Sophia entdeckte das Land ihrer Mutter

Sophia Wiemer. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Sophia Wiemer. Foto: aus dem persönlichen Archiv

Spät lernte Sophia die Sprache ihrer Mutter, danach bereiste sie Russland, das Heimatland ihrer Mutter. Heute ist der deutsch-russische Austausch ihr Alltag, das Land hat sie in seinen Bann gezogen.


Sophia Wiemer (30) aus Stralsund hat in Chemnitz ein Osteuropa-Studium als Bachelor absolviert. Nach dem Studium ging sie für ein Vierteljahr nach Omsk für ein Praktikum und setzte ihr Studium anschließend mit einem Masterstudiengang in Greifswald fort. Im Zuge dessen absolvierte sie auch ein Auslandssemester in Sankt Petersburg. Zurzeit arbeitet sie für ein Jahr in Kasan (Republik Tatarstan) im Rahmen des Lektoren-Programms der Robert-Bosch-Stiftung.

Sophia Wiemer erzählt mir, sie habe zwar eine russische Mutter, aber bis nach ihrer Schulzeit habe das nicht viel Einfluss auf sie gehabt. Erst mit ihrem erwachenden Interesse für die Hälfte ihrer Familie, die in Russland wohnt, sei auch der Wunsch gekommen, die Sprache zu lernen.

Was waren Deine ersten Erlebnisse als Du begonnen hast, Russisch zu lernen?

 „Mit meiner Mutter Russisch zu sprechen, hat sich für mich immer fremd angefühlt. Da ich dann schon im Studium war, und Stralsund und Chemnitz doch weit auseinander liegen, habe ich einen ganz normalen Sprachkurs gemacht. Der Lehrer der alten sowjetischen Schule war sehr streng und dessen Stil war nicht immer motivierend. Mein erstes Praktikum nach dem Studium hat mich aber in Omsk mit einer Studentin zusammengebracht, die genauso sehr an der deutschen Sprache und Kultur interessiert war, wie ich an der Russischen. Wir haben uns dann Klebezettel mit deutschen und russischen Vokabeln auf den Kühlschrank geklebt. Das hat sehr geholfen beim Erlernen der Sprache. Allerdings war das Russisch dann doch wenig akademisch, eher ein Straßenrussisch, für das ich dann zu Beginn des Masterstudiums in Greifswald getadelt wurde. Ich müsse an meiner Grammatik doch noch sehr feilen. Und das habe ich dann versucht, Schritt für Schritt zu korrigieren.“

Waren deine ersten Erfahrungen in Sankt Petersburg so wie Du es Dir vorgestellt hast und was war anders als erwartet?

„Die andere Lernkultur fiel mir sofort auf. Es gibt mehr Frontalunterricht und die Studenten gehen klassenweise miteinander durchs Studium. Das hat neben einigen Nachteilen auch viele Vorteile, zum Beispiel eben jenen, dass man sich kennt und sich besser unterstützen kann. Dafür sind die Wahlmöglichkeiten eher gering, selbst die Themen der Magisterarbeit werden mitunter vorgegeben.“

Hast Du Dich willkommen oder fremd gefühlt?

„Eher fremd, muss ich sagen. Diese Fremde ist aber nicht so offensichtlich. Je länger ich jetzt hier bin, desto deutlicher wird mir das. Ein Beispiel: auf den Gesichtern in den Straßen sind nur wenige Emotionen zu sehen. In den Geschäften hier ist ja nicht alles Selbstbedienung, sondern man tritt an die Theke und bestellt. In so einer Situation muss man forscher sein als in Deutschland und sagen, was man will. Sonst wird man auch mal ignoriert. Ich war es gewohnt, dass man erst einmal den Blickkontakt mit der Verkäuferin sucht, und sie einen dann anspricht. Am Bahnhof ist es auch nicht so, dass alle brav in der Schlange stehen, sondern es wurschteln sich die Leute so durch. Es ist vielmehr ein Einfordern des Service im öffentlichen Leben. All dies war das Erste, was mir aufgefallen ist. Privat hingegen war es einfacher.

Als ich in Omsk war, stieß ich auf großes Interesse an meiner Person, und  auch auf Neugier, warum ich denn nach Osten gegangen sei, wenn doch in Russland die Richtung eher anders herum ist. Über das Interesse an ihrem Land haben sich die Menschen sehr gefreut. Ich habe erlebt, dass die Tatsache, dass ich Deutsche bin, als etwas Positives wahrgenommen wird. Diese Erfahrung habe ich gemacht als ich hier von Kasan aus mit einem Gastdozenten, der aus den USA kommt, eine Reise gemacht habe. Wir fuhren zu den Filialen unseres Instituts, um vor Studenten Vorträge zu halten. In den Fragen der Studenten wurde deutlich, dass ihr Deutschlandbild ziemlich idealisiert ist. Schwierig waren natürlich Fragen zum Zweiten Weltkrieg und zu Hitler. Aber selbst da schimmerte, ich drücke es mal ganz vorsichtig aus, sogar teilweise eine gewisse Faszination durch. Bei dem amerikanischen Gastdozenten hingegen überwogen die Vorbehalte. Die USA werden deutlich kritischer wahrgenommen.“

Hattest du ein Bild von Russland, bevor du kamst, und hat es sich geändert?

„Die ersten beiden Bücher, die ich gelesen hatte, waren ‚Weites Land‘ von Gerd Ruge und ‚Verbrechen und Strafe‘ von Dostojewski. Sie haben mein Bild und meine Erwartungen stark geprägt und dieses Bild ist natürlich romantisiert. In den Städten ist davon kaum etwas zu sehen. Dass ich jetzt erfahren kann, dass doch alles deutlich komplexer ist, ist ein weiterer Anreiz, noch länger im Land zu bleiben.“

Was waren die wertvollsten Erfahrungen für Dich?

„Die Bewertung Russlands seitens der Deutschen ist oft sehr klar und simpel: Das Land ist autoritär regiert und es gibt eine Menge Probleme zu lösen. Kommt man aber einmal hier an, wird klar, dass Vieles davon einfach mediale Verkürzung und ein Konzentrieren auf Skandale ist. Dass ich hierher kommen und feststellen konnte, dass die ganzen Fragen eben doch nicht so einfach zu beantworten sind, empfinde ich als sehr wertvoll.“

Wie ist es mit persönlichen Kontakten?

„Die, die ich gewonnen habe, sind so, dass ich denke, dass sie auch dann längere Zeit halten werden, wenn ich nicht jedes Jahr zu Besuch komme. Es sind nicht üppig viele, aber auf die Freunde, die ich habe, kann ich mich verlassen.“

Gibt es Dinge, die Du gerne vor dem Austausch gewusst hättest, oder die Du gerne verbessern würdest?

„Dass die Lernkultur anders ist, könnte besser kommuniziert werden. Wenn es keine Überraschung mehr ist, kann man sich darauf einlassen und offen sein, bevor man auf die Idee kommt, das frontalere System des Studiums zu verurteilen.“

Was würdest Du Studenten empfehlen, die sich überlegen, semesterweise ins andere Land zu gehen?

„Lasst Euch darauf ein und vergleicht nicht zu schnell mit den Verhältnissen in Deutschland. Stellt das, was Ihr kennt, auch mal in Frage, statt nur das Fremde zu kritisieren. Das Wissen darum und die Erfahrung, dass es mehrere berechtigte Standpunkte gibt, helfen auf jeden Fall im späteren Leben. Es macht den eigenen Geist flexibel.“

Sophia arbeitet derzeit weiterhin als Lektorin bei der Robert-Bosch-Stiftung, die in viele Länder Lektoren entsendet. Sie geben beispielsweise Deutschunterricht an Universitäten, organisieren Workshops, Filmabende, Lesungen und haben viele Projekte mit Deutschlandbezug. Sophia will in Zukunft weiter im Bereich der deutsch-russischen Beziehungen arbeiten, denn die Arbeit und die Herausforderungen faszinieren sie nach wie vor.

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