Start des OTR-Fernsehsenders verzögert sich

Dem Projekt "Öffentlich-Rechtliches Fernsehen Russlands" ist das Geld ausgegangen. Foto: RIA Novosti.

Dem Projekt "Öffentlich-Rechtliches Fernsehen Russlands" ist das Geld ausgegangen. Foto: RIA Novosti.

Nach dem Vorbild der BBC soll auch in Russland ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender entstehen. Das sah einer der letzten Präsidentenerlasse von Dmitri Medwedjew im April letzten Jahres vor. Doch das ehrgeizige Vorhaben, mit dem die Bürger "objektiv und allseitig über die Innen- und Außenpolitik, Kultur, Bildung und Wissenschaft informiert werden", stottert. Zumindest wird der Start des "Obschtschestwennoje Telewidenije Rossii" (Öffentlich-Rechtliches Fernsehen Russlands, OTW) in diesem Jahr nicht mehr zu erwarten sein.

Die offizielle Präsentation des OTR, die als Startschuss für das Projekt gilt, wird nicht wie angekündigt noch dieses Jahr stattfinden können. Dem Projekt ist das Geld ausgegangen. Damit gerät auch der reguläre Sendestart, der für Mai 2013 geplant war, ins Wanken.

„Wir wissen schlicht nicht, wie viel Geld wir in Summe zur Verfügung haben. Und die Detailplanung hängt natürlich davon ab, über welche Mittel unser Sender OTR verfügen wird. Haben wir 100 Rubel, können wir einiges damit anfangen, haben wir 300, dann sind wir in der Lage, ganz andere Dinge zu stemmen. Aber das muss man uns rechtzeitig sagen, damit wir planen können." So äußert sich einer der Konzeptplaner gegenüber der russischen Tageszeitung Iswestija.

Viele beteiligte Experten und Außenstehende haben Vorschläge für

Format und Inhalte des neuen TV-Senders an OTR-Generaldirektor Anatoli Lyssenko gesandt. Doch die dem Sender bis jetzt in Aussicht gestellte Summe sei „viel zu gering", wie ein Mitglied des OTR-Rates hinter vorgehaltener Hand sagt. Mit dieser Summe würde es schwierig, auch nur ein mittelmäßiges Programm auf die Beine zu stellen. Deshalb müsse die Leitung sich nun „den Kopf darüber zerbrechen, wie das Format der zukünftigen Programme, darunter News, Reality-Shows und Dokumentarfilme, aussehen kann. Viele der interessantesten Vorschläge werden wohl dem Rotstift zum Opfer fallen."

„Eine Talkrunde, die im Studio über irgendetwas diskutiert, ist das eine", meint ein Mitarbeiter des neuen Senders, „dafür braucht man nur wenig Geld. Doch eine Reality-Show, die mit neuesten Technologien produziert werden muss, spielt schon in einer ganz anderen finanziellen Liga."

Der Generaldirektor bestätigte inzwischen der Iswestija, dass die Präsentation des Senders mit großer Gewissheit auf 2013 verlegt werden muss. „Ein Konzept aufzustellen ist nicht schwer, doch das Ganze muss mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln in Einklang stehen. Kurz gesagt: Wir haben viel mehr Ideen als Geld. Das Flugzeug ist zwar konstruiert, wird aber nicht abheben können. Sie ist die finanzielle Lage. Sie bereitet uns natürlich massive Kopfschmerzen", seufzt Lyssenko.

Auch der Vorsitzende des OTR-Aufsichtsrates Michail Ostrowskij, stößt ins gleiche Horn: „Wenn wir uns bei der Erarbeitung des Konzepts von Beginn an einschränken, entsteht am Schluss kein überzeugendes Ergebnis. Die Geldfrage wird uns auf jeden Fall begleiten."

Mit der Konzeption des neuen öffentlich-rechtlichen Senders OTR, der die Vormachtstellung der staatlichen Fernsehsender brechen soll, wurde im Frühling 2012 begonnen. Von Anfang an war das Projekt von Schwierigkeiten begleitet. Kritik rief unter anderem hervor, dass der Generaldirektor des neuen öffentlich-rechtlichen Senders durch den Präsidenten des Landes bestellt wurde.

Ursprünglich sollte der neue Sender Studios, Sendeanlagen und Frequenzen des staatlichen Senders "Swesda" (Stern) erhalten und diesen Sender ganz ablösen. Nach Protesten des Verteidigungsministeriums, dem Swesda und die zugehörigen Anlagen gehören, musste dieser Plan fallengelassen werden.

Für OTW wurde daraufhin Platz im gigantischen TV-Zentrum Ostankino in Moskau gefunden. Außerdem ist zugesagt worden, dass der Sender als einer der ersten digitalen Satellitenkanäle ausgestrahlt würde und in ganz Russland zu empfangen sei.

Fernsehmoderator Nikolaj Swanidse, Mitglied der Gesellschaftskammer Russlands, mault: "Es sieht sehr danach aus, dass die Obrigkeit das Interesse am Projekt des öffentlich-rechtlichen Senders verloren hat. Warum sollte sonst die Finanzierung und in Folge die Konzeption des Senders ins Stocken geraten?" Falls sich an Geld und Tempo nichts ändere, werde der Kanal wohl nicht einmal Mitte 2014 startbereit sein. Seitdem die Regierung über die Erschütterung der Macht im letzten Winter hinweggekommen sei,escheine sie den Sender nicht mehr zu brauchen, räsoniert Swanidse.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Iswestija.