Kartoffeln aus dem Kofferraum

Gartentomaten: im Sommer essen, für den Winter einmachen. Foto: Kommersant

Gartentomaten: im Sommer essen, für den Winter einmachen. Foto: Kommersant

Datschenbesitzer und Kleinbauern verkaufen in Russland köstliches Gemüse, Obst und Milchprodukte. Das ist teurer als im Supermarkt, aber an Abnehmern mangelt es nicht.

Der russische Winter zeigt nochmal seine Zähne an diesem Tag Ende März: Über den zentralen Markt der Stadt Kaluga, zwei Stunden südwestlich von Moskau, pfeift ein kalter Wind, die Käufer stapfen durch Neuschnee.

Nur ein paar der Marktstände unter freiem Himmel sind besetzt. Die 58-jährige Wera Michajlowna steht dick eingemummelt hinter einem Metalltisch,

auf dem sie Eingemachtes aller Art anbietet: das Glas Sauerampfer für 70 Rubel (2 Euro), Himbeeren für 100 Rubel (2,50 Euro), in Tüten abgepackte, getrocknete Äpfel.

Das alles stammt aus ihrem Garten im Dorf, ein paar Kilometer außerhalb. Dort baut sie von April bis Dezember Himbeeren, Gurken, Kohl und Tomaten an. „Wir verbrauchen viel selbst. Doch was übrig bleibt, mache ich ein und verkaufe es auf dem Markt", erzählt sie.

Andere schicken einfach den Sohn oder die Schwiegermutter, und deshalb ist hier und auf allen anderen Märkten des Landes ab dem Frühsommer kein Durchkommen mehr: Aus Tüten, Körben und Kofferräumen verkaufen die Kleinanbieter Tomaten, Gurken, Topinambur, Kartoffeln, Pilze und alle möglichen Beeren. Ob die Produkte westlichen Biostandards genügen, ist dabei nicht immer klar.

Das Aroma der Tomaten und Gurken spricht allerdings dafür und auch die Tatsache, dass die meisten Verkäufer ja das, was sie anbieten, selber anbauen und essen. Wera Michajlowna etwa verwendet keinen Kunstdünger, auch aus Kostengründen: „Ich setze Brennnesseln und anderes Grünzeug 
in der Wassertonne an, und das kommt dann auf die Beete."

Ein bisschen weniger als Wera Michajlowna, nämlich sechs Ar Land, nennt fast jeder Russe sein Eigen. Ein Grundstück dieser Größe stand zu Sowjetzeiten praktisch jedem zu, und die Menschen setzten eine Datscha darauf und legten Beete an. Die Idee, einen Großteil derbenötigten Lebensmittel selbst anzubauen, ist heute lebendiger denn je, weil auch die Russen verstanden haben, dass die glänzenden Tomaten aus dem Supermarkt nicht die schmackhaftesten sind.

Aus manchen Datschenbesitzern werden mit der Zeit Subsistenzbauern. Walentina Sujewa verkauft im geschlossenen Teil des Marktes. Vor ihr ausgebreitet 
liegen verschiedene Quarksor
ten, Smetana, der fette russische Schmand, und ein paar Flaschen Milch. Drei Kühe haben sie und ihr Mann, und zwei-, dreimal pro Woche verkauft sie auf dem Markt. Und alles Bio? „Zweimal im Jahr überprüft der Verbraucherschutz das Wasser, das unsere Kühe trinken, und das Heu, das sie essen", sagt sie. Ihre Milch kostet fast doppelt so viel wie im Supermarkt, aber wie immer wird bis zum Abend alles weg sein. Weil's einfach besser schmeckt.

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