Schlangengrube Bolschoi Theater: Der Zwist geht weiter

Von außen leuchtet das Bolschoi im neuen Glanz, doch im Innern haben sich gewaltige Konflikte angestaut. Foto:AP

Von außen leuchtet das Bolschoi im neuen Glanz, doch im Innern haben sich gewaltige Konflikte angestaut. Foto:AP

Iwan Grosny als Gewerkschaftsboss! Ausgerechnet der mutmaßliche Drahtzieher der Säureattacke auf den Intendanten des Bolschoi Theaters wird zum neuen Arbeiternehmervertreter gewählt – anstelle des Anschlagsopfers.

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass das Arbeitsklima am Bolschoi Theater vergiftet ist, nun ist er erbracht: In der vergangenen Woche habe die Truppe des Theaters Pawel Dmitritschenko einstimmig zum neuen Leiter der Gewerkschaft im Bolschoi gewählt, berichtete der Startänzer und Tanzlehrer Nikolai Ziskaridse.

Mutmaßlicher Attentäter als Gewerkschafter

Dmitritschenko, Solotänzer am Bolschoi, der zuletzt Iwan den Schrecklichen im gleichnamigen Ballett tanzte, ist derzeit in Untersuchungshaft. Ihm wird

vorgeworfen, den Anschlag auf den Ballettmeister Sergej Filin in Auftrag gegeben zu haben. Filin wurde im Januar von Unbekannten mit Säure übergossen, erlitt schwere Verletzungen und musste mehrfach operiert werden. Derzeit befindet er sich zur Reha noch in Deutschland.

Bis zu der Attacke war Filin auch der Gewerkschaftsvertreter des Balletts, doch die Truppe habe seit zwei Jahren versucht ihn abzusetzen. Die Theaterleitung habe dies nicht zugelassen, berichtete Ziskaridse. Dass Ziskaridse so offenherzig Einblick in die innere Küche des Theaters gewährt, ist nicht verwunderlich. Er gilt als Intimfeind des Intendanten und als Anwärter auf dessen Posten.

Im Fegefeuer der Eitelkeiten

In den Medien wird nach wie vor offen darüber spekuliert, dass er eigentlich hinter dem Anschlag stehe – wobei die Gerüchte fleißig von der Theaterleitung angeheizt werden. Ziskaridse weist nicht nur die Vorwürfe zurück (offiziell gilt er ohnehin nicht als verdächtig), sondern nimmt sogar Dmitritschenko in Schutz.

Die Truppe glaube trotz dessen Teilgeständnis nicht an die Schuld Dmitritschenkos. In einem offenen Brief hatten die Artisten tatsächlich angezweifelt, dass Dmitritschenko hinter der Tat stehe. Das Geständnis habe der Tänzer abgelegt, weil er massiv unter Druck gesetzt worden sei, so ihre Version.

Mehr noch: Angeblich glaubt unter den Tänzern auch niemand an die schweren Verbrennungen. „Alle haben den Verdacht und wir hätten gern, dass uns Profis erklärten, wo denn diese Verbrennung dritten Grades ist, von der gesprochen wird, genauso wie von der großen Zahl an OPs gesprochen wird. Alle Artisten reden darüber untereinander", sagte Ziskaridse im russischen Fernsehen.

Theaterleitung gegen Truppe

Klar ist, dass nicht nur das Klima zwischen Ziskaridse und Filin vergiftet ist, sondern dass es wohl auch eine tiefe Kluft zwischen der Leitung des Bolschoi und den Tänzern am Theater gibt. Dass sich die Truppe so eindeutig auf der Seite des Verdächtigen positioniert, ist ein Alarmsignal.

Während das Bolschoi nach der aufwändigen Renovierung äußerlich wieder mit der von Sonnengott Appollo gelenkten Quadriga glänzt, gleicht es von innen eher dem Rinderstall des Augias, dessen Ausmisten wohl heraklische Kräfte erfordert.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Russland Aktuell.