Zwei Jahre Sanktionen: „Wir glauben an Russlands Zukunft“

Zwei Wirtschaftsvertreter berichten, wie Firmen sich angepasst haben.

Zwei Wirtschaftsvertreter berichten, wie Firmen sich angepasst haben.

x1klima / Flickr (BY-ND )
Zwei Jahre sind vergangen, seitdem der Westen Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängte. Russia Direct hat Wirtschaftsvertreter aus Deutschland und Frankreich gefragt, wie russische und europäische Unternehmen mit der neuen wirtschaftlichen Realität umgehen.

Die Vereinigten Staaten und die Europäische Union verhängten vor zwei Jahren Sanktionen gegen Russland, auf die Moskau mit Gegensanktionen reagierte. Als die westliche Politik die Strafmaßnahmen durchsetzte, machten europäische Unternehmer nicht den Eindruck, dass sie diese unterstützen. Zwei Wirtschaftsvertreter aus Deutschland und Frankreich berichten, wie sich Unternehmen in Russland und Europa an die neuen Bedingungen angepasst haben.

Ulf Schneider, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Schneider Group

PressebildPressebildNatürlich ist der Effekt der Sanktionen negativ. Das gilt für westliche Sanktionen und für  russische Gegenmaßnahmen gleichermaßen. Sie wirken sich beispielsweise nachteilig auf den Außenhandel aus. Ihr Einfluss ist möglicherweise nicht so stark wie die Wirkung anderer Faktoren – etwa des Ölpreisverfalls. So ging der Handel zwischen Deutschland und Russland um 50 Prozent zurück. Die Sanktionen wirken sich möglicherweise weniger stark auf den Handel aus als vielmehr auf das Geschäftsklima.

Da ist noch ein dritter Effekt: die Finanzsanktionen. Deren Folgen sind zwar schwer zu messen, viele Banken verspüren jedoch deutliche Auswirkungen auf das operative Geschäft. Und es gibt noch einen vierten Effekt: Viele Unternehmen in Europa schauen zwar auf die EU-Sanktionen, beachten aber zusätzlich auch die Sanktionen der USA. Entweder sie machen Geschäfte in den Vereinigten Staaten und haben Angst, diese zu verlieren. Oder sie haben eine Repräsentanz in den USA, wodurch sie ebenfalls direkte Folgen verspüren. Die Situation ist wirklich komplex.

Und bei deutschen Unternehmen ist das tatsächlich messbar. 2014 waren etwa 6 400 deutsche Unternehmen in Russland registriert. Ende 2015 sank die Zahl auf 5 800 Firmen. Rund 600 Unternehmen haben Russland also verlassen. Einige haben vielleicht Nullgeschäfte gemacht und sich letztendlich entschlossen, aus Russland wegzugehen.

Tatsächlich gibt es aber nur wenige Beispiele deutscher Unternehmen in Russland, die sich wegen der Krise entschlossen haben, ihr Geschäft aufzugeben. Normalerweise haben Geschäftsschließungen viele andere Ursachen. Ich kenne kein einziges deutsches Unternehmen, das wegen der Sanktionen schließen musste. Deutsche Unternehmen sind für ihre Nachhaltigkeit bekannt – einem Markt wie Russland bleiben sie auch auf lange Sicht treu. Das liegt unter anderem daran, dass sie größtenteils Klein- und Mittelständler sind, inhabergeführte Firmen. Veränderungen an der Börse sind für sie weniger relevant als gute Beziehungen zu ihrem Auslandspartner.

Emmanuel Quidet, Präsident der französisch-russischen Handelskammer

Die Sanktionen zielten darauf ab, Russland einen Schlag zu versetzen – insbesondere die Finanzsanktionen. Russlands Wirtschaft bekommt keine Langzeitfinanzierung, daher ist es für russische Unternehmen besonders schwer, in Langzeitprojekte zu investieren. Die Reaktion der russischen Regierung, die Importsubstitution und die lokale Wirtschaft zu fördern, war ganz natürlich. Und in einigen Bereichen haben diese Maßnahmen auch funktioniert – aber nicht im Technologiesektor, weil Technologien schwer zu ersetzen sind.

PressebildPressebildIn der Landwirtschaft zumindest hat das bestens funktioniert. Ein Unternehmen aus Frankreich hat ein Joint-Venture mit den Russen gegründet und stellt jetzt französischen Käse in Russland her. Sie sehen das auch an der Schweinefleischproduktion: Russland hat beschlossen, seine Subventionen für die lokalen Produzenten aufzustocken, um schneller unabhängig zu werden. Das hat ebenfalls gut funktioniert.

Das hat zur Folge, dass französische und europäische Unternehmen nie mehr den Stand von vorher erreichen werden: Sie können ihre Marktanteile nicht mehr zurückgewinnen. Daher schaden diese Sanktionen auch Europa. Viele europäische Unternehmen verlieren jetzt, und wenn die Sanktionen aufgehoben werden, erreichen sie das Vorher-Niveau nicht mehr.

Russland hat einen neuen Weg gefunden, Geschäfte zu machen. Die Schweinefleischhersteller zum Beispiel werden nie wieder aus Europa importieren. Und selbst im Bereich der Technologien: Statt sie in Europa einzukaufen, kommen sie jetzt aus China. Das wird auch so weitergehen, weswegen nichts mehr so sein wird, wie es war.

Trotz dieser Rückschläge haben sich französische Unternehmen natürlich angepasst. Dabei ist nicht jeder Wirtschaftssektor in gleicher Weise betroffen. Die Bauwirtschaft und die Autoindustrie sind sehr stark betroffen. Die Pharmaindustrie aber hat die Auswirkungen der Sanktionen weitaus weniger verspürt und macht sich eigentlich recht gut.

Momentan gibt es offenkundig wenige Investitionen in Russland. Nehmen wir aber die französischen Unternehmen, so waren sie die ersten und größten Auslandsinvestoren in den Jahren 2014 und 2015. Mit Auchan, Renault und Societé Generale war Frankreich der größte ausländische Arbeitgeber in Russland. Nicht ein einziges der 1 200 französischen Unternehmen hat Russland verlassen. Sie haben sich angepasst und investieren weiterhin. Warum setzen wir die Investitionen fort? Weil wir an Russlands Zukunft glauben. Wirtschaft ist kein Wohltätigkeitsverein: Wir glauben an die Zukunft. Und Russland hat definitiv eine Zukunft.

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst in Englisch bei Russia Direct.

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