Zurück zur Monarchie

Großfürstin Maria Romanowa: "Ein Monarch oder das Oberhaupt einer Dynastie muss sich aus politischen Konflikten absolut heraushalten". Foto: PhotoXPress

Großfürstin Maria Romanowa: "Ein Monarch oder das Oberhaupt einer Dynastie muss sich aus politischen Konflikten absolut heraushalten". Foto: PhotoXPress

Maria Romanowa, Oberhaupt der historischen Zarendynastie, lebt mit ihrer Familie in Spanien, möchte jedoch in ihre Heimat Russland zurückkehren. Doch das geschieht erst, wenn Russland die Monarchie wieder anerkennt. Wir sprachen mit der Großfürstin.

2013 begeht das Zarenhaus der Romanows den 400. Jahrestag seines Bestehens. Worin sehen Sie die Bedeutung dieses Ereignisses?

Für mich ist der 400. Jahrestag des Hauses Romanow nur ein Teil des großen gesamtnationalen Jubiläums anlässlich des Endes der „Zeit der Wirren" und der Wiederbelebung des russischen Staates.

 Unsere Dynastie wurde 1613 vom gesamten Volk durch Synode und Reichsversammlung zur Zarenherrschaft berufen. Die Entscheidung untermauerte die Ergebnisse des Befreiungskrieges – ein Ereignis, das aus der Geschichte nicht wegzudenken ist.

Doch der Sieg wurde errungen dank des opferreichen Einsatzes und der Heldentaten von Vertretern aller Stände in Russland. Deshalb bin ich überzeugt, dass dem 400. Jahrestag des Endes der „Zeit der Wirren" auf gebührendem Niveau gedacht werden wird. Ich meine jedoch, dass wir dieses Jubiläum in erster Linie mit Gebeten, Wohltätigkeit und Aufklärung begehen sollten.


Sie sind in Madrid geboren, haben in Oxford studiert und den größten Teil Ihres Lebens in Spanien verbracht. Dennoch äußern Sie in Interviews wiederholt, Ihr Zuhause sei Russland. Warum kehren Sie nicht nach Hause zurück?

Wäre ich eine Privatperson, könnte ich jederzeit nach Russland zurückkehren. Aber ich stehe in der Pflicht, den Erhalt des von mir geführten russischen Herrscherhauses als historischer Institution zu gewährleisten.

In allen zivilisierten Ländern sind die Chefs der Dynastien erst dann endgültig zurückgekehrt, wenn der Staat ihren rechtlichen Status eindeutig festgeschrieben hat. Das Beispiel Frankreichs, Italiens, Portugals, Bulgariens, Rumäniens, Ungarns, Serbiens, Montenegros, Albaniens, Afghanistans sowie zahlreicher anderer Länder, deren Königshäuser vertrieben wurden, später jedoch zurückkehrten, macht deutlich, dass der Rechtsstatus einer nicht herrschenden Monarchie in einem republikanischen Staat durchaus möglich ist und in keiner Weise im Widerspruch zu Verfassung und Gesetzgebung steht.

 Ich erhebe nicht im Mindesten politische Ansprüche, bitte nicht um Rückgabe von Besitztümern, verlange keinerlei Privilegien und Vergünstigungen.

Allerdings erwarte ich, dass der Prozess der Reintegration der Dynastie in den modernen Staat Russland ebenso verläuft wie in anderen europäischen Ländern und ein Rechtsakt verabschiedet wird, der die russische Monarchie als Objekt des historischen und kulturellen Erbes gemäß Artikel 44 der Verfassung der Russischen Föderation schützt. Ich glaube, dass alle juristischen Fragen früher oder später geklärt werden und wir für immer nach Russland zurückkehren.

 

Sie sind mehrfach mit der russischen Staatsführung zusammengekommen. Allerdings trugen diese Treffen inoffiziellen Charakter. Ist in nächster Zeit eine offizielle Begegnung mit dem Präsidenten Russlands absehbar?

Das hängt ganz vom Präsidenten ab. Ich verstehe, dass diese Angelegenheit sehr heikel ist und verschiedene Aspekte der Innen- und Außenpolitik berührt. Es muss ein passender Zeitpunkt für eine derartige Begegnung gefunden werden.

Einige Länder wie beispielsweise Spanien haben viele Jahre gebraucht, um eine offizielle Begegnung des amtierenden Staatsoberhaupts mit dem Oberhaupt der Monarchie herbeizuführen.

Ich bin jedoch überzeugt, dass ein solches Treffen die gegenseitige Achtung bestärkt. Wenn als Ergebnis Schritte zur Entwicklung der Beziehungen zwischen dem modernen Staat und der traditionsbewahrenden Institution der Monarchie festgelegt werden, kann das dem Land und seinem Image sehr nutzen.

 

Glauben Sie an eine Wiedergeburt der Monarchie in Russland? Und wie bewerten Sie die Rolle der Monarchie in anderen Ländern, beispielsweise in Spanien?

 Die Idee der Monarchie kann Perioden des Aufschwungs und des Abflauens erleben, doch es wird sie stets geben. Vor gerade einmal einhundert Jahren waren Republiken eine seltenere Erscheinung als Monarchien. Das 19. und das 20. Jahrhundert wurden zur Epoche der Revolutionen. Doch die furchtbaren Erschütterungen, Kriege und sozialökonomischen Miseren haben uns letzten Endes zu der Einsicht geführt, dass Vieles umsonst zerstört wurde, es aber für eine Wieder-herstellung noch nicht zu spät ist.

Man kann Tausende Argumente gegen die Monarchie ins Feld führen und ihr eine Vielzahl von Unzulänglichkeiten zuschreiben. Aber hat uns die Republik etwa davon erlöst? Meiner Meinung nach wurden diese Unzulänglichkeiten nur noch vertieft. Die weltweite Verbreitung der republikanischen Staatsordnung hat die Menschheit nicht vor Kriegen, Terror gegen das eigene Volk oder tiefgreifenden sozialökonomischen Katastrophen bewahrt, von den geistigen und moralischen Krisen ganz zu schweigen.

 Das Beispiel der Wiedereinführung der Monarchie in Spanien ist ausgesprochen lehrreich, was nicht heißt, dass man es in Russland einfach kopieren kann. Für Spanien war die Restauration des Königshauses eine positive Entscheidung, denn sie verhinderte einen neuen Bürgerkrieg.

Das verstehen und respektieren die führenden Staats- und Regierungschefs. Nicht zufällig verwies Präsident Wladimir Putin bereits im Jahr 2000 in seiner ersten ausführlichen Botschaft an die Nation, dem Buch „Ot perwogo liza" (2000 auch in Deutsch unter dem Titel „Aus erster Hand. Gespräche mit Wladimir Putin", bei Heyne, München, erschienen. Anm. der Red.), auf die spanische Erfahrung und bewertete sie positiv.

Russland mit seiner Vielzahl an Völkern, die unterschiedliche religiöse und kulturelle Traditionen besitzen, kann ein einendes Symbol aus Fleisch und Blut, wie es ein legitimer Erbmonarch nun einmal darstellt, von Nutzen sein.

 

Was halten Sie von der Wahl des 1946 abgedankten bulgarischen Zaren Simeon II. zum Ministerpräsidenten Bulgariens? Würden Sie gern aktiver am politischen Leben Russlands teilnehmen?

 Ich liebe und schätze Zar Simeon II., denn ich weiß, wie sehr er bestrebt ist, seinem Land zu dienen. Die Einwilligung, nach dem zeitweiligen Sieg des nach ihm benannten Parteienblocks „Nationale Bewegung Simeon II." das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen, halte ich jedoch für einen Fehler.

Ein Monarch oder das Oberhaupt einer Dynastie muss sich aus politischen Konflikten absolut heraushalten. Seine Pflicht besteht darin, die gesamte Nation zu einen. Er sollte seinen Namen nicht mit irgendeiner Partei in Verbindung bringen, selbst wenn sie ihm ideologisch nahe steht. Möglicherweise blieb Zar Simeon damals keine andere Wahl, seine Parteigänger hätten eine andere Entscheidung als Kapitulation und Verrat auffassen können.

Jedenfalls bin ich überzeugt, dass ihn allein das Wohl Bulgariens, so wie er es verstand, zu diesem Schritt bewog. Bedauerlicherweise fiel das Ergebnis anders aus, als er erwartet hatte.

Weder ich noch mein Sohn Georgi werden uns jemals an einem Parteienkampf beteiligen, das ist unsere prinzipielle Position. Wir sind absolut apolitisch. Wenn die Bevölkerung Russlands die Monarchie wiederbeleben möchte, erfüllen wir oder unsere legitimen Erben unsere Pflicht. Doch wenn das geschieht, wird der legitime Monarch keinesfalls als Anführer irgendeiner Partei auf den wiedererrichteten Thron zurückkehren, sondern als Oberhaupt einer historischen Dynastie. Er wird gleichermaßen Nähe suchen zu allen Mitbürgern, sämtlichen Parteien und Gruppen Gehör schenken, aber keiner einzigen angehören.

 

In zahlreichen Interviews haben Sie erklärt, keine Ansprüche auf Besitztümer der Romanow-Dynastie in Russland zu erheben. Halten Sie eine Rückgabe grundsätzlich nicht für angemessen?

Ich bin prinzipiell gegen eine Restitution, fordere oder erbitte nichts für mich und rate jedem davon ab, es zu tun. Ich hoffe, wir werden in Zukunft der Versuchung entgehen, ein weiteres Mal „alles zu nehmen und aufzuteilen". Eine neuerliche Umverteilung würde eine Vielzahl von Konflikten heraufbeschwören, Gewalt und Leiden auslösen. Diejenigen, denen der Besitz genommen wurde, wie auch diejenigen, die sich diesen Besitz damals aneigneten, leben schon lange nicht mehr. Die Nachkommen der Akteure jener schmerzlichen, furchtbaren Ereignisse auf beiden Seiten sollten keine Rache nehmen wollen.

Die einzige Ausnahme bilden die russisch-orthodoxen Klöster und Kirchen sowie die Gotteshäuser anderer Konfessionen. Sie wurden von Anfang an als Stätten des Gebets errichtet. Sie für andere Zwecke zu nutzen, wäre frevlerisch und eine Beleidigung für die Gläubigen. In der Hauptsache sind die kirchlichen Heiligtümer zurückgegeben worden, gleichwohl gibt es noch einige Probleme, von denen ich hoffe, dass sie auf der Grundlage von Recht und Gerechtigkeit gelöst werden.

 

Welche Haltung bringt Ihnen Spanien entgegen? Und wie fühlen Sie sich in diesem Land?

Spanien hat uns freundlich aufgenommen und Zuflucht gewährt, als uns der Weg in die Heimat versperrt war. Wir sind den Spaniern dankbar für ihr Wohlwollen und fühlen uns dort sehr gut aufgehoben, vor allem fühlen wir uns dort verstanden. Spanien kann uns das Vaterland nicht ersetzen, doch von allen anderen Ländern ist es uns das nächste.

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