Wenn die Frau den Geldhahn zudreht

In der Mehrzahl der russischen Familien bestimmen die Frauen über die Ausgaben. Foto: ITAR-TASS.

In der Mehrzahl der russischen Familien bestimmen die Frauen über die Ausgaben. Foto: ITAR-TASS.

In den letzten 20 Jahren veränderte sich das russische Familienleben gravierend. Vor allem betrifft das den gemeinsamen Haushalt: Wenn früher beide Ehepartner über das Geld bestimmten, entscheidet heute nur einer.

In der Mehrzahl der russischen Familien bestimmen die Frauen über die Ausgaben. Das geht aus einer Verbraucherstudie der renommierten Higher School of Economics hervor. Selbst bei Paaren, die eine „gemeinsame Kontrolle über das Familienbudget" angaben, überlässt der Ehemann die Verwaltung des Einkommens lieber seiner Gattin. Das entspricht dem Duktus der russischen Tradition: Die Frau verwaltet den Haushalt somit auch die Finanzen.

Diese Rollenverteilung ist keineswegs neu. Der russische Dichter Alexander Puschkin beschrieb in seiner Novelle „Die Kapitänstochter" vor fast 200 Jahren eine typisch russische Familie am Beispiel eines Festungskommandanten und seiner Frau. „Seine Gattin führte das Regiment über ihn, und das fügte sich hervorragend in seine Nachlässigkeit. Wassilissa Jegorowna kümmerte sich um die Angelegenheiten seines Dienstes, um ihre Aufgaben im Haushalt und regelte alle Fragen in der Festung mit gleicher Gründlichkeit wie in ihrem eigenen Haus".

Noch Mitte der 1990er Jahre gaben bei der gleichen Umfrage 80 Prozent der russischen Ehepaare an, gemeinsam über das Einkommen zu bestimmen. 15 Jahre später sieht die Situation anders aus: Zwei Entscheider gibt es nur noch in 45,6 Prozent der Familien, 23 Prozent sprechen diese Rolle dem Mann zu, stolze 25 Prozent der Frau.

Von Demokratie zur Diktatur


Der Übergang von der „Demokratie" zur „Diktatur" eines Ehepartners lässt sich leicht erklären. Diljara Ibragimowa, Dozentin an der Fakultät für Wirtschaftssoziologie der Higher School of Economics, legte unlängst eine Studie zur Einkommensverteilung in russischen Familien vor. Diese veränderte sich in den letzten Jahren grundlegend.

Verdienten in den 1990er Jahren noch beide Ehepartner etwa gleich viel, so differieren ihre Einkommen heute stark, genauso der berufliche Status. Nicht selten sind inzwischen erwerbsuntätige Männer an Seite erfolgreicher Geschäftsfrauen. Von finanzieller Gleichstellung kann keine Rede mehr sein.

Entsprechend verlagerten sich auch die Entscheidungskompetenzen über das familiäre Budget. In den einkommensschwächeren Haushalten wacht darüber die Frau, in den einkommensstärkeren der Mann. „Die Wahl

Modells hängt von der ‚Haushaltsstrategie' ab. Wenn eine Familie sparsam lebt, hat die Frau die Hosen an, weil Frauen besser sparen können. Wenn die Frau aber eine gut bezahlte Position mit höherem Einkommen hat, schlüpft der Mann in ihre Rolle", erklärt Diljara Ibragimowa. Bei Ehepaaren mit akademischem Abschluss ist Gleichberechtigung indes wahrscheinlicher – Voraussetzung, dass beide Partner erwerbstätig sind. Eine nicht erwerbstätige Hausfrau muss bei ihrem „Finanzminister" häufig die Hand um ein „Taschengeld" aufhalten, manchmal sogar mit einer detaillierten Buchführung über die Ausgaben.

Die grauen EminenzInnen


Ferner stellten die britischen Soziologen fest, dass gemeinsame Kontrolle noch nicht Gleichberechtigung bedeutet. Und auch wenn das Geld in einen gemeinsamen Topf kommt: Über das Budget entscheidet häufig nur einer der Ehepartner und immer häufiger ist es die Gattin. Eine intelligente russische Frau würde das ihrem Mann aber nie offen zeigen: Schließlich möchte sie sein Selbstbild nicht verletzen – vor allem wenn sie beruflich erfolgreicher ist.

„Dieses Spiel ist für die Frau sehr wichtig: So bindet sie ihren Gatten langfristig an sich. Viel wichtiger aber ist, dass sie an ihrer starken Rolle keinen Gefallen findet", sagt Anna Pawlowskaja, Professorin an der Lomonossow-Universität Moskau, die sich seit Jahren mit der russischen Familienkultur beschäftigt. „Eine russische Frau möchte sich nach wie vor feminin fühlen, schwach und fürsorgebedürftig. Selbst wenn oder gerade weil sie so stark und emanzipiert ist".

Doch es gibt auch Paare, die ihre Finanzen unabhängig voneinander regeln. In diesen Familien verfügen die Eheleute nicht nur über getrennte Einkommen, auch ihre Ausgaben buchen sie getrennt. In Russland sind das etwa 4 Prozent. Das Modell der getrennten Buchführung dürfte sich mittelfristig aber kaum durchsetzen. Aus Umfragen geht nämlich hervor, dass Ehepaare, die nach diesem Modell leben, deutlich unglücklicher sind als jene, die ihren Haushalt gemeinsam führen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland