. Darunter soll er für die Kantine zuständig gewesen sein, als Rollerfahrer für die Ärzte gedient und die Offiziersbibliothek betreut haben. Erst 1903 ging es für seine Karriere bergauf, als er zum Warschauer Oberpolizeimeister gerufen wurde. Letztlich brachte er es dort zum General.

Stürmische Zeiten

Als der Zar mit Balck dann doch einen Petrograd-Chef mit germanischem „Migrationshintergrund“ benannte, packte dieser sofort Frau und Kinder. Aber er dürfte nach seinem Umzug nach Petrograd kaum richtig zur Ruhe gekommen sein. Keine zwei Monate nach seiner Ankunft wurde der umstrittene, aber in der Petrograder Gesellschaft und der Zarenfamilie äußerst beliebte Heiler aus Sibirien, Grigorij Rasputin, im Hause des einflussreichen Grafen Jusupow ermordet. 

Balck geriet in ein Dilemma: Die Frau des Zaren, Alexandra Fjodorowna, ließ ihn eine Hausdurchsuchung bei Jusupow anordnen, was aber, da der Graf zum engsten Kreis der Zarenfamilie gehörte, nur Zar Nikolaj II. selbst hätte befehlen dürfen. Als Jusupow persönlich Balck in seinem Büro aufsuchte, entschloss dieser sich letztlich zum Handeln: Er warnte den Grafen vor. Dann blies er die Razzia ganz ab. So konnten die mutmaßlichen Täter ihre Spuren am Tatort verwischen. Balck hatte hier einen diplomatischen Schachzug gewählt, um alle Seiten zufriedenzustellen, eine Taktik, die ihm bald nicht mehr helfen würde.

Kein Brot, aber schönes Wetter

Balck hatte schon in Warschau Erfahrung in Zerstreuung und Niederschlagung von Streiks und Aufständen sammeln können. Für Petrograd arbeitete er bereits im Dezember 1916 einen Handlungsplan für derartige Notfälle aus, gemäß dem Polizei und Militär im Falle von Massenkundgebungen zusammenarbeiten sollten. Angeblich wegen zunehmender Diebstähle ließ er ab Januar regelmäßig abgelegene Fabrikbetriebe und die Strecke dorthin von berittenen Beamten kontrollieren. Am 8. Februar befahl er der Polizei: „Selbst die kleinsten verdächtigen Gruppierungen auf den Straßen und Gehwegen müssen sofort zerstreut werden. Bei größeren Truppen gilt es, sofort die Kavallerie zu holen.“

Als Balck etwa eine Woche später Brotmarken einführen wollte, streikten in der Stadt bereits fast 100 000 Arbeiter. Noch konnte die Polizei die Demonstranten immer wieder auseinandertreiben. Am 23. Februar dann nicht mehr: Die Menschenmassen protestierten gegen den anhaltenden und die Reserven verzehrenden Ersten Weltkrieg, sie forderten Brot und den Aufstand der Arbeiter.

Der Petrograder Stadtchef blieb sichtlich ruhig. In seinen späteren Aufzeichnungen erinnerte er sich an den 23. Februar so: „An diesem Tag gab es keine bösartigen Befehle. Der Tag begann normal. Es war schönes Wetter, sonnig. Minus fünf bis sechs Grad Frost bei völliger Windstille.“

Der Verlust der Macht

Der Zar war am Tag zuvor ins Hauptquartier der russischen Armee ins heute belarussische Mogiljow abgereist. Die Streikenden in Petrograd forderten seinen Rücktritt und bald schon gar ein Ende der Monarchie. Am 26. Februar ließ Nikolaj II. seinen Schießbefehl überbringen. Nacheinander verweigerten sich dem mehrere Armeeeinheiten in und um Petrograd, am Ende gingen mehrere Zehntausende bewaffnete Militärs gemeinsam mit den Streikenden auf die Straße.

Balck schrieb rückblickend über den 27. Februar: „Die Patronenfabrik ist eingenommen und auch angezündet worden. Mir wurde klar – wir haben die Macht verloren. Ich rief den Minister an und legte ihm dar, dass der Militäraufstand unüberwindbar und schnell anwächst. Bis zum Abend wird in der Hauptstadt völlige Anarchie ausbrechen (...).“

Das Schicksal der russischen Monarchie war damit besiegelt: Am 2. März dankte der Zar ab. Alexandra und Nikolaj Romanow wurden mit ihren Kindern nach Sibirien verbannt und später gemeinsam mit ihren Bediensteten im Keller eines Hauses in Jekaterinburg erschossen.

Mit dem Sturz der Monarchie endete auch Balcks Karriere in Petrograd. Bis Ende Mai verbrachte er die Zeit in mehreren Gefängnissen, dann bekam ihn seine Frau frei. Im folgenden russischen Bürgerkrieg kämpfte er aufseiten der „Weißen“, des Adels. Dann verschlug es ihn nach Jugoslawien, wo er in Tagebuchform seine Erinnerungen an „Die fünf letzten Tage des zaristischen Petrograds“ aufschrieb. Er starb 1957 im Alter von 91 Jahren in Brasilien.