Moderne Zeiten für Ischmasch

Das Denkmal vor dem „Ischmasch“-Museum zeigt die Werkarbeiter in Ehrentracht. Foto: Alexej Karelsky

Das Denkmal vor dem „Ischmasch“-Museum zeigt die Werkarbeiter in Ehrentracht. Foto: Alexej Karelsky

200 Jahre lang bestimmte die Waffenfabrik das Leben der Stadt Ischewsk. Jetzt wird das Werk modernisiert, die Ischewsker hoffen auf die Wiedergeburt 
einer zivilen „Kalasch“.

Die in die Jahre gekommene Jakowlew Jak-42 braucht knapp zwei Stunden von Moskau bis nach Ischewsk, Hauptstadt Udmur
tiens. Der winzige, aber gepflegte Flughafen empfängt uns fast menschenleer. Dafür steht Taxifahrer Farid im Foyer und wirbt mit einem Schild für seine Dienste. Die ganze Strecke über lasse ich mich von seinen Geschichten unterhalten. Ich erfahre, warum die Straße zum Flughafen in so tadellosem Zustand ist. Nach dem Erfolg der „Omas von Buranowo" auf dem Eurovision Song Contest 2012 ging nämlich das Gerücht um, dass Präsident Putin persönlich die Rentnerinnen-Band besuchen werde. Umgehend wurden Sonderfahrzeuge für den Straßenbau aus der ganzen Stadt zusammengezogen.

Putin kam dann doch nicht. Die Stadt sei außerdem in den letzten Jahren so rasant in die Breite gegangen, dass die Startbahn des alten Flughafens heute praktisch im Zentrum liege und die Neubauten von Ischewsk bereits bis an den Zaun seines kleinen Grundstücks herangerückt seien. Das habe früher einmal in einem Vorort gelegen. Und dann erzählt Farid noch, dass ihn in seiner Scheune regelmäßig ein Igel besuchen kommt.


Die Igel von Kalaschnikow

Wie sich später herausstellt, ist Farid da kein Einzelfall. Im Hof des legendären Kalaschnikow, des 93 Jahre alten Waffenkonstrukteurs, der von den Einheimischen zärtlich „unser Michail Timofejewitsch" genannt wird, steht ein kleines Holzhäuschen. Hier überwintert eine ganze Igelfamilie.

Kalaschnikow-Stand im Ischmasch-Museum. Foto: Alexej Karelsky.

Nicht weniger respektvoll spricht man in der Stadt über Andrej Fjodorowitsch Derjabin. Er legte 1807 im Auftrag von Zar Alexander I. den Grundstein für die Erfolgsgeschichte der Waffenfabrik Ischewsk und die Entwicklung der Stadt zu einem bedeutenden Industriezentrum.

Das Denkmal für Derjabin steht am Ufer des großen Stausees, den die Ischewsker heute immer noch „Teich" nennen. Am gusseisernen Gitter neben der Uferpromenade hängen unzählige kleine Vorhängeschlösser: Das Denkmal ist obligatorisches Ausflugsziel eines jeden Hochzeitspaares. Auf der anderen Straßenseite liegen die hellrosafarbenen Gebäude der ersten Fabrik mit ihrem charakteristischen Turm, der schon früh zum Wahrzeichen der Stadt wurde. Vor einigen Jahren stellte das Stammwerk seine Produktion ein, die Gebäude selbst werden seitdem von der Republik Udmurtien verwaltet. Bislang sind sie jedoch unbewirtschaftet geblieben und verwittern allmählich. Angeblich 
gibt es Pläne, sie zu einem Einkaufs- und Vergnügungszentrum umzubauen.

Im Museum „Ischmasch" erfahren die Besucher alles über die Geschichte der Waffenfabrik. Es ist in dem ältesten Gebäude der Stadt aus dem Jahr 1804 untergebracht. Vom Hügel über dem Ufer eröffnet sich ein wundervoller Blick auf den „Teich" und das alte Werksgebäude. Die spektakuläre Sammlung des Museums zeigt die unüberschaubare Zahl von Schusswaffen, die in den 200 Jahren Werksgeschichte gefertigt wurden: von einem Jagdkarabiner mit der Gravur „Für J. Stalin" bis zu funktionsfähigen Souvenirmodellen (im Maßstab 1:3) von Dragunow-Scharfschützengewehren und Kalaschnikow-Gewehren, deren letztes serienmäßig produziertes Exemplar Wladimir Putin im Oktober vergangenen Jahres zum 60. Geburtstag geschenkt wurde.

Die Museumsführerin Galina erzählt, dass die hier ausgestellte Sammlung von Ischmasch-Motorrädern 2003 eine geradezu kindliche Begeisterung bei Prinz Michael von Kent ausgelöst habe, dessen Leidenschaft für Raritäten auf Rädern bekannt ist.

Modernisierungsmaßnahmen

Das Werk selbst erlebt nicht die besten Zeiten: Von den einst 50 000 Arbeitern sind gerade einmal 4100 geblieben. Die Produktion von Rüstungsgütern ist praktisch eingestellt worden, weil in den Lagern des Verteidigungsministeriums große Mengen vollautomatischer Waffen lagern.

Das ehemalige Hauptgebäude der Waffenfabrik steht seit einigen Jahren leer. Demnächst könnte ein Shoppingzentrum einziehen. Foto: Alexej Karelsky

Seit 2010 laufen nun Modernisierungsmaßnahmen, in deren Zuge die komplizierte Struktur des Unternehmens vereinfacht werden soll. Unter anderem, so erläutert Produktionsleiter Wladimir Labadin, wird künftig nur noch in einem Werksgebäude produziert: „Aufträge vom Verteidigungsministerium gibt es nicht mehr, sie sind auch nicht absehbar. Mehrere Werke auf einem angemessenen technischen Stand zu halten und weiter produzieren zu lassen, hätte sich nicht mehr rentiert."

Populär in den USA

Statt auf staatliche setzt das Werk nun auf zivile Aufträge. „Außerdem stellen wir auf mittlere und kleinere Stückzahlen um", erläutert Pawel Kolegow, der stellvertretende kaufmännische Geschäftsführer, die Unternehmenspläne für 2013. „Das größte Potenzial hat natürlich der US-amerikanische Markt, auf den 67 Prozent des weltweiten Absatzes ziviler Schusswaffen entfallen. Im Jahr 2012 konnten wir unsere 
Lieferungen in die USA um 15 Prozent steigern, sie liegen mittlerweile bei 80 Prozent des gesamten Produktionsvolumens. Wir haben in diesem Zeitraum Produkte im Wert von 16 Millionen Dollar abgesetzt. Die amerikanischen Kunden nehmen uns praktisch alles ab, was wir dort auf den Markt bringen."

Die Fertigung von Waffen ist eine mühevolle Arbeit. Jede Waffe wird mit der Hand zusammengebaut, danach der Lauf auf einem speziellen Schießstand getestet. „Schauen Sie", – der Meister der Fertigungshalle Wiktor Dmitrijewitsch, der hier bereits seit 40 Jahren arbeitet, zeigt auf eine Reihe leerer Stellen auf dem Schießstand. „Früher hat an jedem Platz ein Schütze eine ganze Schicht durchgearbeitet." Dann wird die Waffe wieder auseinandergebaut, von Rückständen gereinigt, lackiert. Und erst danach werden ihre Teile zum letzten Mal zusammengesetzt, die Waffe kann abgenommen werden.

1986, als in der Montage noch 1000 Beschäftigte in zwei Schichten arbeiteten, erstreckte sich ein gesamter Produktionszyklus bis zur Verpackung über drei Tage. Heute werden sechs Tage einkalkuliert, dabei ist die Belegschaft deutlich geschrumpft und arbeitet nur noch in einer Schicht.


63 Prozent der Fabrikarbeiter sind Frauen. Foto: Pressebild

Jagdgewehre statt „Kalasch"

Wiktor Dmitrijewitsch erinnert sich stolz an vergangene Zeiten, als das Werk „Berge von Kalaschnikow-Maschinengewehren" in einem Jahr fertigte. „In den turbulenten 1990er-Jahren brachen die staatlichen Aufträge dann ein. Unsere Konstrukteure reagierten gut und entwickelten auf der Basis der Kalaschnikow eine neue Baureihe von Flinten. Das rettete uns. Heute stellen wir nur noch Jagdwaffen und Kleinkalibergewehre für den Biathlon her."

Trotzdem sieht der heimische Markt für russische Waffenkonstrukteure nicht eben rosig aus. Die Nachfrage ist dramatisch gesunken. Kamen vor fünf Jahren noch 80 Prozent der in Russland verkauften Waffen aus Ischewsk, machen die russischen Traditionsprodukte heute gerade mal 20 Prozent des Angebots aus. Ausländische Hersteller sind mit ihren 
Produkten auf den Markt vorgedrungen. Dermartialische „Military Style" der Ischmasch-Waffen, von den Kalaschnikows geprägt, liegt offensichtlich nicht mehr im Trend. Das Design soll erneuert werden. Hinzu kommt, dass Tschechen und Türken mehr Zusatzausrüstung anbieten.

Konkurrenz für Beretta

Für 2013 hat die Unternehmensleitung große Pläne. Das Ziel sind an die zehn neue Produkte und eine Ausweitung der Fertigungskapazitäten auf das Doppelte. Und speziell für den US-amerikanischen Markt der Bau kostengünstiger Kleinkaliberwaffen für den Amateursport.

Ein eigenständiges Geschäftsfeld bildet die Premiumklasse, über die früher bei Ischmasch niemand nachgedacht hat. Künftig will 
Ischmasch mit den bekannten italienischen Herstellern Beretta und Benelli konkurrieren. Der erste Schritt aber müsse sein, die Waffen aus Ischewsk überhaupt erst wieder in die russischen Verkaufsregale zu bringen.

In der werkseigenen, im Jahr 1896 „zur Fernhaltung der Arbeiter von unheilvollen Lastern und schädlichen Einflüssen" eröffneten Bibliothek zeigt uns die Leiterin Ljudmila Timofejewna Schriftstücke russischer Schriftsteller. Nicht ohne Stolz sagt sie zu mir: „Stellen Sie sich vor, unsere Bibliothek wurde nie geschlossen, trotz allen Unruhen der letzten hundert Jahre."

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