Gastarbeiter in Russland

Foto: Kommersant

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In Russland leben etwa zwölf Millionen Gastarbeiter aus ehemaligen Sowjetrepubliken. Meist arbeiten sie unterbezahlt in einfachen Jobs, als Straßenarbeiter oder Sicherheitsleute im Supermarkt. Daniel Erlemeier traf den Straßenkehrer Tolik.

In St. Petersburg ist im Dezember morgens um acht noch dunkel. Auf den Straßen meterhohe Schneeberge, die die Arbeiter beiseite gekehrt haben. Grauschwarz türmen sie sich zwischen eingeschneiten Autos auf. Schon seit fünf Uhr morgens schippt Tolik Schnee aus dem Innenhof und hackt Eis vom Gehweg. Fällt ein Anwohner, ist er seinen Job los. Deshalb schippt und hackt er noch vor dem Frühstück. Zwölf Stunden jeden Tag und das den ganzen Winter. Und der ist lang in St. Petersburg.   „Das Winter ist richtig hart hier", sagt Tolik und nimmt einen Schluck 40-prozentigen Balsam. „Ich habe Halsschmerzen und der Balsam hilft am besten", begründet er den Griff zum Flachmann noch vor Mittag.

Um 13 Uhr hat er eine Stunde Mittagspause. Tolik isst zu Hause. Von der Arbeit hat er es nicht weit. Quer über die Straße und er ist zu Hause. Tolik wohnt unweit vom berühmten Newski Prospekt im Herzen St. Petersburgs in der Marata Straße. Hier leben die gut betuchten „neuen Russen". Zwei herrschaftliche Altbauten samt Innenhof und Gehweg sind Toliks Revier.

Als er die Straße überquert, schlängelt er sich vor allem zwischen deutschen Autos hindurch. Touareg, Mercedes, Audi Q7. In Russland zeigt man, was man hat. Tolik hat kein Auto. „Brauche ich auch nicht, wohne direkt da, wo ich arbeite."

 

Zehn Quadratmeter für Drei

Beim Treppenaufstieg schnauft der 54-jährige. Er wohnt im sechsten Stock. Das Treppenhaus ist großzügig und auf den ersten fünf Stockwerken laden große Flügeltüren in die anliegenden, ebenfalls großzügig geschnittenen, Wohnungen ein. Im sechsten Stock ist nichts großzügig. Der ist ein unausgebauter Dachstuhl.


Die schwere Blechtür zu Toliks Apartment ist wenig einladend und schließt nicht richtig. Seine Wohnung hat zehn Quadratmeter, die er sich mit seinen zwei Töchtern teilt. Zwischen unverputzten Wänden liegen drei Matratzen, auf denen Tolik bittet Platz zu nehmen. „Andere Sitzgelegenheiten habe ich leider nicht." Zwischen den beiden Matratzen beginnt Tolik sein Kochgeschirr auszubreiten. Er kocht Plow, das traditionelle Reisgericht aus seiner Heimat Usbekistan. „Bei Hochzeiten bei uns im Dorf kochen wir schon mal 200 kg".

Doch erst mal muss Tolik Wasser besorgen. Fließend Wasser gibt es unter dem Dach nämlich nicht. Er muss hoffen, dass einer der Nachbarn zu Hause ist und ihn den Wasserhahn benutzen lässt. Auch eine Toilette hat er nicht. Dafür muss er aber die Nachbarn nicht fragen, denn neben seiner Wohnung befindet sich der Rest des Dachstuhls. Ein großes Areal, komplett mit Schutt bedeckt und von Tauben bevölkert. „Na, hast du schon mal so eine große Toilette gesehen?", fragt er grinsend und zeigt dabei seinen komplett zahnlosen Mund.


Das Geld reicht nicht für Fleisch im Plow

Plow wird normalerweise mit Fleisch gekocht. Doch Tolik ist gerade knapp bei Kasse, daher gibt es heute die vegetarische Version aus Tomaten, Karotten, Zwiebeln und Reis. „Meine Rechnung ist zu lang, ich muss noch für letzten Monat bezahlen", entschuldigt er sich. Tolik lässt im Kellergeschäft um die Ecke anschreiben. „Da arbeiten unsere Usbeken, die behandeln mich gut und verstehen meine Situation". Tolik verdient im Monat 6000 Rubel, das sind etwa 150 Euro. Davon schickt er 80 Euro nach Hause, an seine Frau und Enkelkinder. Miete zahlt er keine, die Wohnung stellt der Arbeitgeber. „Trotzdem reicht das Geld zum Leben kaum aus", sagt Tolik. Kaum verwunderlich: Die Lebenshaltungskosten in St. Petersburg sind etwa so hoch wie in Berlin.

„Ich fühle mich oft wie ein Sklave, arbeite den ganzen Tag und das Geld reicht kaum für Fleisch im Plov", sagt Tolik. „Aber es könnte schlimmer sein, immerhin bekomme ich meinen Lohn". Gastarbeitern wie Tolik wird ihr Gehalt oft vorenthalten. Tolik berichtet über eine Spülerin aus Usbekistan, die schon seit vier Monaten kein Geld erhalten hat. „Sie zahlen den ersten Lohn und danach bekommt man nur noch Versprechungen", erklärt Tolik die Masche der Arbeitgeber. Er selbst hat noch ein anderes Jobangebot. In einer anderen Stadt soll er als Bauarbeiter 500 Euro im Monat verdienen. Aber Tolik zögert noch. „Das klingt zu gut um wahr zu sein."

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei To4ka-Treff

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