Franziskus als Hoffnungsträger

Foto: AFP / East News

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Russische Geistliche begrüßen die Entscheidung des Konklaves und hoffen, dass die Wahl von Papst Franziskus I. ein neues Zeitalter der Zusammenarbeit zwischen Rom und dem Moskauer Patriarchat einläutet.

Die Wahl von Kardinal Jorge Mario Bergoglio zum neuen Papst löst in Moskau große Hoffnungen aus. Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche halten es für möglich, dass unter dem neuen Pontifex die administrativen Unstimmigkeiten zwischen den Kirchen überwunden werden können. Die russischen Katholiken zeigen sich sogar zuversichtlich, dass Papst Franziskus sich der „russischen Geistigkeit öffnet“.

„Der neue Papst genießt als Erzbischof von Buenos Aires große Autorität“, kommentierte der Leiter des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, der Metropolit von Wolokolamsk Ilarion Alfejew, die Papstwahl. „Nicht zufällig ist er der erste Papst, der den Namen Franziskus gewählt hat und damit dem in der katholischen Kirche als Heiligen verehrten Franz von Assisi ein lebendiges Denkmal setzt. Die Katholiken sehen in ihm ein Vorbild für Demut und Dienst an den Armen.“

Der Dienst an den Armen und Benachteiligten habe heute für die christlichen Kirchen Priorität, und auch die russisch-orthodoxe Kirche widme sich dieser Aufgabe mit Nachdruck, so der Geistliche, der zwischen 2003 und 2009 Bischof von Wien und Österreich war, weiter. „Wir sehen hier ein weites Feld für die Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche“, bemerkte Alfejew. Er hoffe, dass „unter dem neuen Papst unser Bündnis noch tragfähiger wird.“

„Wir setzen darauf, dass Franziskus I. die Beziehungen zwischen unseren Kirchen weiterentwickelt und somit fortsetzt, was sein Vorgänger begonnen hat“,  erklärte der Sekretär der synodalen Abteilung des kirchlichen Außenamtes für interchristliche Beziehungen, Erzpriester Dmitri Sisonenko. „Papst Franziskus soll einmal gesagt haben, dass er Dostojewski liebt. Hoffen wir, dass seine Wertschätzung auch den geistigen Traditionen der russischen Orthodoxie gilt.“

Positives Echo auf Papstwahl

Menschen, die den neuen Pontifex persönlich kennen, äußern sich optimistisch über die Perspektiven einer weiteren Annäherung zwischen den Kirchen. „Als Erzbischof von Buenos Aires besuchte Jorge Mario Bergoglio am Heiligen Abend regelmäßig die orthodoxe Kirche“, erzählt Bischof Ioann von Caracas und Südamerika, dessen Erzbischöflicher Stuhl sich in Buenos Aires befindet. Das spreche dafür, dass der „neue Papst ein sehr aufgeschlossenes Verhältnis zur Orthodoxie und der orthodoxen Glaubensgemeinschaft hat.“

Die russischen Katholiken sind ebenfalls zuversichtlich, dass unter dem neuen Papst Franziskus sich die Beziehung zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche festigen werden. „Der neu gewählte Papst ist vertraut mit der byzantinisch-christlichen Tradition, ihm oblag die geistliche Fürsorge für Mitglieder der griechisch-katholischen Kirche in Argentinien. Die Beziehungen zwischen der orthodoxen und der katholischen Kirche kennt er daher gut“, sagte Igor Kowalewski, Generalsekretär der Konferenz der katholischen Bischöfe Russlands.

Nach Einschätzung von Igor Baranow aus der Redaktionsleitung der „Katholischen Enzyklopädie“ stehe Papst Franziskus der orthodoxen Position in Fragen der gesellschaftlichen Moral bei der Ehe und Abtreibung nahe. „Wie die Figur des Franz von Assisi der russischen Kultur nahe war, so gibt es ein enges Band zwischen der Figur von Papst Franziskus I. und der russischen Geistigkeit von heute“, so Baranow.

Belastend wirkte sich auf die Beziehungen zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat Anfang der 1990er-Jahre die Beschlagnahme orthodoxer Kirchen durch griechische Katholiken in der Ukraine aus. Ungeachtet der zuversichtlichen Prognosen einer weiteren Annäherung der Kirchen ist, wie beide Seiten betonen, mit einem baldigen Treffen von Papst Franziskus und dem Moskauer Patriarchen Kyrill nicht zu rechnen. „Ein Treffen des neuen Papstes und des Patriarchen auf neutralem Boden ist dann denkbar, wenn man in Russland dazu bereit ist“, schätzt Kowalewski.

„Ich denke, ein solches Treffen ist möglich. Zeit und Ort aber werden vor allem davon abhängen, wie schnell wir die Konflikte aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren beilegen“, betont Metropolit Ilarion Alfejew.

Im Übrigen habe, erinnert Alfejew, der „Papst nicht nur einmal seine geistige Sympathie gegenüber der orthodoxen Kirche und seinen Wunsch nach Annäherung der Kirchen unter Beweis gestellt“. Das erste Treffen von Metropolit Ilarion und Papst Franziskus ist bereits für die nächste Woche im Vatikan geplant, wo am 19. März die Amtseinführung des neuen Pontifex stattfindet.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Kommersant.

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