Ausgestoßene in Moskau

Foto: aus dem Archiv der Gemeinde des Hl. Ägidius

Foto: aus dem Archiv der Gemeinde des Hl. Ägidius

Abends drängen sich in allen Großstädten Obdachlose unter Brücken und auf U-Bahn-Schächten. Auch Moskau ist davon betroffen. Schlimm wird es zu Weihnachten.

Obdachlosigkeit in Russland

Moskau am Heiligen Abend, zu später Stunde. In einer stillen Gasse hinter dem Kursker Bahnhof im Zentrum krächzt plötzlich eine weibliche Stimme: „Gesegnete Weihnachten!“ Eine zahnlose Frau von ungefähr 40 schwenkt dazu einen Strauß steinhart gefrorener Nelken über dem Kopf.

Ihr schäbiger, schmuddeliger und viel zu großer Wollmantel ist nicht zugeknöpft, die Füße stecken in einer Art Fellstiefel. Ein Bein nachziehend schlurft sie über die Straße, gefolgt von einem bunten Trupp Gestalten, der zu einem Bus trottet. Die rund zwanzig müden Gesichter sind rot und aufgedunsen vor Kälte, vielleicht aber auch von dem einen oder anderen ordentlichen Schluck aus der Pulle.

Obdachlosigkeit in der Russischen Föderation:

Nach offiziellen Angaben beläuft sich die Zahl der Obdachlosen in der Russischen Föderation auf 400 000, wobei die Dunkelziffer weitaus höher liegt. Es gibt 140 Organisationen, die sich um Obdachlose kümmern.

An diesem Weihnachtsabend ist der Russisch-orthodoxen Hilfsdienst „Miloserdije“ (Barmherzigkeit) wie an jedem Winterabend unterwegs, um Obdachlosen zu helfen. Die finden sich am Bus ein, weil sie wissen, dass es hier stets einen Schluck heißen Tee, ein Stück Brot und ein paar tröstende Worte gibt. Der Bus klappert die ganze Nacht über die Bahnhöfe der Hauptstadt ab, liest Hilfsbedürftige auf, die sich dann unterwegs aufwärmen und beim Fahren bis zum Morgen schlafen können. Allerdings mit strengen Auflagen: Sie müssen sich ruhig verhalten, dürfen nicht trinken oder fluchen.

Die Frau mit dem Nelkenstrauß erreicht als Erste den Leiter des Hilfsteams, drückt ihm die Blumen in die Hand und fängt an zu schluchzen. Sie sei aus dem Krankenhaus entlassen worden, aber das Bein wolle und wolle nicht heilen. Wohin sie jetzt solle, wisse sie überhaupt nicht. Nach ihr tritt ein junger Mann mit zwei ausgewachsenen Veilchen unter den Augen an den Teamleiter heran. Er stamme aus St. Petersburg, sagt er, wollte in der Hauptstadt Arbeit finden und humple bereits seit einem halben Jahr auf Krücken durch Moskau. Bei einer Schlägerei hat er sich nun das Knie ausgerenkt und weiß nicht, wie er nach Hause zurückkommen soll.

Der Chef der Samariter hört alle geduldig an, hilft ihnen beim Einsteigen. Auch denjenigen, die nicht über ihr Schicksal sprechen wollen, wie beispielsweise der schweigsame alte Mann. „Opa Igel“, wie sie ihn nennen, ist eine lebende Legende unter den Obdachlosen. Ihn kennt jeder. Aber man weiß wenig von ihm, obwohl er sich bereits an die zehn Jahre auf der Straße durchschlägt, in Kellern, Hauseingängen und auf Bahnhöfen haust.

Wenn jeder ein warmes Plätzchen gefunden hat, rollt der Bus zum nächsten Sammelplatz. Die meisten Obdachlosen, erschöpft und ausgezehrt von der Gnadenlosigkeit des Straßenlebens, entspannen sich in der Wärme dieses Obdachs auf Zeit und schlafen fest ein. Bei anderen obsiegt der Hunger gegen die Müdigkeit. Schmatzend machen sie sich über dampfende Würstchen, Gebäck und Süßigkeiten her.

Eine Frau schüttet ihr Herz auf Englisch aus: Sie stamme aus der Ukraine, habe eine Spezialschule mit erweitertem Englischunterricht besucht, tingelte dann durch Europa, war dreimal in England. Sie schildert alles in größter Ausführlichkeit, doch auf die Frage, warum sie, die gut und gerne als Lehrerin hätte arbeiten können, ausgerechnet auf der Straße landete, verstummt sie. Die Augen niedergeschlagen, nuschelt sie – nun auf Russisch – etwas von „keinen Papieren“, ohne die sie keine Arbeit finden könne. Wie sie ihr Leben fristet, bleibt Geheimnis.

Obdachlosigkeit in Moskau:

Bei der Volkszählung 2010 wurden in Moskau über 6 000 Obdachlose erfasst. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass ihre Zahl 15 000 oder vielleicht sogar 30 000 beträgt.

80 Prozent der Obdachlosen sind Männer, 20 Prozent Frauen.

Die Moskauer Obdachlosen stammen aus sämtlichen Regionen Russlands sowie den benachbarten ehemaligen Sowjetrepubliken.

60 Prozent der Obdachlosen sind 30 - 50 Jahre alt.

15 Prozent der Obdachlosen verbleiben dauerhaft in der Unterschicht der Gesellschaft und kehren nicht mehr in ein normales Leben zurück.

Penner, Treber, Obdachlose: Sie sprechen nicht gern über ihr vorheriges Leben. Viele wollen einfach nicht zurückkehren in dieses Früher, selbst wenn es möglich wäre. Es muss also beileibe nicht rosig gewesen sein, denn normalerweise läuft keiner vor etwas Gutem davon.

Eine andere Frau schildert tränenreich, wie sie am Abend zuvor von Milizionären verprügelt und aus dem Keller, in dem sie zu übernachten gedachte, in die klirrende Kälte gejagt worden war. „Einfach so“, entrüstet sie sich. Doch Übergriffen ausgesetzt zu sein oder sogar Opfer eines Verbrechens zu werden scheint ihr jedoch verlockender, als ein Leben bei ihren Töchtern im Ural oder bei ihrem Sohn, einem Flottenoffizier, in Murmansk. Natürlich habe sie Sehnsucht nach den Kindern, gesteht sie, aber sie wolle ihnen nicht zur Last fallen. Sohn und Töchter hätten „auch so genug Probleme“. Sie beginnt zu weinen und kriecht zu ihrem Platz zurück.

Als schließlich der erste Weihnachtstag anbricht, schlafen alle friedlich. Unterdessen grast der Samariterdienst „Miloserdije“ weiter einen Bahnhof nach dem anderen ab und sucht Obdachlose, die unter Unterführungen und in spärlich erleuchteten Winkeln ein Nachtlager gesucht haben. Die Heilige Nacht verläuft überglücklich: Keiner der Obdachlosen braucht dringende medizinische Hilfe, Notrufe gehen auch nicht ein. Doch wer könnte schon mit letzter Gewissheit sagen, ob jeder der leidgeprüften, am Rande des Lebens dahintrottenden Gescheiterten in dieser frostigen Moskauer Weihnachtsnacht den Morgen erlebt hat.

Interview mit Diakon Oleg Wyschinski

Diakon Oleg Wyschinski (rechts), Leiter des Obdachlosenhilfsdienstes „Miloserdije“ (Barmherzigkeit). Foto: aus dem Archiv des Hilfsdienstes „Miloserdije“

Russland HEUTE: Sie sind heute Diakon und leiten den Obdachlosenhilfsdienst „Miloserdije“ (Barmherzigkeit) der Russisch-orthodoxen Kirche. Wie kamen Sie dazu?

Oleg Wyschinski: Ich hatte 13 Jahre im medizinischen Notdienst gearbeitet. Das gab mir aber nicht die Erfüllung, die ich mir versprach. Also wurde ich Hilfskraft in der Kirche. Ich arbeitete hier auch als Wachmann und begegnete bei meinen Kontrollgängen so manchem Obdachlosen. Mein Beichtvater lehrte mich, Mitgefühl mit diesen Menschen zu empfinden. Seit 2005 bin ich mit dem „Bus der Barmherzigkeit“ unterwegs, seit 2007 leite ich das ganze Projekt.

Wie gerät ein normaler Mensch plötzlich in die Obdachlosigkeit?

Für die schiefe Bahn hat die Wissenschaft einen harmlos anmutenden Ausdruck - "absteigende soziale Mobilitätsbahn". Aber im wahren Leben gibt es so viele Schicksale, wie es Menschen gibt.

Russisch-orthodoxer Hilfsdienst „Miloserdije“

Der Dienst ist ein Zusammenschluss kirchlicher Initiativen zur Unterstützung bedürftiger Menschen. Gegenwärtig werden mit Hilfe von Spenden 23 soziale Initiativen unterhalten. Darunter sind auch die beiden Obdachlosenprojekte „Bus der Barmherzigkeit“ und „Hilfsdienst für Obdachlose in Moskauer Krankenhäusern“.

Häufig spielt Alkoholabhängigkeit eine große Rolle. Wir haben uns zum Beispiel sehr lange um einen begnadeten Juristen gekümmert, der leider Alkoholiker war. Er ist in einer Suchtklinik behandelt worden, war danach acht Monate trocken und konnte wieder seinem Beruf nachgehen. Er hat unsere Schützlinge juristisch vertreten und nie einen Prozess verloren. Dann hatte er einen Rückfall. Der Mann steckte seine Wohnung in Brand und landete wieder auf der Straße. Da sehen Sie, wie der Alkohol die Menschen zerstört. Wir müssen eingestehen, dass wir hilflos sind. Ein Mensch findet nur Heilung, wenn er sich Gott zuwendet, damit der Höchste ihn von seiner Sucht erlöst.

Aber das größte Problem ist der Arbeitsplatz. Aus den verschiedenen Regionen kommen viele Arbeitssuchende in der trügerischen Hoffnung, hier etwas zu verdienen. Aber sie finden keinen Job, und das Geld geht ihnen aus. Eine Wohnung haben sie nicht.

An zweiter Stelle stehen Familienprobleme. Wenn einer trinkt und die Ehefrau dann ihrem Mann beständig Vorhaltungen macht, wird er wieder trinken. Dann beginnt die Spirale nach unten. Wenn der Mann dann meint, er müsste das Feld räumen, dann überlässt er für gewöhnlich die Wohnung seiner Frau. Er selbst steht dann ohne Dach über dem Kopf da.

Es kommt auch vor, dass Menschen Opfer gesetzwidriger Praktiken der Behörden werden. In den 90er Jahren gab es Fälle, dass Milizionäre Alkoholikern die Wohnung wegnahmen, indem sie sie betrunken gemacht und dann gezwungen hatten, Verzichtserklärungen zu unterschreiben. Unter den Obdachlosen finden sich zudem entlassene Häftlinge, Ehemalige aus Kinderheimen, illegale Immigranten und psychisch Kranke, die vor wem oder was auch immer fliehen.

Welche Aufgaben hat sich „Miloserdije“ vorgenommen?

„Bus der Barmherzigkeit“

Das Hilfsprojekt wurde 2004 ins Leben gerufen.

Im Einsatz sind 3 Teams mit je 5 Mitarbeitern, darunter 2 Ärzte.

Im Winter werden in jeder Nachtschicht 10 - 30 Menschen vor dem Erfrieren gerettet.

Im Winter 2010/11 wurden 2 700 Personen vor Unterkühlung bewahrt, 53 Personen in Krankenhäuser eingeliefert.

Im Sommer werden in jeder Tagschicht 15 - 40 Personen aufgenommen.

Im Sommer 2010 wurden 2 000 Personen betreut, 20 Personen in Krankenhäuser eingeliefert, 200 zur Behandlung in Gesundheitsstationen für Obdachlose gebracht und 250 in ihre früheren Wohnorte rückgeführt.

Unsere grundlegende Aufgabe sehen wir darin, die Obdachlosen in ein normales, geregeltes Leben zurückzuführen. Wir vermitteln Kontakte zu entsprechenden Einrichtungen, die nicht unbedingt zu unserer Organisation oder zu unserer Kirche gehören. Wir als Sozialarbeiter übernehmen also überwiegend eine neutrale Mittlerrolle.

Der „Bus der Barmherzigkeit“ leistet Unterstützung in Notfällen und dringende medizinische Hilfe für Bedürftige. Unser Team arbeitet auch in Krankenhäusern, denn dort hat ein Obdachloser häufig genügend Zeit, wieder zu sich selbst zu finden. Positiv ist, dass er erst einmal aus dem sozial ungesunden Milieu der Straße heraus ist. Unsere Mitarbeiter sprechen mit ihm von Mensch zu Mensch, und die Mauer zwischen dem sozial Geächteten und den "Normalen" verblasst. Wir vermitteln ihm das Gefühl, dass er einer "von uns" ist.

Obdachlose sind allerdings oft verschüchtert, misstrauisch und verschlossen, fürchten alles und jeden. Sie haben eine Menge negativer Erfahrungen einstecken müssen, an die sie nicht erinnert werden wollen. Es kommt glücklicherweise vor, dass Obdachlose mit uns zusammenarbeiten. Dann ist der Weg frei, sie zu reintegrieren. Wir nehmen Kontakt zu ihren Verwandten auf und erfahren, worüber sie selbst nicht sprechen wollen oder können. Wir helfen bei der Wiederbeschaffung von Personaldokumenten, bei der Wohnungs- und Arbeitssuche.

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