Die dunkle Seite der Macht: Wie die zwei größten Zaren ihre Herrschaft sicherten

Geschichte
ALEXEJ TIMOFEJTSCHEW
Im 18. Jahrhundert, auch bekannt als Jahrhundert der Erleuchtung, überschwemmte eine neue Macht Europa: Russland. Erst machte Peter I. das Land zu einer See- und Großmacht, später vergrößerte Katharina II. seinen Einfluss. Ein so großer Erfolg aber kommt niemals von ungefähr und so hat auch diese Medaille eine zweite Seite: Grausam stabilisierten die Herrscher ihre Position.

Peter der Große: Exekutionen für die Europäisierung

Peter I. war ein leidenschaftlicher Herrscher. So ambitioniert er sein Land nach europäischem Vorbild modernisierte, ebenso aktiv vermochte er, seine Feinde einzuschüchtern. Allein wie er 1698 den Strelzy-Aufstand niederschlug, schockierte seine Zeitgenossen.

Die Strelzy (deutsch: Schützen) waren eine Elitetruppe der zaristischen Armee ähnlich der Prätorianergarde im Alten Rom. Ende des 17. Jahrhunderts gab es rund 50.000 dieser Strelzy. Aber Peter I. hatte sie auf dem Kieker, seit sie mehrheitlich seine politischen Kontrahänten unterstützen, um seine Modernisierungsbemühungen zu untergraben. 

Schon 1682, dem Jahr, in dem Peter I. an die Macht kam, waren die Strelzy in einen anderen Auftand verwickelt gewesen und ihre Rolle war dem neuen Zaren auch da schon zu gefährlich: Er war damals zwar erst zehn Jahre alt, erinnerte sich jedoch lange daran, dass sie es waren, die seine Mutter und ihn für Jahre von der Macht fernhielten und seine Schwester Sofia vorzogen. Der junge Monarch sah damals, wie die Strelzy seine Verwandte in den Kreml zerrten.

Möglicherweise ist es dieses Ereignis, das die Brutalität Peters I. gegen die Strelzy 16 Jahre später erklären kann. Über 4000 Eliteschützen ließ er verhaften und schrecklich foltern. Mindestens 1000 von ihnen überlebten dies nicht. Die meisten wurden auf dem Roten Platz enthauptet. Manche Quellen behaupten gar, Peter I. habe einige der ersten Köpfe sogar persönlich abgeschlagen, bevor er das Amt des Henkers an seine Adligen weitergab. Einige Soldaten, die sich allzusehr zur Wehr setzten wurden direkt vor den Klosterfenstern, wohin Sofia mittlerweile geschickt worden war, gehängt. Monatelang sollen sie dort gehangen habem - auch, um der Schwester klarzumachen, dass ihr Bruder und neuer Zar ihre Mitstreiter unschädlich gemacht habe.

Der Historiker Lew Gumiljow schrieb darüber: "Die Niederschlagung des Strelzy-Aufstandes 1698 gilt als letztes großes Ereignis, bevor die Moskauer Rus [unter Peter dem Großen] zum Russischen Imperium transformiert wurde."

Aber Sofia sollte nicht das einzige Opfer der grausamen Seite Peters I. in seiner Verwandtschaft bleiben: Der Zar beschuldigte zwanzig Jahre nach dem Strelzy-Aufstand seinen eigenen Sohn Alexej der Beteiligung an einer Verschwörung ausländischer Kräfte und seinen Reformgegnern. Noch bei der Befragung soll Peter seinen Sohn persönlich gefoltert haben, heißt es: Unter anderem soll er ihm Nadeln unter die Fingernägel geschoben haben. Alexej wurde von seinem Vater für schuldig befunden. Und enthauptet.

Katharina die Große: Karriereleiter über Leichen 

Jekaterina II. bestieg den Zarenthron in einer Zeit, die später als Epoche der Palastrevolten in die Geschichte eingehen sollte. Wir ihre direkten Vorgänger kam auch sie durch die Unterstützung ihrer Elitegarde an die Macht. Sie setzte ihren Mann Peter III. 1762 ab. Und wenige Tage später wurde er tot aufgefunden.

Ob Katharina etwas mit dem Mord an ihrem Mann zu tun hat, ist zwar nicht belegt. Aber die Gerüchte gehen natürlich geradezu davon aus. Offiziell starb Peter III. an einer Hämorrhoidal-Kolik, viele Historiker jedoch geben an, dass er von Anhängern der neuen Zarin ermordet wurde. Und auch ihre Zeitgenossen schenkten der offiziellen Todesursache keinen großen Glauben. Ihr gewünschtes Image als progressive Reformerin, die mit Voltaire und Diderot korrespondiert und sich als Teil der Europäischen Aufklärung sieht, hatte damit schon mit dem Machtantritt erste Risse bekommen. 

Historiker allgemein neigen zu einer gewissen Sympathie für die Zarin. Sie führte das Land in ein Goldenes Zeitalter und ihr Vorgänger wurde zunehmend als Schwächling angesehen, der leicht von dem preußischen König Friedrich dem Großen manipuliert werden konnte. Der angesehene russische Historiker Sergej Solowjow nannte Peter III. gar einen "fremden Zar" und "eingeschworenen Feind" des Russischen Reiches.

Der zeitgenössische Geschichtswissenschaftler Wassilij Kljutschewskij schrieb, dass die unrechtmäßig erworbene Herrschaft Katharina II. Russland letztlich mehr gebracht habe als Peters Kabinett.

Während ihrer Regierungszeit verlor dann allerdings noch ein Zar sein Leben: Iwan VI. „regiert“ ein gutes Jahr – allerdings in einem Alter von nur zwei Jahren. Elisabeth I. versuchte 1741, die Macht an sich zu reißen. Beide wurden letztlich verbannt, Iwan sogar für den Rest seines Lebens inhaftiert. Da er mit kaum einer Menschenseele in Kontakt kam, verlor er, das ist belegt, den Verstand und wurde 1764 bei einem misslungenen Befreiungsversuch getötet. Die Gefängniswärter hatten die eindeutige Anweisung bekommen, dass Iwan niemals lebend das Gefängnis verlassen dürfe.