Tscheljabinsk: Millionenstadt unter Meteoritenbeschuss

Druckwelle des Meteoriten drückte massenweise Fenster in Tscheljabinsk ein. Foto: ITAR-TASS

Druckwelle des Meteoriten drückte massenweise Fenster in Tscheljabinsk ein. Foto: ITAR-TASS

Diesen Februarmorgen – es war sonnig und hatte 18 Grad Frost - wird man in der Ural-Metropole Tscheljabinsk nicht mehr vergessen: Um 9.20 Uhr erschien am Himmel plötzlich eine leuchtender Punkt . Dann überstrahlte für drei, vier Sekunden ein helles, unnatürlich flackerndes Licht die Sonne.

Einige Augenzeugen berichteten, sie hätten einen Hitzeschwall gespürt. Sie habe deshalb ihren Kopf in einen Mülleimer gesteckt, erzählte eine Frau TV-Reportern. Manche dachten an einen Flugzeugabsturz. Oder an den Beginn eines Atomkriegs.

Zwei bis drei Minuten später, als die Menschen noch ratlos auf die qualmende Spur am Himmel und Lichtblitze am Horizont starrten, rollte grollend eine Druckwelle über die Stadt und drückte massenweise Fenster ein – zum Teil samt Rahmen. Eine ganze Reihe von Explosionen war zu hören, wie als würde die Stadt von Artillerie beschossen.

 

Über tausend Verletzte durch den Knall

Vor allem herumfliegende Glassplitter verletzten in der Millionenstadt und deren Umland über 1.100 Menschen, 48 Opfer des „außerirdischen Angriffs" wurden am Abend stationär in Krankenhäusern behandelt, drei Verletzte sind in schwerem Zustand. Todesopfer gab es entgegen erster Berichte nicht.

Auch größere Zerstörungen am Erdboden hat es nicht gegeben: Die Meteoritentrümmer sind entweder noch in der Atmosphäre verbrannt oder stürzten auf unbewohntes Territorium.

Die Tscheljabinsker Gebietsverwaltung sprach einige Stunden später davon, der Meteorit sei in einen See nahe der Stadt Tschebarkul, etwa 70 Kilometer westlich von Tscheljabinsk am Fuß des Urals, gestürzt. Später entdeckte das Militär dort aber nur ein acht Meter großes Loch im Eis.

Auch das Umfeld von Slatoust sowie die 150 Kilometer von der Gebietshauptstadt entfernte Bergbau-Stadt Satka wurden als Ort von Einschlägen genannt. Erste Meteoritentrümmer wurden angeblich schon gefunden.

Der partielle Einsturz von Wand und Decke eines Tscheljabinsker Zink-Werkes war allerdings eine Folge der Druckwelle und nicht eines zunächst angenommenen direkten Meteoritentreffers.

 

Astronomen waren genauso überrascht

Was war eigentlich geschehen? Anatoli Sajzew, Chef des mit der Meteoritengefahr beschäftigten russischen „Zentrums für planetarischen Schutz" sprach im Nachrichtenkanal „Rossija 24" von einem etwa 10 bis 20 Meter großen Meteoriten, vermutlich aus Gestein und nicht aus Eisen.

Anders als die für heute Nacht erwartete Passage des Asteroiden „2012 DA14" über Indonesien war dieser direkt auf die Erde zurasende Brocken aber den Astronomen verborgen geblieben.

Beim Eintritt in die Erdatmosphäre ist der von Osten kommende Himmelskörper in vermutlich 30 bis 55 Kilometer Höhe erstmals explodiert. Seine Trümmer stürzten dann einzeln zur Erde, begleitet von acht weiteren Explosionen. Diese Erscheinung brachte am Freitag in den Medien dann das Wort vom „Meteoritenregen" in Umlauf.

Nicht einig waren sich russische Wissenschaftler heute in der Frage, ob der Tscheljabinsker Meteorit mit dem Herannahen von DA14 in einem Zusammenhang steht oder nicht. Für eine Antwort müssen jetzt zunächst Daten gesammelt werden – unter anderem anhand der zahlreichen Videoaufzeichnungen von Amateuren, aus denen die Flugbahn des Meteoriten rekonstruiert werden kann.

 

Ein gigantischer Glasschaden

In Tscheljabinsk hatte man hingegen erst einmal ganz andere Sorgen: Da 170.000 Quadratmeter Fensterscheiben eingedrückt worden waren, mussten Schulen und Universitäten geschlossen werden.

Bürgermeister Sergej Davidow appellierte an die Arbeitgeber, das Personal nach Hause zu entlassen, damit die Leute dort nach dem Rechten sehen können und ihre Kinder aus Schulen und Kindergärten abholen können. „Familien sollten jetzt zusammen sein", sagte er.

 

Verrufene Atom-Anlage am Ural entgeht dem Boliden

Und ganz wichtig: „Die Strahlenbelastung ist wie üblich". Schließlich befindet sich just 70 Kilometer nordwestlich der Stadt in Osjorsk die atomare Wiederaufarbeitungsanlage Majak, wo sich 1957 eine gewaltige Explosion von Atommüll ereignet hatte – bis Tschernobyl der größte Strahlenunfall der Geschichte. Glücklicherweise kam der Meteorit über Tscheljabinsk auf etwas anderem Kurs herunter. Nach Angaben der Behörden von Osjorsk gab es dort keine Schäden und Opfer.

Hauptsorge der Tscheljabinsker Stadtverwaltung ist nun, bei dem herrschenden Frost allen Menschen eine warme Bleibe zu garantieren und das Einfrieren der Heizungs- und Wasserleitungen zu verhindern. Die Stadt will die Kosten aller Neu-Verglasungen übernehmen. „Die Situation ist unter Kontrolle", verkündeten einige Stunden nach dem kosmischen Angriff unisono alle Behörden.

Die Ural-Region ist bei der Attacke aus dem Kosmos noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Schließlich kennt man in Russland gut die Geschichten über die rätselhafte „Tunguska-Katastrophe": 1908 war über Ostsibirien ebenfalls ein Meteorit explodiert. Die Druckwelle verwüstete damals ein Gebiet von der doppelten Größe Moskaus – das allerdings unbewohnt war.

 

Schock-Bewältigung per Witz

Und nachdem der erste Schreck verdaut war, kursierten im russischen Internet dann prompt Meteoriten-Witze: Die Staatsduma habe bereits in erster Lesung ein Gesetz verabschiedet, das Meteoriten verbiete, heißt es da.

Andere fragen sich, welcher Romantiker wohl tags zuvor am Valentinstag seiner Angebeteten gelobt habe, die Sterne vom Himmel zu holen. Oder dieser: „Die Bewohner des Meteoriten beobachteten mit Schrecken das Herannahen von Tscheljabinsk."

 

Dieser Beitrag ersschien zuerst bei Russland Aktuell.

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