Lenin paradox: Das erstaunlich widersprüchliche Leben des Wladimir Uljanow

Getty Images
Ob marxistischer Messias oder unerbittlicher Diktator: zu Lenin kann man unterschiedlicher Meinung sein. Doch unzweifelhaft steht fest, dass er ein sehr außergewöhnlicher Mann war.
  1. Lenin machte Arbeiter so wichtig wie Anzugträger 

Wladimir Uljanow („Lenin“ ist ein Pseudonym) wurde am 22. April 1970 in eine bürgerliche Familie geboren. Sein Vater Ilja war Direktor einer öffentlichen Schule. Der junge Wladimir erhielt eine klassische Ausbildung, was unter anderem bedeutete, Hunderte von Stunden Latein und Griechisch zu pauken. 

Außerdem war sein Großvater mütterlicherseits Landbesitzer und Adliger. Bis in die 1890er Jahre lebte er in Kasan, Samara und St. Petersburg, arbeitete als Anwalt und kleidete sich in Frack und Zylinder. 

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Lenin kein wahrer Revolutionär war. Er hatte in seiner Jugend auch ein Beispiel für den Kampf gegen das russische Regime kennengelernt. Sein älterer Bruder Alexander hatte sich einer Verschwörung zur Ermordung des Zaren angeschlossen und wurde hingerichtet. Lenin kommentierte die Attentatspläne mit den Worten: „Nein, wir werden einen anderen Weg gehen. Das ist kein Weg für uns.“ Er wollte nicht den Zaren töten, er wollte das ganze System stürzen.  

  1. Vor 1917 war Lenin eine Last für sein Umfeld 

1895 wurde der in St. Petersburg lebende Lenin verhaftet und nach Sibirien ins Exil geschickt. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits alles verinnerlicht, was Marx, Engels und Dutzende andere sozialistische Denker über den Klassenkampf und die Aussichten auf einen Sturz des Kapitalismus geschrieben hatten. 

Als Lenin 1900 nach Europa floh, war er bereits ein prominenter Philosoph und Redner. Viele europäische Sozialisten hatten keine Vorstellung davon, dass er auch ein wirklich unangenehmer Zeitgenosse sein konnte. Abgesehen von gelegentlichen marxistisch motivierten Aktivitäten wie der Veröffentlichung der illegalen Zeitungen „Iskra“ und „Prawda“, der Verbreitung des Marxismus unter Arbeitern und der Beteiligung an der gescheiterten Revolution von 1905, war Lenins Hauptbeschäftigung, Zwietracht unter den Marxisten zu säen.  

Im Jahr 1902, nach dem 2. Kongress der Russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (RSDRP), teilten sich die russischen Sozialisten in zwei Fraktionen auf. Lenin führte die orthodoxeren Bolschewiki an und unternahm 15 Jahre lang keinerlei Anstrengungen, sich mit den früheren Genossen, den Menschewiki, zu vereinen. Selbst innerhalb der Bolschewiki tolerierte er niemanden, der nicht seiner Meinung war und vergraulte diese „Gegner“. 

Lew Danilkin, der Autor der jüngsten Lenin-Biographie (erschienen 2017), nennt Lenin „einen professionellen Sezessionisten“. Er bezeichnet Lenin als einen ziemlich machiavellistischen Typus Politiker: zynisch und rücksichtslos. Doch Danilkin schreibt auch: „Lenin hat es geschafft, eine effektive und zuverlässige Struktur [loyaler Bolschewiki] aufzubauen, die er nutzen konnte.“

  1. Nach der erfolgreichen Revolution wollte er eine weitere 

Im März 1917, nach den Jahren des verheerenden Ersten Weltkriegs und der Wirtschaftskrise, musste Nikolaus II. abdanken - die Februarrevolution wurde gewonnen und die Monarchie gestürzt (der damals 47-jährige Lenin hatte nichts damit zu tun). 

Die Übergangregierung beschloss eine konstituierende Versammlung zu bilden. Alle, einschließlich der weniger hartgesottenen Bolschewiki (zum Beispiel Joseph Stalin), freuten sich sehr über den ersten Sieg der Demokratie in Russland. 

Im April kehrte Lenin aus der Schweiz zurück und erklärte in seinen Thesen: Das reicht nicht! Er behauptete, dass Russland gerade „von der ersten Stufe der Revolution zur zweiten Stufe übergeht, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Bauern legen muss“.

Mit anderen Worten: Lenin wollte eine weitere Revolution, um die Bourgeoisie und ihre falsche Demokratie zu stürzen und einen echten Arbeiterstaat aufzubauen. Seine Partei verhielt sich loyal und so entzündete Lenin die Herzen der Arbeiter und Bauern mit Versprechen von Land und Frieden. Im November 1917 hatte er seine zweite Revolution.  

  1. Ein hingebungsvoller Revolutionär erschafft einen Unterdrücker-Staat 

Unter der Führung Lenins gewannen die Bolschewiki den Bürgerkrieg von 1917 bis 1922 und bauten ab 1922 auf den Ruinen des alten Reiches einen neuen Staat - die UdSSR auf. Aber die Praktiken dieses Staates waren sehr grausam. Lenin hatte keine Skrupel, seine politischen Gegner zu eliminieren. Der Rote Terror zwischen 1917 und 1922 kostete nach verschiedenen Schätzungen 500.000 bis eine Million Menschen das Leben. Zum Vergleich: Im zaristischen Regime wurden zwischen 1875 und 1912 etwa 6.000 Menschen hingerichtet.  

„Es wurden ganze Gruppen beseitigt, Adelige, Geistliche, Kaufleute, Kosaken, ländliche Bourgeoisie, um eine neue sozialistische Gesellschaft aufzubauen“, erklärt der Historiker Kirill Alexandrow. Lenin hätte diesen Satz bestätigt. „Wir müssen die Energie eines groß angelegten Massenterrors gegen Konterrevolutionäre fördern“, schrieb er 1918. Sein Ziel war es, einen von der Kommunistischen Partei regierten Staat aufzubauen, der die Massen in eine klassenlose, ideale Zukunft führt. Daran glaubte er aufrichtig. Den Staat hat er errichtet, doch die klassenlose Zukunft ließ auf sich warten. 

  1. Nachdem er alles erreicht hatte, kam die große Leere und Lenin starb 

Lenin hatte keine Zeit zum Triumph - stattdessen widmete er sein Leben ganz der Organisation des neuen Sowjetstaates und seiner politischen und wirtschaftlichen Systeme. Das war harte Arbeit.

Schließlich erlitt Lenin zwei Schlaganfälle (1922 und 1923), die den charismatischen, energischen Führer in den erbärmlichen Schatten eines Mannes verwandelten. Lenin saß fortan im Rollstuhl. „Er konnte nicht sprechen, verstand aber alles, was mit ihm geschah. Das war schrecklich. Sein Gesicht war voller Leiden und Scham“, schrieb Michail Awerbach, einer seiner behandelnden Ärzte. Was den Körper eines Mannes Anfang 50 so zerstört hatte, bleibt ein Rätsel. 

Die offizielle Version, die 1924 veröffentlicht wurde, besagt, dass Lenin an Arteriosklerose gestorben ist. Eine andere Theorie deutet darauf hin, dass Lenin möglicherweise an Syphilis erkrankt war und dies ihn das Leben kostete. Das wäre, obwohl es in den 1920er Jahren in Russland durchaus möglich war, sich auch ohne Sexualkontakt mit dieser Krankheit anzustecken, keine gute Presse gewesen. Daher entschied sich die sowjetische Führung, darüber Stillschweigen zu bewahren. 

Für Lenin, der sein Leben damit verbracht hatte zu arbeiten, zu kämpfen, zu schreiben, zu reisen - im Grunde immer in Aktion – muss diese Hilflosigkeit auf jeden Fall schrecklich gewesen sein.  Er starb am 21. Januar 1924. Nach seinem Tod wurde er im Mausoleum aufgebahrt, wo er die folgenden 60 Jahre als eine Art kommunistische Gottheit angebetet wurde. 

Das war vielleicht das größte Paradox seines Lebens: Ein Mann, der ein Reich zerstört hatte und die fleischgewordene Revolution war, wurde zum Denkmal, zum Porträt, zum Zitat, was die meisten Russen nur noch langweilt.  

>>> Gesichter der Revolution: Wladimir Lenin, Führer der Bolschewiki

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung ausschließlich unter Angabe der Quelle und aktiven Hyperlinks auf das Ausgangsmaterial gestattet.

Weiterlesen

Diese Webseite benutzt Cookies. Mehr Informationen finden Sie hier! Weiterlesen!

OK!