Keine langen Schlangen mehr vor McDonald’s

Derzeit liegt der Entwurf für ein Gesetz über ökologische Produktion vor. Es könnte noch 2013 in Kraft treten. Foto: RIA Novosti

Derzeit liegt der Entwurf für ein Gesetz über ökologische Produktion vor. Es könnte noch 2013 in Kraft treten. Foto: RIA Novosti

Der russische Biomarkt wartet auf seine gesetzliche Ordnung. Zertifizierte Bioproduzenten
gibt es bisher kaum. Gleichzeitig treiben andere mit „Bio“ und „Öko“ viel Schindluder.

Mit dem Prädikat „Öko" schmücken sich heute in Russland etliche Lebensmittel. Was sich aber hinter dieser Bezeichnung verbirgt, wissen nur wenige Verbraucher. „Ein Bioprodukt ist ein 
Erzeugnis, das auf ökologisch 
unbelastetem Boden ohne Einsatz von mineralischen Düngemitteln und Pestiziden angebaut wurde. Bei der Verarbeitung wird auf Konservierungsmittel, Emulgatoren und Stimulatoren ver
zichtet. Milch- und

Zahlen

 

120 Millionen US-Dollar werden auf dem russischen Biomarkt 2013 umgesetzt. Der Anteil heimischer Produzenten ist jedoch gering.

40 Millionen Hektar Ackerland liegen seit dem Ende der Sowjetunion brach. Hier könnte ohne Weiteres Bioackerbau betrieben werden.

100 Prozent müssen 
Russen draufzahlen, wenn sie statt eines konventionellen Lebensmittels ein Bioprodukt kaufen wollen.

Fleischkühen werden keine Antibiotika und Wachstumshormone verabreicht", erläutert Alexander Konowalow, Eigentümer des Ökobetriebs Konowalowo unweit von Moskau und Begründer der ersten russischen Vereinigung von Bioproduzenten und -lieferanten Ecocluster.

Aber solche Lebensmittel sind in den Regalen schwer zu finden, denn es fehlt die eindeutige Kennzeichnung. „Man müsste in den Supermärkten Bereiche abgrenzen und die Ware dort mit dem Zusatz ‚Produkte aus ökologischem Landbau des Betriebs xy' ausweisen, damit die Kunden sich sofort orientieren können", sagt Konowalow.

 Das Problem der Ökokennzeichnung hat noch eine andere Facette. Viele Erzeuger, die die grünen Zeichen der Zeit erkannt haben, bringen Lebensmittel auf den Markt, die nur auf der Verpackung „biologisch" sind. „Bezeichnungen wie ‚bio' oder ‚ökologisch' sind noch lange keine Garantie, dass der Inhalt den Standards der biologisch-organischen Landwirtschaft entspricht", warnt der Koordinator des Deutsch-Russischen agrarpolitischen Dialogs Florian Amersdorffer.


Eine Frage des Geldbeutels

 Die Schicht der Wohlhabenden, die das nötige Kleingeld für Bioprodukte aufbringen kann, ist bislang klein, zumal „Bio" in Russland teurer ist als in Europa. Während man im Westen zehn bis 40 Prozent mehr dafür berappen muss, seien die Preise auf dem russischen Markt durchschnittlich doppelt so hoch, erläutert Oleg 
Mironenko vom Unternehmerverband Organic. Das liegt auch daran, dass der Löwenanteil der ökologisch erzeugten Lebensmittel aus dem Ausland eingeführt wird. In den Preisen schlagen sich neben Transport und Zoll auch Aufwendungen für die zusätzliche Zertifizierung nieder. Nach Mironenkos Auffassung können Erzeugnisse aus dem Ökolandbau nur dann breitere Verbraucherschichten erreichen, wenn mehr heimische Produkte angeboten werden.


Weitreichende Veränderungen

 Im Moment noch lässt sich die Zahl der Biobetriebe jedoch an einer Hand abzählen. Nach Angaben von Konowalow gibt es derzeit in der gesamten

Russischen Föderation nicht mehr als zehn bis 15 nach dem internationalen Standard „organic" zertifizierte Unternehmen. Immerhin haben weitere 30 bis 40 Betriebe eine Zertifizierung beantragt.

Der Erwerb einer solchen Lizenz ist allerdings nicht billig. Etwa 2700 Euro muss ein Landwirt zahlen, um „organic" produzieren zu dürfen. „Es rechnet sich noch nicht, gesunde Produkte zu erzeugen. Ihre Herstellung ist zeitintensiv und kompliziert, sie sind daher teurer als die herkömmlichen und werden nicht massenhaft nachgefragt", meint Alexej Djumulen, Leiter des Getreidekonzerns Unigrain.

Die Hersteller von Bioprodukten hoffen deshalb auf Hilfe „von oben". Und eine neue Gesetzes-initiative könnte tatsächlich noch in diesem Jahr in Kraft treten: Das russische Landwirtschaftsministerium hat den Entwurf eines Gesetzes über die „organische Produktion" von Lebensmitteln vorgestellt. Gleichzeitig werden ein technisches Reglement und Parameter für einen nationalen Standard zurökologischen Landwirtschaft ausgearbeitet.

 

Ökologische Zukunft

Das Inkrafttreten dieser neuen Rahmenbedingungen wird allen Marktteilnehmern transparentere Grundlagen verschaffen. „Wenn der gesetzliche Rahmen erst einmal feststeht, werden Akteure auf den Markt treten, die sich an den Bestimmungen orientieren und unrechtmäßig handelnde landwirtschaftliche Betriebe verdrängen. Das belebt den Biomarkt", hofft Konowalow.

Laut Ecocluster werden im Jahr 2013 importierte und heimische Bioprodukte in einem Gesamtwert von 120 Millionen Dollar auf dem russischen Markt abgesetzt. Das sind 20 Prozent mehr als im Vorjahr, und auch für die kommenden Jahre wird mit einem jährlichen Wachstum in Höhe von 20 bis 30 Prozent gerechnet.

Trotz des so geringen Anteils russischer Biobauern ist das Potenzial, ökologisch zu produzieren, beachtlich. Laut Konowalow liegen noch immer 40 Millionen Hektar Land seit dem Ende der Sowjetunion brach, die sich über die Jahre in „ökologisch absolut unbelastete und für den Ökolandbau geeignete Ackerböden" verwandelt hätten.

Doch zurzeit gilt noch: Wer keine teuren und dazu noch „falsche" Biokartoffeln kaufen möchte, für den bleibt immer noch „Marke Eigenanbau": „In Russland ist die Sphäre der privaten Nebenerwerbsbetriebe etwa in Datschen sehr entwickelt. In der Regel arbeiten diese und auch Kleinbauern ökologisch-organisch. Wir brauchen ein Gesetz, das es ihnen ermöglicht, sich nach internationalen Standards zertifizieren zu lassen", so der Direktor von Eko Kultura Jakow Ljubowedskij. Wer eine Belebung des Biomarkts durch regional erzeugte Produkte forderte: Hier wären sie zu finden, die Biobauern.

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