Alles nur geklaut

Foto: PhotoXPress

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Nicht nur in Deutschland haben mit zu Guttenberg und Schavan hochrangige Politiker ihren Doktorgrad verloren. Auch in Russland wird jetzt genauer hingeschaut und unwissenschaftliches Arbeiten aufgedeckt.

Nicht nur die deutschen Politiker schätzen es, sich mit Doktortiteln zu schmücken. Und genau wie in Deutschland wird jetzt auch in Russland genauer hingesehen, wenn es um die Doktorarbeiten bekannter Politiker geht. In den letzten Monaten wurde dabei die Glaubwürdigkeit der Doktorarbeiten mehrerer Abgeordneter und sogar eines Ministers angezweifelt. Wie in Deutschland kostete der Dissertations-Skandal auch in Russland bereits politische Ämter. Ein stellvertretender Chef des Bildungsausschusses des russischen Parlaments sowie ein Chef der Zentralen Prüfungskommission mussten ihre Ämter bereits niederlegen.

Während die deutschen Politiker ihre Dissertationen „guttenbergen“, werden die Doktorarbeiten ihrer russischen Kollegen „burmatisiert“. Wladimir Wladimirowitsch Burmatow – das ist der Name des im Süd-Ural geborenen jungen Politikers der Regierungspartei Einiges Russland. Wie einst in Deutschland zu Guttenberg, galt sein Name noch vor einiger Zeit als Inbegriff einer atemberaubenden Politkarriere. Vor einigen Jahren war der damals 30-jährige Lehrer den meisten Russen nur als „rasender Blogger“ bekannt, der in heftigen Internetdiskussionen die Kremlpolitik verteidigte.

Im Jahr 2011 schaffte er dann den Aufstieg zu einem Abgeordneten der Duma und zum Vizechef des Bildungsausschusses des russischen Parlaments. Aber schon wenige Monate später stießen russische Blogger auf verdächtige Ähnlichkeiten in Passagen seiner Dissertation mit früher veröffentlichten, wissenschaftlichen Artikeln anderer Forscher. Noch gravierender lag der Fall bei einer Umfrage, die Burmatow unter Studenten der Universität Tscheljabinsk in seiner Heimatregion gemacht haben soll. Die Ergebnisse der Umfrage waren bis zum letzten Punkt identisch mit der Umfrage von Studenten einer technischen Hochschule, die von einer anderen Forscherin in einer anderen Stadt gemacht wurden. Die ganze Erhebung war ein reiner Betrug. Das Ausmaß des Skandals war so groß, dass Dr. Burmatow seine Posten im Duma-Ausschuss verlor und russlandweit zur Lachfigur wurde.

„Dr.“ Burmatow ist nicht der Einzige

Herr „nicht-mehr-Dr.“ Burmatow war nicht der einzige russische Politiker, der seine Seriosität mit einem akademischen Titel unterstreichen wollte, am Ende aber nur eine Welle kritischer Fragen auslöste. So wurde zum Beispiel die Qualität der Dissertation des amtierenden Kulturministers Wladimir Medinskij von mehreren Kritikern angezweifelt. Medinskij, der unter anderem als Autor historischer Romane patriotischer Ausrichtung bekannt ist, soll in einer Kurzfassung seiner Doktorarbeit „Objektivitätsprobleme in Beschreibung russischer Geschichte XV - XVII Jh.“ Zitate anderer Forscher verwendet haben, ohne diese als Zitate zu markieren.

Die Position des Ministers Medinskij war zwar stark genug, um im Amt zu bleiben, aber die Glaubwürdigkeit russischer Politiker, die sich mit stolzen akademischen Titeln schmücken, hat gelitten. Unter 450 Abgeordneten der Duma tragen 143 den Titel „kandidat nauk“ (vergleichbar mit einem Doktortitel in Deutschland) und 71 den Titel „doktor nauk“ (vergleichbar im Deutschen mit „Dr. habil.“). Des Weiteren gibt es im Föderationsrat, der oberen Kammer des russischen Parlaments, 64 Mitglieder (von insgesamt 178 Politikern) mit einem akademischen Titel. Obwohl der akademische Titel in Russland – im Gegensatz zu Deutschland – kaum in der Anrede verwendet wird, ist ein solcher Titel oft eine wichtige Voraussetzung zur Ausübung bestimmter Funktionen. Außerdem begründet er eine Erhöhung der Beamtenspesen. Nicht umsonst schrieben bereits die Beamten in der Sowjetzeit ihre Dissertationen zu allen möglichen Fantasiethemen. So verfasste beispielsweise der heutige Chef des russischen Rechnungshofs schon im Jahr 1986 eine Dissertation zum Thema „Parteiliche Leitung über die Feuerwehrbrigaden der Stadt Leningrad während des Großen Vaterländischen Krieges“.

Korruption im OAK

In den letzten Wochen mehrten sich die Verdächtigungen, dass es sich bei den bisher aufgedeckten Fällen nicht um Einzelfälle im Bereich des Plagiierens oder des Schreibens von Dissertationen mit fraglichem wissenschaftlichem Wert handelt. Es wird vielmehr immer wahrscheinlicher, dass es sich um ein tief verwurzeltes korruptes System der Fertigung von gefälschten Dissertationen handelt.

Am 7. Februar 2013 wurde in Moskau der Vorsitzende der Obersten Attestationskommission (OAK) Felix Schamchalow festgenommen. Der Mann soll laut Angaben der Ermittler knapp 9 Millionen Euro illegal erwirtschaftet haben. Es mehren sich die Anzeichen, dass ein Skandal um Massenfertigung gefälschter Dissertationen der Hauptgrund der Festnahme des Wissenschaftlers ist. Die Kommission ist die oberste akademische Stelle, die alle akademischen Titel, die in Russland verliehen werden, zuerst bestätigen muss.

Angeblich sollen mehrere Dutzend Russen – unter anderem Politiker wie der nationalistische Anführer Wladlen Kralin – mithilfe der Korruption im OAK ihre Dissertationen positiv bewerten lassen haben, die gar nicht als solche hätten akzeptiert werden dürfen. So fehlten zum Beispiel in allen Fällen die notwendigen Veröffentlichungen oder hatten gefälschte Namen. Ob die Ermittlungen im Fall Schamchalow diese Vermutungen bestätigen werden, ist noch nicht klar. Die Glaubwürdigkeit des akademischen Titels – vor allem eines Politikers – ist in Russland aber schon jetzt stark beschädigt.

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