Mit Kamera und Objektiv gegen weiße Wände

Teilnehmer des Projekts 
„Wir leben auf dieser Erde“ zu Besuch in Heidelberg. Foto: Amwrosij Chramow

Teilnehmer des Projekts 
„Wir leben auf dieser Erde“ zu Besuch in Heidelberg. Foto: Amwrosij Chramow

„Wer bringt krebskranken Kindern das Fotografieren bei?“ Diese Anzeige las der Hobby
fotograf Juri Chramow zufällig. Dann wurde das Helfen für den 46-Jährigen zum Lebensinhalt.

Mit ihren 18 Jahren ist Rita Chairullina schon Europameisterin im Triathlon. Und nun Teilnehmerin des von Juri Chramow gegründeten Fotorehabilitationsprojekts „Wir leben auf dieser Erde“.

Denn vor einem Jahr wurde bei ihr Blutkrebs diagnostiziert, und sie nahm gern das Angebot Chramows an, die öde Zeit im Krankenhaus durch Fotografieren herumzubekommen. „Ich habe alles fotografiert, was mir vor die Augen kam: Ärzte, die Krankenschwestern, den Blick aus dem Fenster und aus der Tür“, erzählt sie, streicht sich über das kurze Haar – die letzte Erinnerung an den Krebs – und fügt hinzu: „Das Fotografieren hat mich abgelenkt.“

Rita konnte das Krankenzimmer über ein Jahr lang nicht verlassen, bekam regelmäßig Medikamente gespritzt und absolvierte eine Chemotherapie, von der ihr die Haare ausfielen. Ihre Freunde durften 
sie nicht im Krankenhaus besuchen, sie selbst konnte nicht nach draußen.

„Psychologen gehen davon aus, dass unter derartigen Umständen eine Art virtueller Hunger eintritt“, erklärt der 46-jährige Chramow. „Und das Fotografieren entwickelt die Fantasie. Dadurch lassen sich die erdrückenden Wände des engen Krankenhauszimmers in alles Mögliche verwandeln, sogar in ein Schloss oder einen Dschungel.“

Chramow hat vor sechs Jahren „Wir leben auf dieser Erde“ gegründet. Er besucht die kleinen Patienten, die im Moskauer Zentrum für Kinderhämatologie, Onkologie und Klinische Immunologie behandelt werden, und zeigt ihnen, wie sie die bis zum Überdruss bekannten Objekte in ihrer unmittelbaren Umgebung fotografieren können: die Zimmertür, die Decke, das Bett, das Fenster. „Diese Dinge reizvoll und interessant aufzunehmen, das ist unsere Art, es der Realität heimzuzahlen“, sagt er lächelnd.


Leben oder Unterschrift?

Der Jurist Chramow war zunächst Beamter und danach Geschäftsmann, Fotografieren war sein Hobby. Dann aber sah er zufällig eine Annonce, in der es hieß, eine Stiftung suche einen ehrenamtlichen Helfer, der bereit sei, Kindern einmal monatlich die Grundlagen des Fotografierens zu vermitteln. Juri bewarb sich und wurde genommen.

Seit vielen Jahren ist für Juri Chramow das Fotorehabilitationsprojekt die Hauptsache seines Lebens. Foto: Maja Zschadina

Bald begriff er: Einmal im Monat war zu wenig. Vor allem für ihn selbst, denn der Umgang mit den Kindern wurde ihm mehr und mehr zum Bedürfnis. Also kam er jede Woche. Nach einer seiner Fotografiestunden erfuhr Chramow, dass auf der Intensivstation ein Junge im Sterben lag. „Er hat bloß noch 30 Minuten“, sagte ihm der Arzt. Und dass das Kind vielleicht gerettet werden könne, aber das nötige Medikament fehle.

Ein Anruf in einem anderen Krankenhaus ergab: Dort war das Präparat vorhanden, und Chramow wollte aushelfen. „Ich bin mit meinem Auto losgerast, bei Glatteis, unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln, um die rettende Ampulle zu holen“, schildert der Fotograf seinen Wettlauf mit der Zeit. Sein Adrenalinspiegel überschlug sich, aber er schaffte es: Der Junge überlebte.

Am nächsten Tag musste Chramow an seinem Arbeitsplatz die Unterschrift eines Beamten einholen. Er saß eine halbe Ewigkeit im Vorzimmer des Staatsdieners, ehe man ihm schließlich die Dokumente aushändigte. „Als ich die unterschriebenen Papiere in der Hand hielt, kam mir zu Bewusstsein: Um das Leben eines Kindes zu retten, habe ich 15 Minuten gebraucht. 
Und die Unterschrift eines russischen Staatsbeamten unter ein wertloses, unnützes Dokument zu bekommen, hat mich ganze acht Stunden gekostet.“ Seit jenem Tag ist das 
Fotorehabilitationsprojekt „Wir leben auf dieser Erde“ für Juri Chramow zum Lebensinhalt geworden. Dabei unterstützen ihn viele namhafte Kollegen. Kein Einziger der Meisterfotografen hat es bisher abgelehnt, mit den Kindern im Krankenhaus einen Fotoworkshop abzuhalten, wenn er darum gebeten wurde.

Schmerzhafter Alltag

Einmal im Jahr fährt Juri Chramow mit zehn bis 15 Kindern und Jugendlichen, die eine Krebserkrankung hinter sich haben, nach Deutschland. Sie beziehen Quartier in einem kleinen Hotel, schlendern durch die Stadt, besuchen Museen und Schlösser. Und fotografieren natürlich die ganze Zeit über. Die Teilnahme an dieser Reise ist für Juris Schützlinge kostenlos. „Wie viele der Eltern könnten denn das Geld dafür aufbringen?“, fragt der Fotograf rhetorisch. „Die allerwenigsten, viele der Kinder kommen aus der Provinz oder aus sozial schwachen Familien.“

Katja Kasakowa (26), eine Teilnehmerin des Projekts, die vor sieben Jahren ihren Krebs überwand, hält es für unwesentlich, wie lange die Krankheit zurückliegt. Die psychologischen Probleme seien noch über Jahre spürbar. Manche werden in der Schule gehänselt, weil sie durch die Hormonbehandlung sehr dünn oder dick geworden sind. Andere machen sich ständig Vorwürfe, dass sie krank und damit eine Belastung für ihre Familie waren.

„Die meisten aber haben einfach niemanden, mit dem sie reden können“, sagt Katja. „Während der Zeit im Krankenhaus sind ihnen die Freunde abhandengekommen. Außerdem ändert sich bei einem Menschen, der eine schwere Krankheit durchgemacht hat, der Blick auf das Leben.“ Diesen Blick kann nur verstehen, wer selbst betroffen war. So erschüttert die erste gemeinsame Reise ins Ausland die Kinder emotional sehr stark. Im positiven Sinne natürlich. Die Fotoapparate um den Hals gehängt, bummeln sie durch die deutschen Städte – und vergessen alles. Auch Infusionsapparate und Geräte für die künstliche Beatmung.

Auf der Suche nach deutschen Partnern

Die Facebook-Seite des Fotorehabilitationsprojekts „Wir leben auf dieser Erde“ (auf Russisch)

http://www.facebook.com/kindfoto

Das Moskauer Goethe-Institut unterstützt Chramows ungewöhnliche Fotorehabilitationsreisen. Dem Institut ist zu verdanken, dass die unkindlich gedankentiefen Fotos der Kinder nicht nur in Russland, sondern auch in Deutschland ausgestellt werden. Darüber, was diese Ausstellungen für die jungen Teilnehmer des Projekts bedeuten, verliert Chramow nicht viele Worte, denn es erklärt sich von selbst.

Er schildert, was ihm die Eltern eines Kindes erzählt haben. Als der Junge nach einer Chemotherapie wieder in die Schule kam, riefen ihm seine Mitschüler „Glatzkopf“ nach. Worauf er versetzte: „Ich habe zur Zeit keine Haare, na und? Dafür hatte ich zwei Ausstellungen in Moskau, und ihr?“ Chramow 
organisiert nicht nur Ausstellungen, er gibt auch in regelmäßigen Abständen Bildbände mit den 
Fotografien seiner Schützlinge heraus. Ein Großteil der Auflage wird verkauft.

Jetzt denkt er darüber nach, wie sich mehr krebskranke deutsche Kinder in das Projekt einbinden ließen, und ist in Deutschland auf der Suche nach Partnern. Sein Traum ist es, ein Fotocamp zu organisieren, in dem junge Fotografie-Enthusiasten aus verschiedenen Ländern gemeinsam arbeiten können. Der Projektleiter zweifelt nicht daran, dass diese Idee ein Erfolg wird, wie er ohnehin an wenigen Dingen zweifelt.

Wenn er davon spricht, dass er seine Projekte notfalls selbst finanziere, meint man zunächst, das sei ein Scherz. Doch auf die Frage, was gewesen wäre, wenn sein Geld nicht für die Fahrt der Kinder nach Heidelberg gereicht hätte, antwortet er: „Dann hätte ich einen Kredit aufgenommen.“

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland