Theaterkurse für Geschäftsleute und Politiker

Das Theater bietet Managern und Politikern eine Bühne, ihre Ängste und Hemmungen zu überwinden. Foto: Getty Images / Fotobank

Das Theater bietet Managern und Politikern eine Bühne, ihre Ängste und Hemmungen zu überwinden. Foto: Getty Images / Fotobank

Unter Russlands Top-Managern und Politikern wird Theaterunterricht immer populärer. Über seine ungewöhnliche Erfahrung als Lehrer erzählt der Schauspieler und Theaterpädagoge Sergej Schentalinskij.

Das man Politikern die Theaterkunst beibringen kann, hat man schon in den 1950er Jahren in den USA und in Großbritannien herausgefunden. Wir haben gegen das Jahr 2000 herum damit angefangen. Die erste Unterrichtsstunde war kostenlos, sozusagen als Probestunde. Es kamen ein Autohändler, ein Internet-Marktforscher und ein Immobilienmanager. Schon nach den ersten Übungen habe ich gesehen, dass ihre Augen begonnen haben zu leuchten, sie wollten sofort den ganzen Kurs belegen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon 10 Jahre an der Studio-Schule des MChat-Theaters unterrichtet und wusste nicht, was es gemeinsames zwischen den Theaterleuten und Vertretern der Geschäftswelt geben konnte. Aber es öffnete sich mir eine neue, unbekannte Welt, die interessant, stark, und kreativ war. Top-Manager sind oft talentierte und vielseitig interessierte Menschen.

Zuerst war meine Hauptmotivation das Geld. Um sich der Kunst zu widmen, braucht man ein finanzielles „Sicherheitspolster". Das ermöglicht einem Theaterprojekte zu verwirklichen. So sponserte einer meiner Schüler zwei Fahrten eines Jahrgangs der Studio-Schule des MChat nach New York, wo wir fünf Stücke aufführten, die im Kunstzentrum von Michail Baryschnikow liefen.

Ein anderer wurde zum Sponsor des Stücks „Ich habe Angst vor Liebe" im Theater.Doc, wo ich spiele. Neben den finanziellen Aspekten, zog es mich immer mehr ernsthaft aus Eigeninteresse in den Unterricht hinein.

Meine Workshops wurden immer größer und mich besuchten insgesamt ca. 300 Leute. Normalerweise beginne ich, mit der Gruppe zu arbeiten, dann arbeite ich individuell mit dem Menschen, abhängig davon, wie dessen Aufgabe im Beruf aussieht – ob er schwierige Verhandlungen zu führen hat oder wichtige Interviews geben muss. Unter meinen Schülern waren Manager von Unternehmen wie „SAS", „Technoservis", „Sberbank", „Commerzbank", „Gazprom", die Firma „Mone", „Huawei" und „RZD" usw.

Ich arbeite auch mit Politikern. Ich habe einen kompletten Kurs mit der Regierung der Region Kaluga durchgeführt, mit dem Gouverneur, allen Ministern und den Bürgermeistern der Regionalzentren. Es gibt meiner Ansicht nach eine direkte Wechselbeziehung zwischen dem Wohlergehen einer Region und den geistigen Ansprüchen ihrer Führung. In den vernachlässigten Regionen würde man einfach nicht verstehen, warum man sich mit einem solchen Schwachsinn wie Theater abgeben sollte.

Mit Top-Managern arbeite ich lieber als mit Politikern. Sie vertiefen sich komplett in den Workshop. Die Politiker führen hingegen oft nur folgsam die Anleitung des Vorgesetzten aus. Aber die Politik ist heute auch eng mit der Geschäftswelt verbunden.


Der Chef bekommt ehrliches Feedback

 Es gibt schlecht koordinierte Menschen, Menschen mit Komplexen, Menschen mit Sprachdefekten. Ein Mensch, der an der Spitze steht, so viele finanzielle und politische Geheimnisse kennt, an die Unterlegenheit der Anderen so gewöhnt ist, dass er nicht mehr versteht, ob er Recht hat, wenn

ihm niemand widerspricht, ob seine Witze witzig sind, denn alle müssen ja lachen – genau dieser Mensch macht mit den Theaterübungen eine neue Erfahrung. Sie bekommen direktes und ehrliches Feedback. Ich verwende Übungen für die Aufmerksamkeit, für Koordination, Übungen für Rhetorik und Rednerkunst, Unterricht zur Steigerung des Charmes, Arbeit mit positiver Energie. Wir machen viele Übungen, in denen man improvisieren und sich von seinen alltäglichen Komplexen lösen muss. Denn ein komplexbehafteter Mensch hat nicht nur schwache Füße und kalte Hände, er kann sich auch nicht konzentrieren. Ein Schauspieler mit Komplexen vergisst öfter seinen Text und bei einem Politiker mit Komplexen fliegen ganze Informationsblöcke aus dem Kopf. In der ersten Unterrichtsstunde lernen die Theaterschüler, wie sie aufstehen, sich setzen, sich vorstellen. Es sieht nach nichts aus, aber man kann sehr schwer natürlich wirken, wenn andere dich genau mustern.

Ich hatte bisher keine Schüler, mit denen ich nicht gerne zusammengearbeitet hätte. Ich hatte mit der Firma „Mirex-Group" zu tun, und einige Stunden war Sergej Polonskij bei mir, der mir damals interessant erschien. Wenn er mich heute angesprochen hätte, nach so vielen Skandalen, die mit seinem Namen verbunden waren, hätte ich mir allerdings zweimal überlegt, ob ich mit ihm arbeiten möchte.


Sehr persönliche Probleme

 Die Motivation von Menschen, die zu mir kommen, kann sehr persönlich sein. Einer von meinen Schülern, der Leiter einer großen Firma, gestand in einem persönlichen Gespräch, dass er für Frauen nicht mehr interessiert ist und dass er deshalb in den Unterricht für Schauspielkunst gegangen ist. Er sagte, er könne sich alles kaufen, alles nach seinen Wünschen organisieren, aber er verstehe, dass er persönlich uninteressant sei. Daher kommen alle die Komplexe, die jeder Mann an seiner Stelle hätte.

Ich hatte einen anderen Schüler, einen Chef einer großen IT-Firma. Er zeigte durch seine Körpersprache wenig Selbstbewusstsein: schlechte Haltung, mit Hemmungen, ungeschickt, und unfähig ein breites Grinsen zu

haben. Er hat sich große Mühe gegeben, bis die Schweißtropfen sogar auf der Brille standen, aber es klappte nichts und das war zu allem Überfluss für alle anderen Teilnehmer auch noch lustig.

Einmal schlug er vor, mich nach Hause zu fahren. Ich dachte, dass wir langsam mit irgendeinem Familienwagen fahren würden, aber er fuhr mit einem Sportwagen vor, öffnete das Dach, krallte sich in das Lenkrad und jagte mit so einer Geschwindigkeit durch die Straßen, ohne auf irgendwelche Verkehrsregeln zu achten, dass ich vor Angst vollgeschwitzt war. Später erfuhr ich auch, dass er Bergsteiger war, ein Segelboot und eine Fluglizenz für Sportflugzeuge inne hat. Aber er verlor sich total, wenn er in die Geschäftswelt kam, bis mein Unterricht ihn enthemmt hatte.

Im Gespräch mit diesen Menschen habe ich verstanden, dass wir Außerirdische unter uns haben, die irgendwo außerhalb unserer Welt und ihren Problemen schweben. Sie wissen wenig über uns und wir über sie. Vielleicht finden wir durch das Theater eine gemeinsame Sprache.

Der Artikel ist in der Zeitschrift des Internationalen Theaterinstituts ITI-Info Nr. 21 ersterschienen

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