Moskau macht strittige Schneerson-Bibliothek öffentlich

Die Schneerson-Bibliothek ist seit Jahren Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen der russischen Führung und der Chabad-Bewegung in New York. Foto: Kommersant

Die Schneerson-Bibliothek ist seit Jahren Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen der russischen Führung und der Chabad-Bewegung in New York. Foto: Kommersant

Es kommt Bewegung in einen seit Jahren schwelenden „Beutekunst“-Streit zwischen der orthodoxen jüdischen Chabad-Bewegung in den USA und dem russischen Staat: Die von den New Yorker Chassiden per Gericht eingeforderte „Schneerson-Bibliothek“ soll in Kürze in Russland öffentlich zugänglich werden.

Innerhalb einer Woche soll das Archiv an das vom Verband der jüdischen Gemeinden Russlands betriebene „Museum der Toleranz" übergeben werden. Die Bibliothek bleibe im Eigentum des russischen Staates, werde aber den russischen Chassiden zur Aufbewahrung übergeben, erklärte Michail Schwydkoj, der Beauftragte von Präsident Wladimir Putin für internationale Kulturbeziehungen.

Seltene Bücher und Manuskripte

In dem Museum sollen die Bücher und Manuskripte, die von manchen Chassiden als heilig verehrt werden, allen Interessierten frei zugänglich

werden, so Schwydkoj. Putin hatte selbst Mitte Februar angeregt, die umstrittene Sammlung den Juden Russlands zu übergeben. Berl Lasar, oberster Rabbiner der russischen Juden und selbst Chabad-Chasside, hatte bisher die Position vertreten, sich aus dem Konflikt zwischen dem russischen Staat und seinen amerikanischen Glaubensbrüdern herauszuhalten. „Aber ein Angebot des Präsidenten kann man nicht ablehnen", zitiert der „Kommersant" den als Putin-treu geltenden Geistlichen.

Seit 2006 wird gestritten

Hintergrund ist ein seit 2006 schwelender Rechtsstreit um die Besitzrechte an der über 10.000 alte Bücher und einige hundert Manuskripte umfassenden Bibliothek, die einst von der Rabbiner-Dynastie der Schneersons im westrussischen Ljubawitschi zusammengetragen wurde.

Nach der Oktoberrevolution wurde die nach Moskau ausgelagerte Bibliothek von den Sowjets verstaatlicht, während Rabbi Josef Isaak Schneerson mit dem Archiv seiner Chabad-Bewegung nach Polen übersiedelte. Im Zweiten Weltkrieg erbeuteten die Nazis die Dokumente und verschleppten sie nach Berlin – wo sie nach Kriegsende wiederum von der Sowjetarmee beschlagnahmt und ebenfalls nach Moskau gebracht wurde.

Die Schneersons und ihre auch Ljubawitsch-Bewegung genannte Chabad-Glaubensgruppe ließ sich hingegen im New Yorker Stadtteil Brooklyn nieder. Sie sehen sich als legitime Erben der Bibliothek, auch wenn deren letzter offizieller Eigner, der 1950 verstorbene Rabbi Yosef Yitzchak Schneerson, keine eindeutige Verfügungen über die Besitzrechte hinterlassen hatte.

US-Gericht verhängt drakonische Strafen über Russland

2010 sprach ein New Yorker Gericht der Chabad die Besitzrechte an der Bibliothek zu. Russland erkennt das Urteil jedoch aus prinzipiellen Gründen nicht an, da nach Moskauer Überzeugung die seit jeher in Russland befindliche Bibliothek nicht Objekt der US-Jurisdiktion sein könne.

Verschärft wurde der Konflikt durch einen Gerichtsentscheid Mitte Januar: Ihm zufolge muss Russland jetzt der Chabad täglich eine Strafe von 50.000 Dollar zahlen, solange die Bibliothek nicht übereignet wird. Damit wurde der Streit endgültig zum Politikum, da die Chabad nun in den USA die rechtliche Möglichkeit hat, staatseigene russische Kulturgüter – etwa Leihgaben zu Ausstellungen – als Kompensation beschlagnahmen zu lassen.

Noch nicht der Weisheit letzter Schluss

Die jetzt erfolgende Verlagerung der Sammlung in ein allgemein zugängliches jüdisches Museum bedeutet nach Expertenansicht auch keine Lösung des Streits. Nach Ansicht von Igor Filippow, dem ehemaligen Leiter der russischen Staats-Bibliothek, kann Russland jetzt nur noch auf diplomatischen Weg versuchen, das US-Justizministerium zu einer Aufhebung der umstrittenen New Yorker Urteile zu bewegen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei  Russland Aktuell.

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