Ungewohntes wird zur Norm

Foto: PhotoXPress

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Das vor seiner Verabschiedung stehende, neue Gesetz „Über die Bildung“ verpflichtet Regelschulen zur Aufnahme von Kindern mit Entwicklungsstörungen. Doch auch die Gesellschaft muss ihre Einstellung hinsichtlich des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Behinderungen ändern.

Das Moskauer Technische Gymnasium Nr. 1540 nimmt schon seit 15 Jahren Kinder mit autistischen Störungen auf. „Am Anfang war es nur Mitleid und der Wunsch, den Eltern zu helfen, die ihre Kinder nicht in spezielle Förderschulen geben wollten. Denn ihnen war klar, dass dieser Weg in Invalidität und Isolation von der Gesellschaft führt“, erzählt die Direktorin des Gymnasiums, Marina Moisejewa.

Schritt für Schritt habe ihre Schule ein komplettes Programm zur Arbeit mit autistischen Kindern aufgebaut. Heute kämen Lehrer anderer Schulen an ihr Gymnasium, um Erfahrungen mit inklusivem Unterricht zu sammeln. „Bevor wir ein solches Kind aufnehmen, führen wir ein Gespräch mit den Eltern. Uns kommt es darauf an, dass wir dieselbe Sprache sprechen, und die Eltern offen über die Probleme ihrer Kinder reden“, erläutert die Leiterin des Schulpsychologischen Dienstes und Koordinatorin des inklusiven Unterrichts am Gymnasium Sofja Rosenblum.

Mit den Eltern der anderen Kinder, die das Gymnasium wegen des intensiveren Mathematik- und Informatikunterrichts, auswählten, werde ebenfalls gesprochen. Auch den Kindern werde erklärt, dass sie gemeinsam mit Gleichaltrigen lernten, die ein bisschen anders seien und mehr Aufmerksamkeit bräuchten.

Noch vor zehn Jahren gab es in Russland keine Autismus-Diagnose. Man steckte die betroffenen Kinder in Förderschulen für geistig Behinderte, ohne zu verstehen, dass Autisten oft über überdurchschnittliche Begabungen verfügen, diese aber wegen ihrer Probleme im Sozialverhalten nicht zur Geltung bringen können.

Im Gymnasium Nr. 1540 lernen die Kinder zunächst in kleinen Gruppen von fünf bis sechs Schülern. Danach werden sie in die normalen Klassen schrittweise integriert. Sie können im Unterricht auswählen, ob es ihnen angenehmer ist, in schriftlicher Form zu antworten oder auch erst nach dem Unterricht. Jeder Schüler hat seinen „Dolmetscher“ für die Kommunikation mit der Außenwelt, einen Tutor, der das Kind sowohl in der Klasse als auch in der Pause begleitet.

„Ein Kind mit Entwicklungsstörungen kann man nicht automatisch mit anderen Schülern vergleichen. Das heißt aber nicht, dass es zurückbleibt. Unsere ‚besonderen‘ Kinder gewinnen oft bei Schulolympiaden in Physik und Mathematik. In der Regel sind sie in den technischen Fächern gut“, erklärt Direktorin Marina Moisejewa.

Das Hauptproblem bestehe darin, dass ihr Gymnasium nicht in der Lage sei, alle Bewerber aufzunehmen. Maximal fünf bis sechs autistische Kinder könnten pro Jahr hinzukommen. Interessenten gebe es weitaus mehr, doch dazu seien die Kapazitäten ihres Gymnasiums zu gering. Viele Alternativen seien freilich nicht vorhanden. Alle Schulen, die bereit seien, sich mit solchen Kindern zu beschäftigen, konzentrierten sich vor allem auf die Grundschulbildung, also bis zur fünften Klasse. Danach gebe es nur noch Fernunterricht von zu Hause aus. Das aber bedeute, dass eine Integration nicht stattfinde.

Laut dem neuen Bildungsgesetz soll nun praktisch jede russische Schule eine inklusive Schule werden. Bislang wurde die Gründung solcher Schulen von oben diktiert, wobei oft hartnäckiger Widerstand von Pädagogen, die sich weigerten, mit kranken Kindern zu arbeiten, überwunden werden musste. Jetzt können die Eltern ihrerseits den Schulunterricht gesetzlich einfordern. Experten befürchten allerdings, dass die Schulen nicht ausreichend auf die neuen Herausforderungen eingestellt sind

Nach Meinung der Direktorin des Instituts für Probleme der inklusiven Bildung, Swetlana Alechina, gibt es in Russland bis jetzt sehr wenige Autismus-Fachleute. Sie würden schlicht und einfach nirgendwo ausgebildet. Ein nicht entsprechend ausgebildeter Lehrer könne aber auch nicht verstehen, dass das oft ungewohnte Verhalten eines autistischen Schülers nichts mit einer schlechten Erziehung zu tun habe, sondern mit seinen psychischen Besonderheiten zusammenhänge.

Im Gymnasium Nr. 1540 erfolgt deshalb gleichzeitig eine Ausbildung der Lehrer in speziellen Seminaren, in denen erklärt wird, wie man einen Zugang zu den Kindern bekommt. Ohne diese Vorbereitung würde der Lehrer früher oder später in Konflikte mit dem Kind geraten.

„Wenn wir die Inklusion vorantreiben und lernen, Kinder mit autistischen Störungen in den normalen Unterrichtsprozess einzugliedern, dann wird uns das später auch mit anderen Problemfällen wie beispielsweise mit Migrantenkindern gelingen“, ist sich Swetlana Alechina sicher.

„Wir werden oft gefragt, wozu wir einen solchen Aufwand mit autistischen Kindern betreiben“, erzählt Marina Moisejewa. Schließlich würde man, wenn man sich mit sozialer Integration beschäftige, doch automatisch mit anderen Problemen konfrontiert sein. Schulen wie ihre würden zum Beispiel nie ins Ranking der „300 besten Schulen Moskaus“ eingehen können.

Moisejewa bedauert, dass viele Kollegen es noch nicht gelernt hätten, ihren Beitrag für die Gesellschaft von einer anderen Seite aus zu bewerten. Darum aber gehe es doch gerade. Der Gesellschaft würde es so oder so nicht gelingen, sich zu verschließen und sich von allen „besonderen“ Menschen, deren Zahl steige, zu isolieren. Integration sei die einzige Lösung. Und damit müsse nun endlich begonnen werden.

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