Ein Schwarzer unter Roten: Die schwierige Geschichte eines US-Amerikaners in Stalins Sowjetunion

Robert Robinson (1907 - 1994) verbrachte 44 Jahre in der Sowjetunion. Er wollte das Land mit modernisieren, obwohl er selbst kein Kommunist war. Er verließ die USA vielmehr, um dem dortigen Rassismus zu entkommen und gutes Geld zu verdienen. Aber weit entfernt vom Ku-Klux-Klan, musste er nun den Stalinismus überleben.

„Du schwarzer Affe, du solltest vor einer halben Stunde hier sein. Konntest du dein Gesicht nicht schneller hierher bewegen? "

Das waren die ersten Worte, die der 23 Jahre junge, afroamerikanische Ingenieur Robert Robinson, eines schönen Tages im Jahr 1930 von seinem Chef der Ford Motor Company in Detroit hörte. Dieser hatte Robinson in sein Büro gerufen, um eine wichtige Angelegenheit zu besprechen…

Systemischer Rassismus

Ingenieur Robert Robinson

In den USA herrschten damals schwierige Zeiten: Neben wirtschaftlichen Schwierigkeiten war der Rassismus sehr weit verbreitet – bis in die Staatspolitik hinein. Robinson war damals der einzige schwarze Angestellte in der Ford-Fabrik mit 700 Mitarbeitern. Und als solcher wurde er jeden Tag verachtet, beleidigt, diskriminiert.

Doch dann erhielt er von unerwarteter Seite ein tolles Angebot: Die Sowjetunion bot ihm ein monatliches Gehalt von 250 Dollar (im Gegensatz zu ​​140 Dollar bei Ford) plus Unterkunft und Reisen, wenn er als qualifizierter Fachmann dabei helfen sollte, m das Land zu industrialisieren und eine kommunistische Gesellschaft aufzubauen. Den inneren Fachkräftemangel versuchte Moskau damals intensiv durch das Anwerben von Ausländern zu kompensieren.

Robinson erinnert sich in seinen Memoiren:

„Damit sollte ich in der Lage sein, meine Mutter nach New York zu bringen. Denn sie war ja  noch ohne Familie allein in Kuba.“

Als dann auch noch Robinsons Cousin in den USA einem rassistischen Lynchmob zum Opfer fiel, war seine Entscheidung gefallen. Robinson dachte, dass Stalins UdSSR ja nicht noch schlechter sein könnte als dieses Amerika. Und so unterzeichnete er einen Einjahresvertrag.

Stalingrad ruft

„Seit Jahrhunderten schon begrüßte New York alle Einwanderer in den USA. Aber 1930 und 1931 flohen Tausende Amerikaner aus New York in die UdSSR... vor der Arbeitslosigkeit."

So zitiert Radio Liberty Tim Tzouliadis, den Autor eines Buches über Amerikaner in der UdSSR. Sie waren gefragt, weil die Sowjets ihr überwiegend ländliches Land in eine industrialisierte Supermacht verwandeln wollten.

Und Robinson war als Farbiger für die Sowjets doppelt attraktiv – er konnte auch noch für Propaganda „verwendet“ werden. Barbara Keys, Historikerin an der Universität von Melbourne, schrieb über Robinsons Fall:

„Die Kommunistische Partei der Sowjetunion hat sich im Rahmen ihrer Bemühungen um internationale Unterstützung für rassische Gleichberechtigung, einschließlich der sozialen und politischen Gleichstellung der Schwarzen, eingesetzt."

Afroamerikaner kamen in den 1920er und frühen 1930er Jahren in die UdSSR. Sie klärten über den Rassismus in Amerika auf und lobten die Toleranz der Sowjets. Das Problem mit Robinson, der in einer Fabrik in Stalingrad (heute Wolgograd, 969 km südlich von Moskau) arbeitete, war, dass er aber gar nicht unbedingt den Kommunismus fördern wollte.

Unerwünschter Ruhm

"Meine grundlegenden Überzeugungen stehen in völliger Opposition zur Partei und zum Sowjetregime. Ich bin kein Atheist. Ich glaube an Gott. (…) Aber im Gegensatz zum Trauma der Anfangszeit bei Ford lief alles ziemlich reibungslos."

Seine sowjetischen Kollegen erwähnten nie Herkunft oder Hautfarbe, und als Robinson zum ersten Mal mit Rassismus konfrontiert wurde, waren da zwei weiße Amerikaner beteiligt, die ihn angriffen, als er am Wolga-Ufer entlangspazierte. Er konnte sie abzuwehren. Mehrere Tage lang schrieb die sowjetische Presse über den Fall. Die Verbrecher wurden in die USA ausgewiesen. Robinson wachte berühmt auf. Unfreiwillig.

"Viele betrachteten mich als einen Helden, was ich aber wirklich nicht verstehen konnte",

Genosse Robinson und die Säuberungen

Als geschickter Ingenieur verlängerte Robinson seinen Vertrag und zog 1932 nach Moskau. Dort nahm er eine Stelle in einer Kugellagerfabrik an. Als er dann aber 1933 in die USA zurückkehrte, war er enttäuscht:

"(Das Leben in den USA während der Weltwirtschaftskrise) widersprach dem lebendigen Geist der russischen Arbeiter so sehr."

Also beschloss er, noch länger in Moskau zu bleiben. Im Jahr 1934 stimmten seine Kollegen und andere Arbeiter für ihn als Kandidaten für den Moskauer Sowjet (Stadtrat), obwohl Robinson kein Mitglied der Kommunistischen Partei war. Er übernahm den Posten, obwohl er starke Zweifel daran hegte.

Denn er hatte reichlich Grund zur Sorge: In den 1930er Jahren nahmen Stalins rücksichtslose Säuberungen zu. Robinson kannte viele Menschen, die verschwanden, verhaftet und erschossen wurden. Viele seiner russischen Freunde, normale Arbeiter, wurden Opfer.

"Mein amerikanischer Pass rettete höchstwahrscheinlich zu einer Zeit mein Leben, als Tausende unschuldiger Menschen täglich durch die staatlich organisierte Hexenjagd verschwanden."

Umweg nach Hause

Obwohl Robinson Angst vor Stalin hatte, fand er die Lage in den USA doch noch viel schlimmer.

„Ich habe die byzantinische Arbeitsweise des sowjetischen Systems kennengelernt, und ich habe mich selbst diszipliniert, um nicht auszufallen."

Er überlebte so den Zweiten Weltkrieg, als er aus Moskau evakuiert wurde. Aber während des Kalten Krieges versuchte er, in die USA zurück zu gelangen.

Das allerdings war gar nicht so einfach, und bis 1976 wurde sein jährlicher Antrag auf Ausreisevisum abgelehnt. Dann jedoch gelang es ihm, nach Uganda zu reisen und von dort aus in die USA zurückzugehen. Schließlich war er ja doch Amerikaner. Und 1993 noch schrieb er:

„Borschtsch ist gut, aber Bratkartoffeln, Süßkartoffeln und pfeffrig-heißer Hühnereintopf sind besser."

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