Moskau wird urban

Das Moskauer Stadtbild verändert sich. Chefarchitekt Sergej Kusnezow will es in der russischen Hauptstadt komfortabel und urban haben. Russland HEUTE sprach mit ihm über das Neue Moskau, Radwege im Winter und allerhand Probleme.

Moskaus Chefarchitekt Sergej Kusnezow.

Foto: ITRA-TASS 

Können Sie in wenigen Worten beschreiben, wie Sie sich die Stadtentwicklung von Moskau vorstellen?

Moskau muss zu einer Stadt im wahrsten Sinne des Wortes werden. Die Stadt, das ist ein Lebensstil. Städter wollen in einem Haus wohnen, das sich von den anderen Häusern unterscheidet, einen gemütlichen Hof hinterm Haus und ein Café, Restaurant oder einen kleinen Laden in der Nähe haben. In Moskau gibt es so etwas bislang noch nicht. Wenn Sie in die Außenbezirke fahren, dann sehen Sie, dass man dort praktisch nichts anderes machen kann als schlafen.

Gibt es Vorbilder oder andere Erfahrungen, an denen sich Moskau orientieren kann?

Alle Städte sind einzigartig, aber von den Erfahrungen der anderen kann Moskau profitieren. Beispielsweise von Berlin: Als sich die zwei Teile der

Stadt wiedervereinigten, entstand an der Stelle, wo vorher die Mauer stand, quasi aus dem Nichts ein neues Zentrum. Oder Hamburg, wo gerade ein riesiges Industriegebiet umstrukturiert wird und sich in die Hafencity verwandelt. Man kann nach Peking schauen, das sehr solide renoviert wurde. Und noch ein positives Beispiel: Shanghai, in dem das neue Wirtschaftszentrum Pudong entstanden ist, hochgezogen auf einer gigantischen Brachfläche.

Lassen Sie uns über das Neue Moskau sprechen. Es gab viele Gerüchte, dass das Neue Moskau einer modernen Planung folgen würde. Man dachte an eine dichte Infrastruktur und kleine Häuser, also alles maximal ökonomisch in der Art eines Vorortes. Der Werbung nach zu urteilen werden dort aber nach wie vor riesige Hochhäuser gebaut.

Im Neuen Moskau errichten wir eine Alternative zum Zentrum und keinen Vorort. Das Problem der neuen Stadtgebiete liegt darin, dass sie früher zum Moskauer Oblast gehörten und es aus dieser Zeit noch eine riesige Anzahl an Projekten gibt. Die Leute, die diese Projekte geplant haben, hatten für diese Gebiete die Errichtung einer ruhigen Gegend im Kopf. Jetzt muss die Moskauer Stadtregierung mit den Investoren verhandeln und dabei versuchen, sich möglichst von diesen Verpflichtungen zu befreien. Das ist eine schwierige Aufgabe, aber wir gehen sie an.

Wohin soll das führen?

Zu einem komfortablen, urbanen Umfeld. Wir werden viele Arbeitsplätze schaffen, eine große Anzahl von Leuten soll hier leben. Um sie zu motivieren hierherzuziehen, muss man ein komfortables Umfeld schaffen, das heißt nicht so dicht bebaut, nicht so hoch gebaut, mit einer guten Architektur und einer funktionalen Ausgewogenheit.

Nimmt Moskau auch die Dienste ausländischer Architekturbüros in Anspruch? Können Sie an den Ausschreibungen teilnehmen und diese gewinnen?

Die staatlichen Auftraggeber haben praktisch keine Dienste ausländischer Architekten in Anspruch genommen. Vor Kurzem gab es eine Ausschreibung zur Entwicklung des Ballungsgebietes. Aber bis auf wenige Ausnahmen gibt es in Moskau so gut wie keine durch Ausländer realisierten Projekte. Die Anzahl der Projekte, die zurzeit realisiert werden, machen gerade einmal zwei bis drei Prozent aus.

Warum ist das so?

Auf dem russischen Markt gibt es keine Kultur der Auslese, und die Qualität der modernen westlichen Architektur ist deutlich höher. Der Markt begreift, dass ein Risiko der Übernahme durch westliche Architekten besteht, die sich den Großteil der Aufträge sichern würden. Deshalb schützt er sich reflexartig und setzt die Interessen der eigenen Stadtplaner durch. Faktisch hat sich eine relativ kleine Gruppe von Architekten herausgebildet, die in den letzten 15 Jahren das Marktmonopol besaß. Es gibt keine Konkurrenz; man hat gelernt, die Ausländer von Aufträgen fernzuhalten, ebenso die jungen Architekten. Das ist genau die Situation, gegen die ich aktiv anzukämpfen begonnen habe.

Auf welche Weise?

Ein kreativer Wettbewerb ist die natürlichste und aufrichtigste Form der Auslese. Wir führen gerade zielführende Gespräche und versuchen, für die Verhandlungen eine größtmögliche Zahl von Auftraggebern zu gewinnen. Für die Stadt ist das extrem wichtig. Denn dadurch, dass die junge Generation russischer Architekten zwangsläufig weggehen wird, sich aber eine neue Schicht noch nicht gebildet hat, sind wir nicht konkurrenzfähig. Und so riskieren wir, vor allem jetzt nach dem Beitritt zur WTO, von westlichen Unternehmen überrollt zu werden. So kann es passieren, dass der Markt mit drittklassigen Planungsbüros, die über solide Mittel und genügend Durchhaltevermögen verfügen, überfüllt sein wird. Die kreativen und begabten Architekten aber kommen nicht, weil die Auftraggeber und Konditionen hier zu schwierig sind. Deshalb bin ich der Ansicht, dass man sich einen Pool an konkurrenzfähigen Leuten heranziehen und den jungen Leuten eine Chance geben muss.

Und wie sehen Sie die Ausschreibung für das Mariinski-Theater in Sankt Petersburg? Da gab es viele schöne Entwürfe für das neue Gebäude des Theaters, wovon eines auch den ersten Platz gewann. Doch im Endeffekt wurde ein „Supermarkt" nach einem ganz anderen Entwurf gebaut.

Man muss verstehen, dass eine Ausschreibung nicht nur Verantwortung für die Architekten bedeutet, sondern auch für die Auftraggeber. Das Mariinski-Gebäude habe ich nicht gesehen, kann darüber also nicht urteilen. Diejenigen, die es kritisieren, können Recht haben oder auch nicht. In jedem Fall ist es in Russland tausendmal schwieriger, ein gutes Projekt zu realisieren, als in Europa. In Russland sind die Kollegen als auch das Publikum feindselig und jeder reibt sich die Hände vor Freude über einen Misserfolg. Ich glaube, man muss seine Fehler rational betrachten und es das nächste Mal einfach besser machen.

Eines der meistdiskutierten Themen in der Stadtplanung sind die Fahrradwege in Moskau. Die städtischen Behörden haben mit dem Bau der ersten Radwege begonnen und junge Stadtplaner halten sie geradezu für das Patentrezept gegen alle Krankheiten der Stadt. Dabei kann man sie bestenfalls gerade einmal fünf Monate im Jahr nutzen.

Es ist Unsinn zu glauben, dass man wegen des Klimas nicht Radfahren kann. In kanadischen und nordamerikanischen Städten, wo das Klima dem unseren sehr ähnlich ist, gibt es auch Fahrradwege und die Leute nutzen sie. Man braucht einfach eine klare Motivation und eine vernünftige Planung. Wenn der Stadtbewohner weiß, dass die Strecke zur Arbeit mit dem Fahrrad auf dem geräumten Radweg 15 Minuten statt der üblichen 30 Minuten mit dem Auto dauert, er keinen Parkplatz suchen muss und stattdessen das Fahrrad sicher neben dem Büro abstellen kann, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Radwege auch im Winter genutzt werden.

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