Streit um Sperrgebiet: Ein bisschen Glasnost in Geheimstadt

Sarow sieht wie eine typische russische Kleinstadt aus, ist jedoch eine der 40 Städte mit „beschränktem Zugang". Foto: Andrej Solotow, RIA Novosti

Sarow sieht wie eine typische russische Kleinstadt aus, ist jedoch eine der 40 Städte mit „beschränktem Zugang". Foto: Andrej Solotow, RIA Novosti

Die Stadt Sarow im Gebiet Nischni Nowgorod ist wohl einer der geheimnisvollsten Orte im postsowjetischen Raum. Hier wurde einst die Atombombe entwickelt, die Stadt ist noch heute das Zentrum der russischen Atomenergetik. Hier befindet sich aber auch eines der bekanntesten Klöster Russlands, das jedoch isoliert ist. Die Kontroversen um die Öffnung der Geheimstadt dauern bereits seit mehreren Jahren an. Jetzt hat sich noch die Russisch-Orthodoxe Kirche in die Debatte eingeschaltet.

Mitten in der Nacht hält der Zug, mit dem ich gefahren bin, an einem kleinen Bahnhof vor einem eisernen Tor mit Stacheldraht. Mehrere Fahrgäste steigen aus und gehen zu einem Kontrollposten neben dem Tor, wo sie ihre Ausweise vorzeigen müssen. Andere Fahrgäste warten, bis ihre Papiere im Zug kontrolliert werden. Jenseits des Zauns steht ein Schild mit der Aufschrift „Sarow - Zentrum der Geistes- und Verteidigungskraft Russlands".

Das in einem dichten Wald liegende Sarow ist wohl einer der geheimnisvollsten Orte im postsowjetischen Raum. Hier wurde einst die Atombombe entwickelt und die Stadt ist immer noch ein Zentrum der russischen Atomenergetik. Hier liegt aber auch eines der bekanntesten Klöster Russlands, zu dem jedoch der Zugang gesperrt ist. Die Kontroversen um die Öffnung der Geheimstadt - ob sie nicht endlich geöffnet werden sollte - halten seit Jahren an. Nun hat sich auch die Russisch-Orthodoxe Kirche in die Debatte eingeschaltet.

„Hier beten die Menschen für den Weltfrieden und tun gleichzeitig Dinge, die diese Welt im Handumdrehen vernichten können", sagte der bekannte Ikonenmaler Pawel Busalajew im Dezember 2012 auf einem Treffen, auf dem die Einwohner Sarows und mehrere Kirchenvertreter aus Moskau und St. Petersburg über einen Ausweg aus dem Dilemma der Stadt sprachen.

 

Atomstädtchen und zweckentfremdet genutzte Kirchen

Seit 1946 war die Stadt Sarow von den sowjetischen Landkarten verschwunden - auf Dekret der Staatsführung wurde die kleine Provinzstadt in ein wichtiges Zentrum für den Bau von Atomwaffen verwandelt. Einige Waffen sind unter strengen Auflagen in einem städtischen Museum ausgestellt. Sarow eignete sich nahezu perfekt: nicht weit entfernt von Moskau, mitten in einem Wald. Außerdem waren hier bereits früher die erforderlichen Funktionsgebäude errichtet worden.

Einige von ihnen hatten vor der Oktoberrevolution zum sechstgrößten Kloster in Russland gehört. Der Glockenturm steht immer noch, allerdings ohne Glocken. Er wurde nur deswegen nicht abgerissen, weil darauf TV-Sendeantennen angebracht wurden, die erst im vorigen Jahr entfernt wurden. Die Hauptstraße der Stadt verläuft über das Gelände des im 18. Jahrhundert gebauten Klosters. Mehrere Kirchen wurden in den 1950er-Jahren gesprengt, etwa ein Vierteljahrhundert nach der Schließung bzw. dem Umbau des Klosters in ein Gefängnis und später in einen Militärbetrieb. Eine der Kirchen ist allerdings erhalten geblieben - in den Sowjetzeiten befand sich ein Theater darin.

Heute ist Sarow (besser bekannt unter seinem sowjetischen Namen Arsamas-16) stolz auf seine modernen Errungenschaften (darunter auf den größten Supercomputer Russlands, die Anlage für Laser-Thermo-Nuklear-Synthese und den Atomzertrümmerer - beide Anlagen sind die größten derartigen in ganz Europa). Das Herz der Stadt befindet sich im Nuklearzentrum, wo etwa ein Fünftel aller Stadteinwohner (92 000) arbeitet.

 

Geheimes Sarow

Sarow sieht eigentlich aus wie eine typische russische Kleinstadt, ist jedoch eine der 40 Städte mit „beschränktem Zugang". In Russlands abgeschotteten Städten leben insgesamt etwa 1,27 Millionen Russen, also nahezu ein Prozent der Bevölkerung. Die Sicherheitsvorschriften sind je nach Stadt unterschiedlich, aber in Sarow sind sie offenbar besonders streng.

Die Gegend um Sarow wird von zwei parallelen Stacheldrahtzäunen gesichert. Dazwischen liegt ein Streifen mit unterirdischen Sensoren, die jegliche Bewegungen registrieren.

Den Mitarbeitern des Nuklearforschungszentrums sind Auslandsreisen außer nach Weißrussland, Kasachstan und in die Ukraine verboten, es sei denn, es handelt sich um eine offizielle Dienstreise. Alle anderen Auslandsreisen sind für sie nur als Mitglieder von offiziellen Delegationen in Begleitung von Beamten des Inlandsgeheimdienstes (FSB) möglich. Ausländische Kollegen, die nach Sarow eingeladen werden, dürfen keine Familienmitglieder mitbringen.

Selbst die Einwohner Sarows, die nicht im Forschungszentrum arbeiten und keinen Zugang zu geheimen Informationen haben, stoßen häufig auf Einschränkungen: Sie dürfen zwar ins Ausland reisen, aber nur engste Verwandte in die Stadt einladen.

 

Wiederbelebung der Kirche ist keine einfache Aufgabe

Die strikten Sicherheitsvorschriften in Sarow machen das Vorhaben der Russisch-Orthodoxen Kirche nicht gerade leichter: den Wiederaufbau des Klosters. Im späten 18. bzw. frühen 19. Jahrhundert lebte hier Serafim von Sarow, einer der am meisten verehrten Heiligen, Wunderheiler und Prediger, der für das Finden des Heiligen Geistes durch die Liebe plädierte.

Als die Russisch-Orthodoxe Kirche 1991 die Gebeine des Heiligen Serafim zurückerhielt, konnten sie nicht im Kloster ausgestellt werden, weil einfachen Menschen der Zutritt in die Stadt verwehrt war. Die Gebeine wurden nach Diwejewo gebracht, das nur 40 Kilometer von Sarow liegt.

Dennoch bemüht sich die Russisch-Orthodoxe Kirche seit mehr als zehn Jahren um die Förderung des Klosters in Sarow. 2003, zum 100-jährigen Jubiläum der Kanonisierung des Heiligen Serafims, wurden mehrere Kirchen auf dem Klostergelände erneuert. Zu den Festveranstaltungen kamen Präsident Wladimir Putin und der damalige Patriarch Alexi II.

Serafims Zelle wurde damals ebenfalls renoviert. An der Wand hängt ein Bild aus dem frühen 19. Jahrhundert, auf dem Serafims Tod verewigt ist.

„Vor zehn Jahren hatten die Einwohner Sarows weder das Kloster noch die Kirche im Bewusstsein", sagt Sergej Tschapnin, Chefredakteur des Magazins des Moskauer Patriarchats. „Wir mussten ausführlich darlegen, dass es sich um ein Kloster mit 300-jähriger Geschichte handelt, das respektiert werden sollte."

 

Die Kirche ist willkommen, aber der Stacheldraht bleibt

Obwohl die Vertreter der Atomindustrie der Kirche entgegen gekommen sind, gaben sie sofort zu verstehen, dass die Stadt weiterhin geschlossen bleibt. „Wenn die Menschen von ihrer Mission zur Verteidigung unserer Heimat sprechen, ist ihre Seele zwiegespalten", sagt der Direktor des Forschungszentrums, Valentin Kostjukow. Nach seinen Worten könnte bzw. sollte die Kirche den Forschern helfen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. „Sie entwickeln Verteidigungswaffen, aber es stellen sich in diesem Zusammenhang viele Fragen: Warum tun sie das?!"

Dennoch bestand Kostjukow darauf, dass Sarow nicht für jedermann geöffnet werden darf. Die Zukunft des Forschungszentrums ist nach seinen Worten „eng mit dem Sonderstatus und der Sonderbestimmung der Stadt verbunden". 

Obwohl einige Einwohner Sarows darauf verweisen, dass der Top-Secret-Status der Stadt ihre Entwicklung behindert, sind viele überzeugt, dass die Stadt eben deswegen eine Art „Insel der Sicherheit in einer wild gewordenen Welt" ist. „Wenn du Teil der geschlossenen Stadt bist, fühlst du dich wohl und sicher", sagt Swetlana Rubzowa, Linguistin und Reiseführerin aus Sarow. „Es entsteht der Eindruck, dass alle Einwohner eine große Familie sind."

Besonders stark war dieses Gefühl wohl in den 1990ern, als viele geschlossene Städte nach dem Zerfall der Sowjetunion plötzlich keine finanzielle Unterstützung mehr aus dem föderalen Zentrum bekamen. „Wir haben die Stadt vor dem Chaos geschützt", findet Dmitri Sladkow, Berater des Forschungszentrums, der das oben erwähnte Treffen über die Zukunft der Stadt organisiert hatte. 

Manche Experten warnen, dass der Geheimstatus der Stadt und die Einschränkungen für Auslandsreisen junge Fachkräfte abschrecken.  Valentin Kostjukow, der Direktor des Forschungszentrums, behauptet jedoch, dass 32 Prozent der insgesamt 18 500 Mitarbeiter seien jünger als 35 Jahre.

„Das Verbot für Auslandsreisen ist offenkundig unangebracht", sagt Andrej Besusjak, ein junger Ingenieur, der seit mehreren Jahren in Sarow arbeitet. „Wir leben in einer Welt, in der Informationen frei verbreitet werden. Man muss heutzutage nicht ins Ausland reisen, um Informationen zu übergeben."

Die Kontroversen um die Zukunft der Stadt nehmen kein Ende. „Ein großer Teil Russlands ist geschlossen", so der Bürgermeister von Sarow, Alexej Golubew. „Ich verstehe nicht ganz: Ist das etwa die Norm unseres Lebens? Wird unsere Gesellschaft irgendwann vollständig abgeschottet und bleibt strukturiert und segmentiert, wobei die Mobilität der Bevölkerung niedrig sein wird, so dass nur die wenigen Großstädte richtige Metropolen bleiben? Meines Erachtens sollte Russland lernen, in einer offenen Gesellschaft zu leben... Der Weg zur völligen Schließung führt nirgendwohin."

 

Die ungekürzte Fassung diese Beitrags erschien zuerst bei RIA Novosti.

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