Umarmung mit Göring, Essen mit dem Henker: Geschichten einer sowjetischen Dolmetscherin in Nürnberg

Geschichte
ALINA CHOCHLOWA
Beim Nürnberger Prozess gegen NS-Verbrecher waren etwa 40 Dolmetscher Bestandteil der sowjetischen Delegation. Tatjana Stupnikowa, 22, war eine von ihnen. Sie lernte dort ihren zukünftigen Ehemann kennen, fiel Hermann Göring in die Arme, dolmetschte im Beisein einer lebenden Schnecke und vieles mehr.

Ursprünglich sah es so aus, als würde Stupnikowa nicht an dem außergewöhnlich wichtigen Nürnberger Prozess teilnehmen: Eine parteilose Tochter bestrafter „Volksfeinde“ durfte ja schließlich nicht Mitglied der sowjetischen Delegation sein! Doch als der Prozess begann, wurde klar, dass es einen akuten Mangel an sowjetischen Dolmetschern gab. Der NKWD wurde angewiesen, schnell neue Leute zu finden, und Stupnikowa wurde zu General Iwan Serow, dem Stellvertreter des NKWD-Chefs Lawrentij Berija, gerufen.

„Die Audienz war sehr kurz: ,Ich wurde darüber informiert, dass Sie in der Lage sind, simultan zu dolmetschen...ʻ Ich schwieg, weil ich keine Ahnung hatte, was der Begriff ,Simultandolmetschenʻ bedeutet. Damals gab es für mich nur Übersetzen und Dolmetschen“, schrieb Tatjana Stupnikowa später in ihren Memoiren Nichts als die Wahrheit.

Zwei Tage später landeten Tatjana und drei ihrer Kollegen in Nürnberg. Auf sie wartete ein ganzes Jahr Arbeit auf dem wichtigsten Prozess gegen NS-Verbrecher. Stupnikowa kehrte erst im Januar 1947 nach Hause zurück.

Das Kennenlernen ihres zukünftigen Ehemanns

Da sie an diesem ersten Tag lange arbeitete, bemerkte Tatjana nicht, dass ihre Kollegen das Büro bereits verlassen hatten und auf dem Weg zum Bus waren, der sie zu den ihnen zugewiesenen Villen am Stadtrand bringen sollte. Daher musste sie alleine den Weg zum Ausgang finden, aber die Gänge des Justizpalastes erwiesen sich als Labyrinth.

Als sie sich schließlich verirrt hatte, versuchte sie, durch eine Tür ohne Aufschrift zu gehen, doch im selben Moment wurde sie von zwei US-Militärpolizisten ergriffen und in den Gefängnisraum gebracht, berichtet die Dolmetscherin in ihren Memoiren. Tatjanas größte Befürchtung war damals, dass die Leitung der sowjetischen Delegation davon erfahren und das Ganze als ein „Geheimtreffen“ mit Ausländern interpretieren würde. Dies hätte eine jahrelange Haft in Arbeitslagern zur Folge haben können.

Doch bald darauf stürmte ihr Kollege, der Dolmetscher Konstantin Zurinow, in Begleitung von drei amerikanischen Soldaten in den Raum. „,Endlich habe ich dich gefundenʻ, waren seine ersten Worte, die wir uns dann so oft gegenseitig sagten“, beschreibt Stupnikowa die erste Begegnung mit ihrem zukünftigen Mann.

„Die letzte Frau in Görings Armen“

Anfang August 1946 eilte Tatjana Stupnikowa zum Dolmetscher-„Aquarium“. Sie lief den Korridor entlang, rutschte plötzlich aus und wäre gestürzt, hätte nicht „jemand Großes und Starkes sie aufgefangen“.

„Als ich zu mir kam und zu meinem Retter aufblickte, sah ich das lächelnde Gesicht von Hermann Göring vor mir, der mir ins Ohr flüsterte: ,Vorsicht, mein Kind!ʻ“, erinnert sich Stupnikowa an diese Begegnung.

Als Tatjana den Saal betrat, kam ein französischer Korrespondent auf sie zu und sagte auf Deutsch, dass sie nun die erlesenste Frau der Welt sei: „Sie sind die letzte Frau in Görings Armen. Verstehen Sie das etwa nicht?“

Stupnikowa wusste den Scherz des Franzosen jedoch nicht zu schätzen. Am 16. Oktober 1946 beging Hermann Göring, der zum Tod durch den Strang verurteilt worden war, schließlich Selbstmord, indem er zweieinhalb Stunden vor seiner Hinrichtung eine Zyankalikapsel schluckte.

Mittagessen mit dem Henker

In der Kantine des Justizpalastes gab es ein Selbstbedienungssystem, und im Saal waren nicht genügend Plätze für alle vorhanden. Eines Tages sah Tatjana, mit ihrem Tablett in der Hand, einen Tisch, an dem nur ein amerikanischer Stabsfeldwebel saß. Die sowjetische Dolmetscherin setzte sich zu ihm, denn es gab keine anderen freien Sitzplätze mehr. Der Mann fiel ihr durch sein hilfsbereites Auftreten auf – er brachte ihr Servietten, da keine auf dem Tisch lagen, reichte ihr den Salzstreuer und erklärte, so erinnerte sich Stupnikowa, dass er bereit sei, alles für sie zu tun, was sie von ihm verlange.

Die Landsleute der Dolmetscherin saßen in der Nähe und gaben ihr einige mysteriöse Zeichen, die die Dolmetscherin verwirrten.

In der Zwischenzeit brachte ein Oberfeldwebel vier Portionen von Tatjanas Lieblingseis. Das war überraschend, denn in der Kantine des Justizpalastes wurde nur ungern Nachschlag gereicht. Tatjana vermutete endgültig, dass etwas nicht stimmte. Sie konnte jedoch nicht widerstehen und aß noch zwei Portionen der Nachspeise, bevor sie den Tisch verließ, obwohl der Mann sie bat, noch ein paar Minuten zu bleiben.

Im Arbeitszimmer erfuhr sie von ihren Kollegen, dass sie mit dem angestammten Henker John Woods zu Mittag gegessen hatte. Obwohl das Kriegsgericht noch nicht beendet war, war Woods im Vorfeld nach Nürnberg gereist, um die Zuverlässigkeit des Galgens zu überprüfen.

Ein Maskottchen in Form einer Schnecke

Vor der Eröffnung eines der Prozessen traten zwei französische Journalisten an Tatjana heran und überreichten ihr ein lebendes Exemplar jener großen braunen Schnecken, die normalerweise in Weinbergen in Deutschland und Frankreich zu finden sind. Die Schnecke, so versicherten sie, sei der beste Talisman bei Übersetzungsprobleme. Tatjana nahm das Weichtier entgegen und eilte zu ihrem Arbeitsplatz. Sie tauchte sie in ein Glas Wasser und machte sich an die Arbeit.

Ein paar Tage später erschien ein Bild von Stupnikowa und ihrer Schnecke in einer Lokalzeitung. Die Bildunterschrift lautete: „Die Überwindung des Aberglaubens in der Sowjetunion ist gescheitert. Die russische Dolmetscherin trennt sich nicht von ihrem Talisman.“

Eigentlich sollten die Bürger in der UdSSR eine negative Einstellung zum Aberglauben haben – er wurde als Relikt der Vergangenheit betrachtet. Die Zeitungsmeldung blieb jedoch weitgehend unbemerkt und die Schnecke fuhr schließlich zusammen mit der Dolmetscherin nach Moskau.

Das Leben nach dem Nürnberger Prozess

Am 1. Oktober 1946 wurde das internationale Tribunal aufgelöst. Anschließend arbeiteten die sowjetischen Dolmetscher drei Monate lang in Leipzig, das in der sowjetischen Besatzungszone lag. Sie mussten die stenografischen Notizen korrigieren und die Übersetzung mit dem Original vergleichen.

Anfang Januar 1947 reisten Stupnikowa nach Berlin und von dort nach Moskau. Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimatstadt suchte Tatjana nach einem Job, der sich mit einem Postgraduiertenstudium kombinieren ließ. Eine solche Stelle fand sie im Ministerium für Kinematographie – Minister Iwan Bolschakow brauchte dringend Fachleute für die Übersetzung der in Deutschland erbeuteten Filme.

Tatjana wurde gesagt, dass sie für Josef Stalin persönlich arbeiten würde. Neben dem Übersetzen bestand ihre Aufgabe darin, Filme ohne Liebesszenen und Politik auszuwählen. Sie musste sich dabei auf Schwarz-Weiß-Film beschränken, da Stalin die „schädliche Wirkung“ von Farbfilmen auf seine Gesundheit fürchtete.

Eines Tages konnte die Kommission den ganzen Tag über keinen einzigen geeigneten englischen oder französischen Film finden, und alle hofften, dass der letzte Film, den Stupnikowa gesichtet hatte, die Kriterien erfüllen würde. Müde von der Arbeit bemerkte sie fasst nicht, das Farbbilder auf der Leinwand erschienen. Es handelte sich um einen Film im Film. Und Tatjana hätte fast einen fatalen Fehler begangen.

Tatjana Stupnikowa erinnerte sich an ihre Arbeit bei dem Nürnberger Prozess: „Für einen Dolmetschanfänger gibt es nichts Nützlicheres als ständiges langes Üben in einer Dolmetscherkabine mit Kopfhörern auf dem Kopf und einem Mikrofon in der Hand.“ Deshalb gebe es für einen Synchrondolmetscher für die deutsch und englische Sprache keinen besseren Ort zum Üben als ein Kriegsgericht, sowohl was den Arbeitsumfang als auch den Inhalt betrifft.

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